Mein Europa: Ein Nachruf für Christian Schwarz-Schilling
9. April 2026
Als Christian Schwarz-Schilling 1996 aus der bosnischen Hauptstadt Sarajevo abreist, nimmt er den kleinen Ado mit. Die verzweifelten Eltern hatten ihn angefleht, etwas für das Kind zu unternehmen. Ado brauchte eine Herzoperation, um zu überleben. Die konnte im vierten Jahr des Krieges um Bosnien und Herzegowina kein Krankenhaus im Land anbieten.
Schwarz-Schilling organisierte nicht nur die Operation, er bezahlte sie auch. 2022 besuchte das einst gerettete Baby seinen Retter einmal mehr - und brachte sein erstes eigenes Baby mit.
Das ist eines von vielen Beispielen für das Verhalten eines Menschen, Politikers, Musikers und Unternehmers, von dem die Menschen nicht nur in Bosnien mit Respekt und liebevoller Verehrung erzählen. Zahllose Menschen, Initiativen und Projekte hat er finanziert und organisiert.
Nicht alle kennen seine Vorgeschichte, die Biografie dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Es ist die eines ungewöhnlich passionierten Menschen. Aufgewachsen bei Potsdam mit einer Pianistin als Mutter und einem Komponisten und Dirigenten als Vater, war er gerade 14 Jahre alt, als der Terror der Nazis beendet war. Jahrzehnte später erfuhr er, dass seine Mutter eine jüdische Polin war, die der Vater nur durch Manipulation ihrer Papiere vor dem mutmaßlich sicheren Tod im KZ bewahrt hatte.
"Morgens eine Fuge von Bach"
Die auch spirituelle Kraft der Musik war für ihn enorm wichtig. "Morgens eine Fuge von Bach hören, dann gelingt der Tag gut!", sagte er mir einmal. Als ich ihm bei anderen Gelegenheit halb im Ernst nahelegte, dass er vielleicht ein Musiker sei, der sozusagen versehentlich in die Politik geraten sei, wies er das sanft zurück. Und in der Tat, er war ein Homo Politicus.
In jungen Jahren, mit 26, wurde er nach dem plötzlichen Tod des Schwiegervaters mit seiner Frau Marie-Luise Schwarz-Schilling zum Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, was er bis zur Berufung als Bundesminister für Post und Telekommunikation im Jahr 1982 blieb.
Als Minister war er dann Chef von 500.000 Beschäftigten der Post mit fast 50 Milliarden DM Umsatz. Diesen Staatsbetrieb zu privatisieren, war eine Herkulesaufgabe, die Strategie, Empathie und Verhandlungsgeschick erforderte. Heute zählen die Unternehmen Deutsche Telekom, T-Mobile und DHL zur Spitze in Europa und weltweit.
Er steckte mitten in diesen Post-Reformen, als der Genozid in Bosnien und ein junger Abgeordneter in ihm die Erinnerung an den 25-jährigen Christian Schwarz-Schilling weckten. In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte der junge Abgeordnete über die schrecklichen Grausamkeiten im Bosnien-Krieg berichtet und die eigenen Kollegen angeklagt. "Ich könnte von den meisten hier der Sohn sein - wozu haben Sie uns eigentlich erzogen mit 'Nie wieder!', wenn das nun wieder geschieht und wir tun nichts?!"
"Man wird so abgenutzt in diesem politischen Betrieb"
Der junge Abgeordnete war ich. Und Christian Schwarz-Schilling zählte zu denen, die nach der Fraktionssitzung zu mir kamen, um mir zu meinem Beitrag zu gratulierten. Ich erinnere gut, wie ich mich wunderte, dass der Bundesminister, mit dem ich wenig zu tun hatte, in der Reihe stand. Er griff meine Hand, schüttelte sie mit überraschender Heftigkeit, gratulierte zu meinem Beitrag und fügte hinzu: "Man wird so abgenutzt in diesem politischen Betrieb."
Aber Christian Schwarz-Schilling war nicht abgenutzt. Er wurde nie ein politischer Zyniker, denn er hatte einen moralischen Kompass. Am Tag darauf rief mich nach der regulären Sitzung des Bundeskabinetts ein anderer Bundesminister an: "Es hat heute zwischen dem Kanzler und Schwarz-Schilling Ihretwegen einen Riesenkrach gegeben, wegen Bosnien. Sie haben gestern in der Fraktion übrigens völlig recht gehabt."
Christian hatte zu einem lauen Bericht von Außenminister Klaus Kinkel zu diplomatischen Initiativen erklärt: "Ich schäme mich, dieser Bundesregierung anzugehören, wenn es bei unserer Untätigkeit bleibt!" Mit seinem Rücktritt blieb Schwarz-Schilling der einzige Minister, der in der Kanzlerschaft von Helmut Kohl freiwillig seinen Posten räumte.
In den Tagen danach reisten wir gemeinsam zu den erfolglosen Friedensverhandlungen nach Genf, um dort die bosnische Führung zu treffen. Während des Fluges lehnte er sich zu mir herüber und sagte: "Wir kennen uns ja kaum", um mir dann sein privates Tagebuch zu lesen zu geben.
Dort hatte er 1956, im Alter von 25, zum Aufstand der Ungarn gegen die sowjetische Okkupation die westliche Untätigkeit angeklagt, die die tapferen Ungarn in deren Freiheitskampf im Stich ließ. Panzer walzten die Revolution nieder, mit vielen Toten. Der zurückgetretene Bundesminister hatte 1992 noch immer denselben Kompass wie der 25-Jährige.
Internationaler Streitschlichter in Bosnien
Christian Schwarz-Schilling beließ es nicht beim Rücktritt, er wollte, musste etwas unternehmen. Wir haben, gemeinsam und einzeln, in vielen Initiativen, im Parlament, in der Öffentlichkeit, in der Region und international sehr viel versucht, um den Genozid beenden zu helfen und Bosnien vor der Vernichtung zu retten. Nicht selten waren wir verzweifelt, aber nie in der Gefahr aufzugeben. Dazu war das Schicksal der Menschen zu nah, zu wichtig.
Als internationaler Streitschlichter erreichte er ab 1996 nach Ende des Krieges in oft zähen Verhandlung mit Akteuren aus der Kriegszeit für viele tausende überlebende Bosnier die Rückkehr in ihre Städte und Dörfer. Kein bosnischer Politiker dürfte so viele Gemeinden im Land besucht haben wie Christian Schwarz-Schilling in diesen wichtigen Jahren.
Als er 2006 zum "Hohen Repräsentanten", dem wichtigsten Vertreter der internationalen Gemeinschaft in Bosnien, berufen wurde, blieben die Menschen im Land seine Priorität, und nicht die oft zynische internationale Diplomatie. Er wollte, dass Bosnien und Herzegowina von Bosniern regiert wird - nicht von Kolonialherren.
Nicht alles, was er wollte, ist gelungen. Niemandem gelang das. Was er erreicht hat, bleibt enorm. Christian Schwarz-Schilling hat gezeigt und gelebt, dass Menschlichkeit, Politik und Haltung zusammenpassen. Eine deutsche Zeitung nannte ihn einen "unkonventionellen Politiker". Das stimmt: Er war nicht konventionell, nicht gewöhnlich. Er war außergewöhnlich, herausragend. Und er wird weiter herausragen.
Nicht nur in Bosnien wird der am 6. April 2026 verstorbene Christian Schwarz-Schilling dafür verehrt und geliebt. Nicht nur von Ado und seinen inzwischen zwei Kindern.
Stefan Schwarz ist ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages, Ehrenbürger der bosnischen Städte Sarajevo (1993) und Gorazde (2011) sowie Direktor des European Balkan Institute (EUBI).