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KonflikteNahost

Massiver Armee-Einsatz Israels in Al-Schifa-Klinik in Gaza

18. März 2024

Zum zweiten Mal innerhalb von vier Monaten ist das Al-Schifa-Krankenhaus in der Stadt Gaza Ziel eines israelischen Vorstoßes geworden. Es kam zu Feuergefechten, bei denen laut Armee 20 Palästinenser getötet wurden.

Bewohner von Rimal, des betroffenen Viertels von Gaza-Stadt, verlassen die Kampfzone im Bereich des Al-Shifa-Krankenhauses
Bewohner von Rimal, des betroffenen Viertels von Gaza-Stadt, verlassen die Kampfzone im Bereich des Al-Shifa-KrankenhausesBild: Dawoud Abo Alkas/Anadolu Agency/picture alliance

Vor dem Hintergrund anhaltender Kämpfe im Al-Schifa-Krankenhaus in der Stadt Gaza hat die israelische Armee die Menschen in dem Gebäude sowie in den umliegenden Vierteln zum Verlassen der Konfliktzone aufgerufen. "Um Ihre Sicherheit zu gewährleisten, müssen Sie das Gebiet sofort nach Westen und dann (...) zum humanitären Bereich in Al-Mawasi (an der Gaza-Küste) evakuieren", schrieb ein israelischer Militärsprecher auf der Plattform X. Der Aufruf richtete sich an alle Personen im betroffenen Stadtteil und in dessen Umgebung. Augenzeugen zufolge wurden über dem Gebiet auch Flugblätter mit diesem Aufruf abgeworfen.

Israel: Hamas hat sich in Klinik verschanzt

Kampfeinheiten der israelischen Streitkräfte waren in der Nacht zum Montag in das größte Krankenhaus des Gazastreifens eingerückt. Ein Armeesprecher hatte dies damit begründet, dass sich die militant-islamistische Palästinenserorganisation Hamas neu gruppiert und im Spitalskomplex verschanzt habe. Bei dem Einsatz in der Klinik sei es auch zu Feuergefechten mit Terroristen der Hamas gekommen. Während des Einsatzes hätten Terroristen das Feuer aus dem Krankenhaus heraus auf israelische Soldaten eröffnet, so der Sprecher. Die Truppen hätten das Feuer erwidert und "Treffer festgestellt". 

Armee spricht von 20 getöteten Kämpfern 

Am Nachmittag meldete die israelische Armee, dass bei den Kämpfen 20 palästinensische Kämpfer "eliminiert" worden seien. Zudem würden zahlreiche festgenommene Verdächtige verhört. Unter den Getöteten sei auch Faik al-Mabhuh, der bei der Hamas für die innere Sicherheit zuständig gewesen sei, hieß es weiter. In Polizeikreisen in der Stadt Gaza wurde sein Tod bestätigt. Demnach war al-Mabhuh Mitglied der Polizei in dem Palästinensergebiet. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. 

Dieses Foto zeigt israelische Soldaten bei ihrem ersten Einsatz am Al-Schifa-Krankenhaus im vergangenen NovemberBild: Victor R. Caivano/AP Photo/picture alliance

Das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium teilte mit, am Eingang des Klinikkomplexes brenne es. Geflüchtete Frauen und Kinder seien wegen der Rauchentwicklung erstickt, Menschen in Operationsräumen und der Notaufnahme eingeschlossen. "Es gibt Opfer, darunter Tote und Verletzte, und es ist unmöglich, jemanden zu retten, weil das Feuer so heftig ist", hieß es weiter. Jeder, der sich den Fenstern nähere, werde ins Visier genommen. Augenzeugen berichteten am Vormittag, dass die Kämpfe anhielten. Die israelische Armee habe bis dahin rund 80 Menschen festgenommen, unter ihnen medizinisches Personal. Nach diesen Angaben, die sich gleichfalls nicht unabhängig überprüfen lassen, halten sich in dem Komplex rund 3000 Patienten sowie 10.000 Kriegsvertriebene auf.

Hamas: Israel begeht neues Verbrechen gegen Krankenhaus

Die Hamas hielt in einer Erklärung fest: "Die israelische Armee begeht ein neues Verbrechen gegen das Al-Schifa-Krankenhaus." Das Militär war bereits Mitte November trotz massiver internationaler Kritik in das Klinikgebäude eingedrungen. Dort fand die Armee nach eigenen Angaben Munition, Waffen, und Militärgerät - und stieß auf einen 55 Meter langen Tunnelkomplex der Hamas. Die Klinik ist eine der wenigen noch funktionierenden medizinischen Einrichtungen im Gazastreifen. Israel wirft der Hamas seit längerem vor, Krankenhäuser als Unterschlupf zu nutzen.

Gaza: Waffenfunde im Al-Schifa-Krankenhaus

02:37

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Auslöser des Hamas-Israel-Kriegs war das beispiellose Massaker, das Terroristen der Hamas sowie anderer extremistischer Palästinenserorganisationen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze zum Gazastreifen verübten. Die Hamas wird außer von Israel auch von den USA, der EU, Deutschland und weiteren Staaten als Terrororganisation eingestuft. 

Offene Worte von Scholz an Netanjahu   

Am Sonntag hatte Bundeskanzler Olaf Scholz bei einem Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen angesichts der hohen Opferzahlen offen infrage gestellt. Er betonte bei einem gemeinsamen Pressetermin zwar, dass Israel das Recht habe, sich gegen den Hamas-Terror zu verteidigen. Gleichzeitig legte er Netanjahu jedoch nahe, seine Strategie im Gazastreifen zu überdenken: "Egal, wie wichtig das Ziel auch sein mag: Kann es so schrecklich hohe Kosten rechtfertigen, oder gibt es andere Wege, dieses Ziel zu erreichen?", fragte der sozialdemokratische Kanzler.

Kontroversen Themen, ernste Mienen: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Bundeskanzler Olaf Scholz bei ihren PressestatementsBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Netanjahu erklärte, er sei sich mit dem deutschen Gast darin einig gewesen, dass "die Hamas eliminiert werden muss". Es werde keinen Frieden geben, solange die islamistische Terrororganisation im Gazastreifen bestehen bleibe, sagte er. "Wir haben keine Zukunft, wenn die Hamas, die zum Genozid an uns entschlossen ist, intakt bleibt."

"Es gibt auch eine humanitäre Logik"

Netanjahu hatte am Freitag eine Bodenoffensive in der Stadt Rafah an der Grenze zu Ägypten genehmigt. Dort haben rund 1,5 der mehr als 2,2 Millionen im Gazastreifen lebenden Menschen Zuflucht gesucht. Hilfsorganisationen sprechen von katastrophalen Bedingungen. Die Verbündeten Israels und die internationalen Helfer befürchten extrem hohe Opferzahlen, sollte Israel eine Militäroperation beginnen.

Netanjahu versicherte dem deutschen Regierungschef, vor der geplanten Offensive werde die Zivilbevölkerung in Sicherheit gebracht. Scholz stellte ihm aber die Frage, wie 1,5 Millionen Zivilisten denn geschützt oder wohin sie gebracht werden sollten. "Die militärische Logik ist eine Erwägung, aber es gibt auch eine humanitäre Logik", sagte er. Fragen wurden bei dem kurzen Pressetermin von Scholz und Netanjahu nicht zugelassen.

sti/se/mak (afp, dpa, rtr)