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Politik

Orban und Netanjahu - Brüder im Geiste

Norbert Mappes-Niediek
20. Juli 2018

Viktor Orban besucht Benjamin Netanjahu. Ein Termin, der aufhorchen ließ. Zwei "Illiberale" zeigen der Welt: wir machen unser Ding. Ein Phänomen und Problem, meint Norbert Mappes-Niediek.

Norbert-Mappes-Niediek - t Korrespondent mehrerer deutschsprachiger Zeitungen in Südosteuropa
Bild: L. Spuma

Ausgerechnet Ungarn, ausgerechnet Israel: Wer die Koordinaten der Weltpolitik zu kennen glaubte, kann sich über den freundlichen Empfang des ungarischen Regierungschefs Viktor Orban bei seinem israelischen Amtskollegen Benjamin Netanjahu nur wundern. Und tatsächlich tun das auch viele Israelis: Sich wundern. Rehabilitiert nicht gerade dieser Orban seit vielen Jahren das zutiefst antisemitische Regime von vor und während des Zweiten Weltkriegs? Und hat er nicht gerade erst eine wütende Kampagne gegen George Soros gefahren, den jüdischen Milliardär ungarischer Herkunft, und dabei so ziemlich jedes antisemitische Klischee bedient? Was hat so jemand in Israel zu suchen?

Aber die Koordinaten der Weltpolitik sind gerade dabei, sich gründlich zu ändern - und neben neuen Brüchen tun sich auch neue Allianzen auf. Stärker als die Sicht auf die Geschichte sie trennen könnte, eint heute den ungarischen und den israelischen Ministerpräsidenten die Opposition gegen die Welt, wie sie seit dem Ende des Kommunismus entstand und wie wir sie kennen. Es ist eine internationale Ordnung, die auf gemeinsamen Ideen und Beschlüssen beruht und von zwischenstaatlichen Organisationen gestützt wird. Schluss mit den Konferenzen und Resolutionen! Es ist die Zeit der Deals zwischen Männern.

Die Welt der starken Männer

Starke Männer zeichnen sich dadurch aus, dass keine Ideen sie binden und dass sie sich um Dritte nicht scheren müssen. In Israel hat die Verachtung für die multilaterale Weltordnung eine lange Geschichte. Und sie hat auch einen harten rationalen Kern: Hätte der Staat sich den Beschlüssen der Vereinten Nationen unterworfen, gäbe es ihn heute nicht. Statt in der sogenannten Staatengemeinschaft für sich zu werben, haben Generationen von israelischen Politikern in der Region auf ihre militärische Stärke vertraut und sich in der großen Welt an die stärkste Macht angehängt - an die USA.

Orban und Netanjahu - zwei starke Männer, die sich gut verstehenBild: picture-alliance/Xinhua/M.I. Sellem

Seine Verachtung für multilaterale Lösungswege macht dieses Israel zurzeit überall auf der Welt zum Objekt der Bewunderung für starke Männer. Wie Netanjahu sehen die Trumps und die Putins, die Erdogans und die Kaczynskis jede internationale Willensbildung für eine Beschneidung ihrer Handlungsfreiheit an. Aus den unterschiedlichsten Gründen: Die einen verbitten sich Kritik am Umgang mit freien Medien und der Justiz oder das Ansinnen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Die anderen wollen frei von internationalen Handelsabkommen jedem Abnehmerland ihre Bedingungen aufzwingen oder sich keinem Menschenrecht und schon gar keiner internationalen Justiz unterwerfen. Sie alle wollen die oft problematischen Organe der Weltgemeinschaft nicht verbessern, sondern abschaffen oder ihnen wenigstens den Rücken kehren. Israel, meinen die Brexiteers dieser Welt, macht es vor: Alleine geht es besser! Netanjahu und Orban setzen dafür ein Zeichen.

Jeder für sich

In den Augen der neuen staatlichen Ich-AGs ist die Europäische Union ein Bote aus einer untergehenden Welt. Ihre ganze Logik beruht auf Übereinkunft, und das gemeinsam Beschlossene wird von strengen Institutionen überwacht. Nicht genug, dass die Union diese Prinzipien nach innen anwendet. Sie exportiert sie auch: Wer Mitglied werden oder nur eng mit der EU zusammenarbeiten will, muss sich an Regeln halten und bestimmten Werten unterwerfen.

Netanjahu hat offen gesagt, dass ihm das nicht gefällt: Die EU sei die einzige internationale Organisation, die ihre Hilfe für Israel an Bedingungen binde, meinte er vorwurfsvoll. Andere Länder dürfe man nicht belehren, sekundiert Viktor Orban: Jede Nation ist ein eigener Organismus, hat ihre eigenen Interessen und tut gut daran, sie zu verteidigen.

Aber für Israel kann es zur Bedrohung werden, wenn andere es sich zum Vorbild nehmen. Es existiert überhaupt nur wegen des Nationalismus der anderen. Für die Illusion, Nationen seien eine Art natürliche Organismen, große Familien sozusagen, wurden in Deutschland, aber auch in Ungarn und anderswo in Mitteleuropa jahrzehntelang gerade die Juden ausgegrenzt, verfolgt und schließlich ermordet.

Diktat der Mehrheit

Die Formel vom "jüdisch-christlichen Fundament", auf dem die europäischen Nationen angeblich ruhen und die auch Viktor Orban gern im Munde führt, ist verlogen: Das Ungartum, von dem der Regierungschef zu reden pflegt, hat sich ebenso wie das Deutschtum gegen die Juden gebildet.

Anti-Soros Plakate in UngarnBild: AFP/Getty Images

Wenn Orban neuerdings vom jüdischen Erbe Ungarns redet, der jüdischen Herkunft ungarischer Volkslieder und dem Anklang selbst der Nationalhymne an eine alttestamentarische Jeremiade, dann ist das kein Bekenntnis zur Vielfalt. Es ist die Beschwörung einer neuen, falschen Einheit. Wer dazugehört, bestimmt in der "illiberalen Demokratie" immer die Mehrheit. Einen Anspruch hat niemand.

Heute trifft die Ausgrenzung die Muslime. Niemand darf sich wundern, wenn es morgen wieder die Juden sind. Ein bisschen sind sie es schon jetzt. Bei seinen Beschwörungen des "jüdischen Erbes" pflegt Orban den Holocaust mit keinem Wort zu erwähnen. Den Diktator Miklos Horthy nennt er einen "Ausnahmestaatsmann".

Genau der Mann, der schon 1920 einen antijüdischen Numerus clausus einführte, später nach deutschem Vorbild Rassengesetze erließ und schließlich Hunderttausende nach Auschwitz schickte. Wo völkisch gepredigt wird, sind die Juden allemal unter den Opfern. Soweit sind die Koordinaten der Weltpolitik doch die gleichen geblieben.

Norbert Mappes-Niediek lebt im österreichischen Graz und ist Südosteuropa-Korrespondent zahlreicher deutschsprachiger Zeitungen.