Medikamente ändern bei Hitze gefährlich die Wirkung
28. August 2025
Der Hausarzt verschreibt einem 70-Jährigen mit langjähriger Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen zweimal täglich 50 mg eines Betablockers. Normalerweise ist dem Patienten damit gut geholfen. Aber was passiert, wenn draußen fast 40 Grad herrschen?
Die Außentemperatur spielt bei der Dosierung eine wichtige Rolle. Denn um die Körperkerntemperatur konstant zu halten, reagiert der Körper bei großer Hitze mit verstärktem Schwitzen, erweiterten Blutgefäßen und einer gesteigerten Durchblutung der Haut. Gelingt diese Temperaturregulation nicht, kann es zu Kreislaufproblemen, Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Muskelkrämpfen, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkten oder zu einem Hitzschlag kommen.
Wer Medikamente nimmt, sollte bei Hitze besonders viel trinken. Denn durch den Flüssigkeitsverlust können Medikamente viel stärker wirken und auch die Nebenwirkungen verstärken sich drastisch.
Das gilt besonders für Betablocker, so Prof. Dr. Julia Stingl, die Ärztliche Direktorin der Abteilung für Klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Die "Heidelberger Hitzetabelle" gilt als wichtige Orientierungshilfe, um die Dosierung von Medikamenten während Hitzeperioden entsprechend anzupassen.
Betroffen sind aber auch Diuretika, also Entwässerungsmitteln und Abführmittel, die einen stärkeren Wasserverlust begünstigen, Psychopharmaka und Mittel, die bei Depressionen eingesetzt werden, Anticholinergika, Antihistaminika oder selbst verbreitete Schmerzmitteln wie ASS oder Ipuprofen.
Um eine Überdosierung zu verhindern, muss die Dosierung bei großer Hitze individuell angepasst, also meisten gesenkt werden. Viele wissen aber nicht, dass eine entsprechende Anpassung nötig ist, auch weil entsprechende Warnhinweise auf den Beipackzetteln meist fehlen.
Mehr Todesfälle bei oder durch Hitze?
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jährlich etwa 490.000 Menschen infolge großer Hitze- mit steigender Tendenz in den letzten Jahrzehnten.
Dass so viele Menschen in Hitzeperioden sterben, liegt auch an der veränderten Wirkung und den verstärkten Nebenwirkungen von Medikamenten bei großer Hitze, so Stingl gegenüber der DW.
"Ganz klar, wir sehen das in der klinischen Pharmakologie: Der Klimawandel führt zu mehr Todesfällen, vor allem bei älteren Menschen, die viele Arzneimittel einnehmen", sagt die Pharmakologin. "Die verstärkten Nebenwirkungen führen zu Gleichgewichtsstörungen, zu Schwindel, zu Koordinationsstörungen, auch zur Verwirrtheit. Wir sehen deutlich mehr Stürze und mehr Aufnahmen in der Notaufnahme aufgrund von Stürzen bei alten Menschen in den sommerlichen Hitzeperioden."
Als "direkte Hitzetote" gelten oftmals nur Personen, bei denen zum Beispiel Tod durch Hitzschlag oder akutes Organversagen an sehr heißen Tagen festgestellt wurde. Andere "exzessmortalitätsbasierte Schätzungen" - wie die von der WHO - erfassen die Gesamtsterblichkeit während Hitzewellen. So werden auch Herzinfarkte, Schlaganfälle, etc. in Zusammenhang mit Hitzeereignissen als "indirekte Hitzetote" einbezogen.
In Europa gab es im Jahr 2023 nach Auswertung von Forschergruppen um das Barcelona Institute for Global Health und basierend auf Eurostat-Daten mehr als 47.000 Hitzetote. Die Zahlen für Europa schwankten in den letzten Jahren zwischen ca. 30.000 und 70.000 Toten, je nach Intensität der Hitzeperioden.
Besonders betroffen sind Griechenland, Bulgarien, Italien und Spanien. In Deutschland wurden 2024 etwa 2800 bis 3000 hitzebedingte Todesfälle gezählt.
Wer ist bei Hitze besonders gefährdet?
Zur Risikogruppe gehören vor allem ältere Menschen und Pflegebedürftige, chronisch Kranke insbesondere mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenleiden, Nierenproblemen und Diabetes sowie Säuglinge und Kleinkinder, da sie viel schwitzen und einen erhöhten Flüssigkeitsbedarf haben. "Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr in den verschiedenen Lebensaltern, das ist eigentlich der Hauptfokus", so Julia Stingl.
Betroffen sind aber auch Menschen, die bei Hitze schwer körperlich arbeiten oder sich lange im Freien aufhalten, wie z. B. Personen auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. "Wenn der Körper durch die Hitze ausgetrocknet ist, arbeiten die Nieren nicht mehr richtig, man wird verwirrt bis zum Delir (Zustand akuter Verwirrtheit, Anm. der Redaktion). Das Flüssigkeitsdefizit sollte nicht mit alkoholischen Getränken auffüllt werden, weil das gerade in der Kombination mit Arzneimitteln zu Nebenwirkungen und gefährlichen Reaktionen führen kann", so Stingl.
Gefährdet sind zudem Wohnungs- und Obdachlose, die der Hitze oftmals schutzlos ausgesetzt sind und sich keine Abkühlungen leisten können.
Wird Hitze bei der Dosierung ausreichend berücksichtigt?
Die Dosierung von Medikamenten richten sich einheitlich nach den Zulassungsstudien, die oftmals in industrialisierten Ländern durchgeführt werden. Extreme Hitzeeffekte bei Arzneimitteln werden bislang kaum berücksichtigt.
Allerdings könne es einen für alle verbindlichen Standards bei Hitze auch nicht geben, so Stingl. "Jungen Menschen, die ja auch in klinischen Studien für die Zulassung eingeschlossen werden, machen Hitzeperioden nicht viel aus, weil sie genug trinken, sich vielleicht im Kühlen aufhalten und genügend bewegen. Da muss ich die Dosierung auch nicht ändern. Aber bei den empfindlichen Patientengruppen, die bei Hitzeperioden unter Medikamentennebenwirkungen leiden, muss ich niedriger dosieren. Das aber muss ich individuell in der Praxis erkennen. Für die Medikamentenzulassung ist das nicht relevant", sagt die Heidelberger Pharmakologin.
Einzelfallprüfung statt allgemeiner Richtlinien
Die Abwägung von Risiken und Vorteilen bei der Dosierung sei komplex, so Soko Setoguchi, Professorin für Medizin und Epidemiologie an der US-amerikanischen Rutgers University. Das Absetzen eines Medikament oder eine Änderung der Dosierung könne immerhin schwerwiegende Konsequenzen haben.
"Solche Entscheidungen erfordern eine gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Patienten und Ärzten, wobei die individuellen klinischen Umstände berücksichtigt werden müssen und nicht pauschale Dosierungsänderungen vorgenommen werden dürfen", sagt Setoguchi gegenüber der DW.
Allgemeingültige Dosisempfehlungen bei Hitze zu geben sei sehr schwierig, erläutert auch Prof. Dr. Bernhard Kuch, der Direktor der Klinik für Innere Medizin am Stiftungskrankenhaus Nördlingen. "Auch hier gilt es meines Erachtens um die Förderung der so genannten "awareness" der Ärzteschaft, des Gesundheitswesens und natürlich der betroffenen Patienten, um individuell angepasste Dosierungen in entsprechenden Risikogebieten bzw. Risikoepisoden zu ermöglichen", sagt Kuch im DW-Interview.
Richtlinien an geänderte Klimabedingungen anpassen
Grundsätzlich müssen die Auswirkungen von extremer Hitze auf die Arzneimittelverträglichkeit stärker berücksichtigt werden, da sind sich die Expertinnen und Experten einig. Dies gelte vor allem in Gebieten, wo sich das Klima deutlich ändere. Etwa für südeuropäische Länder oder in Nordafrika, wo der Klimawandel für "immer stärkere Hitzeperioden mit über 50 Grad Celsius in baumlosen Städten" sorge, sagt Stingl.
Die bisherigen Studien und die aufeinander abgestimmten Zulassungsverfahren sorgen zwar dafür, dass Patienten weltweit möglichst schnell und umfassend mit Medikamenten versorgt werden können, so Setoguchi.
Aber: "Da mit dem Klimawandel eine Zunahme extremer Hitze zu erwarten ist, müsste das Regulierungsverfahren möglicherweise überdacht werden", sagt die Medizin-Professorin. "In naher Zukunft könnten regionsspezifische oder bevölkerungsspezifische Studien erforderlich sein, insbesondere für Gebiete, in denen extreme Hitze zur Norm wird, wie im Nahen Osten, in Nordafrika, in Afrika, Südasien und Südamerika".
Der Artikel wurde am 28.08.25 überarbeitet