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PolitikBulgarien

"In Bulgarien bleibt mir mehr Geld als in Deutschland"

21. Januar 2026

Hochqualifizierte Bulgaren verlassen Deutschland und arbeiten aus der Heimat weiterhin für ihre deutschen Arbeitgeber. Neben der Nähe zur Familie bringt das den Rückkehrern auch mehr Netto vom Brutto.

Auf dem Bild sind die Unterkörper eines Mannes und einer Frau zu sehen, die durch einen hellen Raum gehen und Rollkoffer hinter sich herziehen
Im Jahr 2024 sind erstmalig mehr Bulgaren aus Deutschland weg- als zugezogenBild: BGNES

"In Bulgarien bleiben mir pro Monat etwa 300 Euro mehr von meinem Gehalt als in Deutschland", sagt Kristina Borisova. Anfang 2025 ist die 41-jährige Bulgarin in ihre Heimat zurückgekehrt - nach acht Jahren in Deutschland.

Heute lebt Kristina in Pomorie, einer kleinen Stadt an der Schwarzmeerküste - und arbeitet weiterhin für ihren deutschen Arbeitgeber als Sachbearbeiterin in der Energiewirtschaft. Ihre Firma, die in Gera sitzt, zahlt ihrer Mitarbeiterin das gleiche deutsche Gehalt - auch wenn sie von Bulgarien aus arbeitet.

Nach acht Jahren in Deutschland lebt Kristina Borisova heute an der Schwarzmeerküste - mit ihrem deutschen GehaltBild: privat

Aufgrund der niedrigeren Steuern und Sozialabgaben in Bulgarien bleibt Kristina mehr Netto vom Brutto. Da sie in Pomorie zudem keine Miete zahlt, sondern im Haus ihrer Eltern wohnt, hat sie nach allen Ausgaben am Ende des Monats deutlich mehr Geld übrig - insgesamt etwas mehr als 700 Euro. Das ist nicht nur in einem Land, in dem das Durchschnittsgehalt im vergangenen Jahr bei 1300 Euro lag, viel.

Kristina ist ihrem deutschen Arbeitgeber sehr dankbar, dass dieser ihrem "Remote Work"-Modell zugestimmt hat. "Der finanzielle Vorteil ist großartig. Aber das Beste ist, dass ich in der Nähe meiner Familie bin", so die Bulgarin.

Nähe zur Familie statt Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche

Auch Radimir Bitsov ist nach acht Jahren in Berlin in die Heimat zurückgekehrt. Heute lebt er in Bulgariens Hauptstadt Sofia und arbeitet weiterhin für seinen deutschen Arbeitgeber, ein kleines IT-Unternehmen. Er ist mitten in der durch den Coronavirus verursachten Pandemie umgezogen.

Das Hauptmotiv für den Umzug nach Bulgarien war für Radimir Bitsov die Nähe zur FamilieBild: privat

"Damals wurde unser Kind geboren. Es war sehr schwierig, eine größere Wohnung in Berlin zu finden. Und wir wollten in der Nähe unserer Familie sein", erzählt der 38-jährige IT-Spezialist. Dass er von seinem deutschen Gehalt in Bulgarien deutlich mehr Netto habe als in Deutschland, sei ein sehr angenehmer Nebeneffekt. "Es sind immerhin etwa 20 Prozent", so Radimir.

"Remote Work" ist Trend

"In den letzten Jahren beobachte ich einen neuen Trend - immer mehr junge und gut ausgebildete Bulgaren verlassen Deutschland und arbeiten "remote" von Bulgarien aus", sagt der Jurist Konstantin Ruskov gegenüber der DW.

Die Kanzlei von Konstantin Ruskov steht deutschen Arbeitgebern zur Seite, wenn bulgarische Mitarbeiter nach Bulgarien zurückkehrenBild: privat

Seine Kanzlei betreut deutsche Arbeitgeber, deren bulgarische Mitarbeiter in die Heimat umziehen. "Hatten wir zu Beginn der COVID-19-Pandemie fünf solcher Kunden, sind es heute mindestens 80. Einige dieser Firmen haben nur einen Mitarbeiter in Bulgarien, andere 20", betont Ruskov.

Bulgaren kehren zurück

Offizielle Statistiken, die die genaue Zahl dieser "Remote"-Rückkehrer erfassen, gibt es nicht. Die Daten für 2024 des Statistischen Bundesamtes sprechen jedoch für eine kleine Wende: Zum ersten Mal seit langem sind mehr Bulgaren aus Deutschland weg- als zugezogen. Der negative Wanderungssaldo lag bei minus 11.000 Personen. Insgesamt leben in Deutschland etwa 432.000 Bulgaren.

Auch die Daten des Nationalen Statistischen Instituts der Republik Bulgarienzeigen, dass seit 2022 immer mehr Bulgaren zurück in ihre Heimat ziehen. Im Jahr 2024 wanderten etwa 9000 Personen aus, während im gleichen Zeitraum mit über 18.000 Menschen doppelt so viele bulgarische Staatsbürger ins Land zurückkehrten.

1500 Euro pro Monat mehr

Nach zehn Jahren in München ist Silvi Bojadzhieva nach Bulgarien zurückgekehrt. Heute lebt die 34-jährige Ökonomin in Sofia - und arbeitet weiter für ihren deutschen Arbeitgeber. Nach Bulgarien wollte sie vor allem wegen der Familienplanung. Und: "In Bulgarien ein westliches Gehalt zu beziehen, hat große Vorteile", so Silvi gegenüber der DW.

Silvi Bojadzhieva hat Deutschland während der COVID-Pandemie verlassenBild: privat

Der Anwalt Konstantin Ruskov bestätigt: "Die Gründe für eine Rückkehr nach Bulgarien sind höchst individuell, aber für nicht wenige der jungen, hochqualifizierten Bulgaren, die diesen Schritt wagen, ist die Motivation vor allem finanzieller Natur." Er berichtet von einem 30-jährigen Mandanten, der in München 8000 Euro Brutto verdiente. "Nach allen Steuer- und Sozialabgaben blieben ihm bei Steuerklasse I etwa 4500 Euro Netto. Davon musste er noch die Miete bezahlen - und in einer Stadt wie München sind die Mieten in den letzten Jahren massiv gestiegen. In Bulgarien dagegen bleiben ihm von den 8000 Euro Brutto derzeit rund 6000 Netto übrig."

Vorteile auch für den deutschen Arbeitgeber

Der Jurist betont, dass der Umzug der Mitarbeiter auch für die deutschen Unternehmen Vorteile hat: Für ihre Angestellten in Bulgarien haben sie geringere Lohnnebenkosten als in Deutschland, da diese über das bulgarische System versichert sind. "Außerdem entstehen für diese deutschen Firmen keinerlei Investitionskosten, denn sie haben keinen Sitz in Bulgarien. Nur die Mitarbeiter sind dort registriert", erklärt Ruskov.

Innerhalb der Europäischen Union seien derartige Arbeitsverhältnisse hervorragend reguliert, betont der Jurist: "Die Registrierung ist einfach und kostengünstig. In Deutschland müssen zwar einige Dokumente ausgestellt werden, was einige Wochen dauern kann, aber in Bulgarien klappt alles sehr schnell."

Laut Ruskov ist das Hauptmotiv der deutschen Firmen, einem Umzug ihrer Mitarbeitenden in deren Herkunftsland zuzustimmen, die Bindung an das Unternehmen. Dies sei aufgrund des Fachkräftemangels in Deutschland besonders wichtig.

Kristina, Radimir und Silvi berichten jedoch auch, dass der Wert ihrer deutschen Gehälter zuletzt etwas gesunken ist. Die Preise in Bulgarien, insbesondere in Sofia, sind in den letzten Jahren stark gestiegen - und das bereits lange vor dem Beitritt zur Eurozone.

"Manche Dinge, wie Kleidung und Lebensmittel, sind hier heute sogar teurer als in Deutschland", empört sich Kristina. Alle drei Rückkehrer betonen zudem, dass ihnen die deutsche Ordnung und Sauberkeit sowie die gute medizinische Versorgung in der Bundesrepublik in Bulgarien fehlen.

Zurück nach Deutschland?

Ob sie irgendwann wieder nach Deutschland ziehen werden? Kristina möchte für immer in Bulgarien bleiben. Radimir dagegen könnte sich vorstellen, der Heimat wieder den Rücken zu kehren - etwa, wenn sich die politische Lage im Land verschlechtern sollte.

Auch Silvi schließt nicht aus, Bulgarien erneut zu verlassen. Sie ist besorgt über die politische Lage im Land. Im Dezember stürzten Proteste die Regierung. Unmittelbarer Auslöser waren geplante Steuererhöhungen im Budgetentwurf für 2026. Die Ökonomin Silvi ist sicher: "Sollten die Steuerlast und die Sozialabgaben in Bulgarien steigen, ohne dass gleichzeitig bessere Dienstleistungen und Infrastruktur geboten werden, wird dies zu einem deutlichen Rückgang der Lebensqualität führen."

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In diesem Fall kann sich Silvi vorstellen, wieder auszuwandern - "aber erst wenn meine Kinder etwas älter sind. Und diesmal würde ich eher in die Schweiz oder nach Dänemark ziehen, wo die öffentlichen Dienstleistungen und das Gesundheits- und Bildungswesen noch besser sind als in Deutschland."

Auch Konstantin Ruskov beobachtet mit Sorge die politische Entwicklung in Bulgarien. Seit 2020 fanden dort sieben Parlamentswahlen statt. Sollte sich die Situation nicht verbessern, könnte das Land seine hochqualifizierten Rückkehrer schnell wieder verlieren, sagt der Jurist.

Mariya Ilcheva Redakteurin, Autorin und Videojournalistin, vor allem für DW Bulgarisch
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