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Politik

Ägypten steht für Hoffnungslosigkeit

Kommentarbild Emoji Frau dunkle Haut
Farida Layl
25. Januar 2021

Vor zehn Jahren vibrierten die Straßen der ägyptischen Hauptstadt Kairo mit Hoffnungen und Träumen von einer besseren Zukunft. Geblieben sind nur verblassende Erinnerungen, meint Farida Layl.

Die Revolution, die niedergeschlagen wurde - Protest auf Kairos Tahrir-Platz im Dezember 2011Bild: AFP/Getty Images/M. Abed

In jener Nacht im Februar 2011, als der ägyptische Präsident Husni Mubarak zurücktrat, verließ ich den Tahrir-Platz im Herzen Kairos, während die Freudenfeiern weitergingen.

Ich nahm den Minibus nach Hause. Der Fahrer verlangte ungewöhnlich viel Geld, weil wir noch so spät unterwegs waren. Doch seine Passagiere drängten ihn, den Fahrpreis nicht zu erhöhen. Sie beschworen ein neues Ägypten ohne Habgier und Vetternwirtschaft, ein Ägypten, in dem Gerechtigkeit herrscht.

Die Euphorie war greifbar. Der Fahrer fügte sich und wir zahlten keinen Aufpreis. Auch ich habe geglaubt, dass an diesem Tag die Hoffnung geboren wurde. Ich träumte davon, aus dem Käfig der Korruption auszubrechen. Der Arabische Frühling hatte begonnen - aber er dauerte nicht lange.

Die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie...

An einem heißen Sommertag in Kairo im Jahr 2013 erschien Abdel Fattah al-Sisi im Fernsehen. Der damalige Verteidigungsminister appellierte an die Ägypterinnen und Ägypter, auf die Straße zu gehen und ihn zu ermächtigen, gegen mögliche Gewalt vorzugehen. Al-Sisi bezog sich auf die Herrschaft von Präsident Mohammed Mursi und seinen Muslimbrüdern. Wir klebten am Bildschirm und lauschten dem General. Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Als die Hoffnung groß war - Ägypterinnen vor Wandmalereien im Februar 2011Bild: Ben Curtis/AP Photo/picture alliance

Ich war keine Unterstützerin der Muslimbrüder, denn ich bin eine Frau, die an individuelle Freiheitsrechte glaubt, und eine Journalistin, die für Meinungsfreiheit einsteht. Die Muslimbrüder beschnitten unsere Rechte und schubsten das Land Richtung Extremismus.

... endete in der Militärherrschaft

Al-Sisis Worte waren die Vorboten der Militärherrschaft. Ein paar Monate später passierte ich zu Fuß mit meinem Kind einen Checkpoint. Der Soldat durchsuchte mich gründlich. Mein Kind sah ihn mit einem ängstlichen Lächeln an und fragte: "Wonach suchst Du? Eine Bombe?" Das war nur seine Einbildung. Die Sicherheitskräfte interessierten sich für andere Dinge als Bomben. In diesem Fall für die Kamera in meiner Tasche. Der Soldat fragte mich, was ich damit mache, er sah sich die Aufnahmen an. Mit einem sarkastischen Blick gab er sie mir zurück und ließ mich nach Hause gehen.

Der Vorfall dauerte nur wenige Minuten, aber ich war entsetzt. Ich stellte mir all das vor, was meine Kollegen erlebt hatten, von denen viele festgenommen worden waren. Einer wurde in einen Kleinbus gezerrt, geschlagen und zum Verhör abgeführt. Ein anderer wurde verhaftet, während er als Pressefotograf arbeitete. Und das ist nichts gegen die Fälle von Verschwindenlassen, Folter und Gefängnis.

Absperrungen und Checkpoints in Kairo - die Regierung lässt die Bürger kontrollierenBild: Getty Images/AFP/K. Desouki

Seit einiger Zeit nehmen solche Vorfälle wieder zu. Polizisten kontrollieren die Mobiltelefone der Menschen auf der Straße. Sie schauen sich ihre Kontakte in den sozialen Medien und ihre privaten Fotos an, sie suchen nach jedem Hinweis auf abweichende Meinungen. Menschen gehen in den Knast für einen Facebook-Post, ein TikTok-Video oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Keine Folter". Die Regierung steuert die Nachrichten durch Anweisungen an Journalisten. Glaubwürdiger Journalismus ist gestorben. In al-Sisis Ägypten wird das Leben selbst streng zensiert und jede Ägypterin, jeder Ägypter ist ein potenzielles Opfer.

Der Jahrestag des Scheiterns

Wenn ich mit meinen Freunden in Ägypten chatte, frage ich sie: "Wie geht's Ägypten?" Die Frage löst immer sentimentale Antworten aus. Nichts ist mehr, wie es war. Politik ist wieder tabu. Ägypten scheint an einer kollektiven Depression zu leiden. Die meisten Ägypter haben nichts, auf das sie sich freuen können. Die schlimmste Antwort ist für mich, dass es Ägypten jetzt viel schlechter geht als vor der Revolution.

Jede Spur der Revolution wurde vernichtet. Der berühmte Tahrir-Platz, der "Platz der Befreiung", ist nicht mehr das Symbol, das er einmal war. Jede sichtbare Erinnerung an unserem Kampf wurde ausradiert. In der Darstellung des Staates war die Revolution von 2011 der Ursprung alles Bösen: Wir sind Verräter und Kriminelle. Die Regierung löscht die Geschichte aus und schreibt sie neu. Und uns bleiben nur unsere Erinnerungen. Wir können nicht vergessen.

Der zehnte Jahrestag unserer Proteste erinnert uns an unser Scheitern. Keines der Ziele, die wir verfolgten, wurde erfüllt: Kein Brot, keine Freiheit und keine soziale Gerechtigkeit. Stattdessen leben wir mit Härte, Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

Die Geister des Arabischen Frühlings

Als ich aus dem Land fortging, musste ich einen Teil von mir zurücklassen. Ich verließ Ägypten unter Qualen und nahm meine eigene und unser aller Niederlage mit. Und dennoch habe ich Glück gehabt, verglichen mit anderen - die Unglücklichen sind entweder im Gefängnis oder tot.

Der inhaftierte Aktivist Alaa Abdel-Fattah hat uns treffend beschrieben mit den Worten: "Ich bin der Geist des vergangenen Frühlings." Das war im März 2019, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, in dem er fünf Jahre verbracht hatte. Sechs Monate später wurde er festgenommen und erneut inhaftiert.

Ich hatte keine Träume mehr übrig, als ich ging. Keine Illusion von einem stabilen Heimatland oder von der Möglichkeit, als Journalistin zu arbeiten oder in einem Rechtsstaat zu leben, dessen Gesetze für alle gelten. Kritik wird nicht toleriert, Satire ist ein Verbrechen, und eine Meinung zu haben, ist eine Sünde.

Ägypten ist jetzt gleichbedeutend mit Hoffnungslosigkeit. Die Erinnerung an das, was hätte sein können, verblasst. Und Alaa Abdel-Fattah hat Recht: Wir sind Geister eines vergangenen Frühlings.

Farida Layl schreibt zum eigenen Schutz unter Pseudonym.

Adaption aus dem Englischen: Beate Hinrichs

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