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Politik

Marokkaner wenden sich gegen Terror

20. August 2017

In verschiedene Terror-Anschläge in diesem Jahr waren Marokkaner verwickelt – auch jetzt in Barcelona. Ihre Landsleute in Spanien verurteilen die Gewalt und distanzieren sich. Stefanie Müller über Reaktionen in Madrid.

Marokko Flagge
Die marokkanische FlaggeBild: picture-alliance/dpa/Sputnik/N. Seliverstova

Jetzt im Sommer sind die Spanien lebenden Marokkaner, aber auch jene, die in Spanien geboren wurden, fast alle auf Familienbesuch in Marokko. Auch, weil viele Firmen wegen der Hitze und Urlaubswelle geschlossen haben. Die Autos voll gepackt mit Essen, Decken und allem, was es in Marokko nicht gibt, machen sich die Immigraten auf den Weg nach Algeciras oder Cádiz. Dort nehmen sie die Fähre nach Marokko. Sie bringen ein wenig von dem, was sie in Spanien erwirtschaftet haben, zurück in ihr Land.

Diese bilateralen Beziehungen funktionieren seit Jahrzehnten. Politisch ist es eine Hassliebe, weil Spanien mit Ceuta und Melilla immer noch zwei Exklaven auf marokkanischem Grund unterhält. Doch abgesehen von der politischen Situation haben es Marokkaner in Spanien weitgehend einfach, Arbeit auf dem Bau oder in der Gastronomie zu finden.

Im besten marokkanischen Restaurant der Stadt

Auch die Eltern von Hajiba Habban kamen vor 17 Jahren nach Madrid, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Aber sie haben ihre Heimat nie vergessen, kehren im Sommer immer wieder zurück. Hajiba ist in diesem Jahr jedoch hier geblieben. Die 20jährige arbeitet im "Almounia", dem besten marokkanischen Restaurant der Stadt, wo sie jeden Tag auf viele Touristen und Spanier trifft. "Diese Terrorattacken in Barcelona, wo unsere Glaubensbrüder beteiligt sind, machen mich traurig. Aber auf der anderen Seite glaube ich auch, dass sie Einzelgänger sind, Verrückte, die auf keinen Fall etwas mit Marokko zu tun haben", sagt die junge Frau.

Die Marokkanerin liebt Spanien, trotz vieler rassistischer Reaktionen, die sie dort erfahren hat - "vor allem in der Schule". Sie besucht keine Moscheen, weil sie keine Zeit hat, aber manchmal das Casa Arabe – ein Kulturzentrum. Sie ist eine intelligente junge Frau, realistisch und kritisch: "Ich weiss, dass Marokko nicht eine richtige Demokratie ist, und dass nicht wirklich jemand dort zurück will, wenn er hier gelebt hat. Aber ich denke, dass auch einige Marokkaner in Spanien frustiert sind wegen schlecht bezahlter Jobs und unterschwelligem Rassismus. Aber nichts rechtfertigt Gewalt - und mit dem Islam haben diese Attentate in Barcelona gar nichts zu tun."

Islamische Kulturzentren wollen helfen

Auch muslimische Frauen verurteilen in Barcelona die GewaltBild: picture-alliance/Kyodo/MAXPPP

Das finden auch die Vertreter der verschiedenen religiösen Einrichtungen in Madrid, die sich am Sonntagmittag auf dem zentralen  Platz Puerta del Sol versammelt haben, um öffentlich gegen den Terror aufzutreten: "Wir verurteilen diese Taten zutiefst", sagt der anwesende Mimoun Amrioui, Präsident des islamischen Kulturzentrums in Fuenlabrada bei Madrid. Auch in Barcelona haben sich viele Muslime vor laufender Kamera pro Spanien geäussert und sich bedankt für die Gastfreundschaft, nicht selten unter Tränen. Mimoun Amrioui hat angekündigt, dass die islamische Gemeinschaft in Spanien alles tun werde, um bei den Ermittlungen in Bezug auf das Attentat behilflich zu sein. Man solle sich aber vor einer Islamophobie hüten, sagt die Muslimin und Journalistin Amanda Figueras. "Wir Gläubige sind auch Opfer dieses Terrorismus, weil der Hass auf unsere Religion durch solche Taten zunimmt. Das darf man nicht vergessen."

Marokkaner sind gut integriert in Spanien

Vor der Wirtschaftskrise in Spanien stellten Menschen aus dem Maghreb die Hauptgruppe der Einwanderer dar. Zwischen 2003 und 2013 verdoppelte sich ihre Zahl von rund 400.000 auf fast 800.000. Inzwischen wurden die Marokkaner als stärkste ausländische Gruppe in Spanien jedoch von den Rumänen überholt.  Die meisten Marokkaner leben auch wegen der geringen Sprachprobleme sehr gut integriert in die Gesellschaft und sind über das ganze Land verteilt. Es gibt in Spanien keine Ausländer-Ghettos wie in anderen Ländern.

Die Moschee in Madrid ist eine der größten EuropasBild: picture-alliance/AA/E. Aydin

Hauptsächlich handelt es sich bei den marokkanischen Einwanderern in Spanien um Männer, sie machen 64 Prozent aus. Der Ihr Hauptmotiv ist der Wunsch nach einer wirtschaftlichen Verbesserung. Auch die Köche Abdul und Rashid leben seit vielen Jahren in Spanien. Sie arbeiten in Las Rozas in einem italienischen Restaurant, 20 Minuten von Madrid entfernt. Sie lieben die Spanier. Jeden Sommer fahren sie zurück zu ihrer Familie im Norden Marokkos. Ihre spanischen Freunde laden sie in ihr Land  ein: "Wir schämen uns natürlich, wenn wir so etwas sehen wie in Barcelona, weil der Name Marokko und auch der Islam immer wieder erwähnt wird." Beide sind gläubig, weshalb sie dieser Terror noch mehr ärgert: "Es zieht unsere ganze Kultur und alles, an das wir glauben, in den Dreck."

Spanien - ein offenes Land

In Madrid, an der Stadtautobahn M30, liegt einer der grössten Moscheen Europas. Hier gehen viele gläubige Marokkaner ein und aus. Die Anschläge auf die Madrider Nahverkehrszüge im März 2004 haben das Kulturzentrum damals in den Mittelpunkt der Ermittlungen gerückt. Aber seitdem hat sich viel verändert. Der Islam in Spanien hat sich geöffnet, das Interesse der Spanier an Muslimen ist gewachsen. Auch dank einer Aufklärung durch die Medien hat es bisher sehr wenige gewalttägige Ausschreitungen gegen Marokkaner gegeben.

"Refugees welcome", steht auf dem Transparent an der alten Post in MadridBild: Stefanie Müller

An der alten Post in Madrid hängt seit 2015 das Tuch „Refugees welcome", was zeigen soll, wie ausländerfreundlich die Hauptstadt ist, auch wenn sie de facto erst rund 1400 Flüchtinge aufgenommen hat. Hajiba Habban, die junge Frau aus dem Lokal, muss immer lächeln, wenn sie an dem Plaza Cibeles vorbeifährt und diesen Slogan liest. Es gibt ihr ein gutes Gefühl. Sie sieht sich als Spanierin und Marokkanerin - und will bald in Madrid ihr Wirtschaftsstudium, wie sie stolz noch erzählt. 

 

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