Mehr Firmenpleiten: Was bedeutet das für das Wachstum?
21. Juli 2026
Wie schlecht geht es der deutschen Wirtschaft wirklich? Als ein Indikator dafür wird häufig die Zahl der Insolvenzen herangezogen. Und auch hier gibt es beunruhigende Schlagzeilen. So lag diese Quote bei Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland im Juni 80 Prozent höher als in einem durchschnittlichen Juni der Jahre 2016 bis 2019, also der Zeit vor der Corona-Pandemie. Das zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Einzelunternehmen, freie Berufe und Kleingewerbe blieben bei diesen Zahlen außen vor, weil sie nicht arbeitsmarktrelevant sind. Denn Personen- und Kapitalgesellschaften sind für 90 Prozent der insolvenzbetroffenen Jobs und 95 Prozent der betroffenen Forderungen verantwortlich.
Hier sei die Zahl der Firmenpleiten im zweiten Quartal 2026 auf dem höchsten Stand seit zwanzig Jahren, so Steffen Müller, Leiter der IWH-Insolvenzforschung - keine überraschende Nachricht, denn schon in den vergangenen Quartalen sind immer mehr Firmen in die Pleite gerutscht.
Die deutsche Wirtschaft schlingert seit Jahren. und auch die für dieses Jahr ursprünglich angedachte Erholung wird wohl nur zu einem schwachen Wachstum führen. Dazu passen Nachrichten von Unternehmen, die viele Arbeitsplätze streichen. So heißt es von VW, dass 100.000 Jobs in den nächsten Jahren wegfallen könnten. Der Autozulieferer ZF will bis 2028 14.000 Stellen abbauen. Auch bei Bosch sollen allein in Deutschland bis 2030 mehr als 20.000 Stellen gestrichen werden. Nicht nur die Autobranche scheint zu leiden.
Nachdem bereits im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Arbeitsplätze in der Industrie weggefallen sind, sollen 2026 nochmals bis zu 100.000 Stellen in der Industrie abgebaut werden, bei den Automobilherstellern, aber auch im Maschinenbau und in der Bauindustrie, so eine Studie der Beratungsgesellschaft Horváth.
Marktbereinigung oder strukturelle Wachstumsschwäche?
Die Frage ist nur: Erleben wir derzeit eine notwendige Marktbereinigung oder eher eine strukturelle Wachstumsschwäche der Wirtschaft?
Insolvenzen können auch positive Wirkung haben. Wenn unproduktive Unternehmen aus dem Markt ausscheiden, werden Arbeitskräfte, Kapital und Knowhow frei, um in produktive Wirtschaftsbereiche zu gehen. So entsteht Wachstum nach dem Prinzip der schöpferischen Zerstörung von Joseph Schumpeter.
Wenn nun die Menschen, die ihre Arbeit durch eine Insolvenz verlieren, schnell woanders einen Job finden, würde das eher für eine Marktbereinigung sprechen. In der Tat steigt die Arbeitslosenquote nur langsam an.
Menschen, die ihre Arbeit verlieren, finden demnach meist eine neue Stelle. Das liege aber auch daran, dass jetzt die geburtenstarken Jahrgänge häufiger in den Ruhestand gehen und es im Rahmen der EU keine Zuwanderung mehr gebe, sagt Müller gegenüber der DW. Somit würden sie nicht unbedingt aus weniger produktiven in produktivere Unternehmen wechseln.
Zahl der Gründungen gibt Hoffnung
Neben den Insolvenzen sollte man auch die Zahl der Gründungen von Unternehmen anschauen, meint Jutta Rüdlin. "Junge Unternehmen gehen überdurchschnittlich oft in die Insolvenz, und es gab einen Anstieg der Gründungen im Vergleich zum Vorjahr". Rüdlin ist Mitglied im Vorstand des Berufsverbandes der Insolvenzverwalter und Sachwalter Deutschlands (VID). Laut dem Statistischen Bundesamt wurden im 1. Quartal 2026 über zehn Prozent mehr Gewerbe gegründet als im Vorjahreszeitraum.
"Wir sehen tatsächlich seit vielen Jahren einen Anstieg bei den wachstumsorientierten Startups", sagt IWH-Experte Müller. "Das ist eine gute Nachricht. Viele sind im Bereich KI unterwegs und das ist sicher ein Hoffnungsschimmer." Und das spreche dafür, dass wir gerade eine Art Strukturwandel haben.
Gründe für Insolvenzen vielfältig
Auf der anderen Seite sieht man, dass es nicht bestimmte Branchen besonders trifft. "Vor anderthalb Jahren gab es relativ viele größere Insolvenzen in der Industrie", so Müller. Das sei derzeit anders, diesmal treffe der Trend alle Branchen. Das wiederum spreche für eine strukturelle Schwäche.
Trotzdem seien Bau- und Wohnungsbau allein wegen der Zinswende besonders betroffen. Die Gastronomie mache der Mindestlohnanstieg zu schaffen, energieintensiven Betrieben der Energiepreisanstieg. Und der Handel leide unter dem veränderten Konsumverhalten der Verbraucher.
Meist aber gebe es nicht den einen Grund für eine Insolvenz, ergänzt Insolvenzexpertin Rüdlin. Gesunde Unternehmen hätten sich in der Vergangenheit relativ resilient gegenüber externen Schocks gezeigt. So ein Ereignis wie der Iran-Krieg würde bei jenen Betrieben wie ein Katalysator wirken, in denen es schon vorher grundlegende Schwierigkeiten gegeben habe, so Rüdlin. Etwa ein nicht mehr zeitgemäßes Geschäftsmodell, zu spät getroffene unternehmerische Entscheidungen oder eine versäumte Transformation.
Nachholeffekte aus der Corona-Pandemie sichtbar
Ein weiterer Grund, der eher für eine Marktbereinigung spricht, sind immer noch nachgeholte Corona-Effekte. Während der Pandemie wurden vielen Unternehmen Hilfen gewährt, die nun zurückgezahlt werden müssen. Auch solchen Betrieben, die sich vielleicht auch in einem normalen Umfeld nicht mehr hätten halten können. Daher müsse man immer noch mit Nachholeffekten aus der Corona-Zeit rechnen, meint Rüdlin. Die Insolvenzexpertin glaubt, dass sich derzeit Marktbereinigung und strukturelle Schwäche überlagern.
IWH-Forscher Steffen Müller bewertet die Situation etwas drastischer. "Ich denke, das ist mehr als nur eine Marktbereinigung, sondern wirklich eine Frage, in welche Richtung sich die deutsche Wirtschaft künftig ausrichten wird." Deutschland sei im roten Bereich hinsichtlich der Insolvenzen. "Wir sind noch nicht in einem Bereich, indem es massenhaft Ansteckungseffekte gibt oder vielleicht auch Banken in Schieflage kommen. Aber wir sind trotzdem in einem starken Strukturwandel".