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PolitikEuropa

Symbole verschiedener Epochen

Wirtschaftskolumnist der Deutschen Welle Andrey Gurkov
Andrey Gurkov
8. November 2021

Die erste Ostsee-Gaspipeline ist seit genau zehn Jahren in Betrieb. Ihre Zielsetzung und Bedeutung unterscheidet sich von der zweiten wie Tauwetter und Kalter Krieg, meint Andrey Gurkov.

Hier geht die Erdgas-Pipeline Nord Stream an Land - Lubmin in Mecklenburg-VorpommernBild: picture alliance/dpa/S. Sauer

Nord Stream 2 kommt nicht aus den Schlagzeilen, über die "ältere Schwester" dieser Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Deutschland hört man dagegen fast gar nichts. Dabei liefert sie nunmehr seit genau zehn Jahren zuverlässig Erdgas nach Westeuropa.

Am 8. November 2011 war ich unter den Journalisten, die aus dem ostdeutschen Lubmin bei Greifswald über die Inbetriebnahme des ersten Stranges der ersten Nord Stream berichteten. Wenn man heute an die freudig aufgeregte Atmosphäre jenes Tages zurückdenkt, spürt man besonders deutlich, wie sehr sich in den vergangenen zehn Jahren alles verändert hat.    

Ein russisch-europäisches Projekt

Damals erlebten die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen einen regelrechten Boom, Russland wurde von Präsident Dmitri Medwedew repräsentiert, der Hoffnungen (oder Illusionen?) auf einen liberalen prowestlichen Kurs Moskaus geweckt hatte, mit ihm zusammen drehten die Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs und der Niederlande am symbolischen Ventil - die erste Nord Stream hatte die Unterstützung der EU bekommen. Die Pipeline wurde als ein russisch-europäisches Projekt wahrgenommen.

DW-Redakteur Andrey Gurkov

Sie hatte allerdings schon damals entschiedene Gegner unter den neuen EU-Mitgliedern. Wenn man an die heutigen Streitigkeiten um Nord Stream 2 und an Moskaus Erpressungsversuche mithilfe leerer deutscher und österreichischer Gazprom-Speicher denkt, scheint man besser zu verstehen, wovor die Polen und Balten damals im Grunde genommen so eindringlich warnten: Hält man bestimmten Partnern den kleinen Finger hin, wollen die gleich die ganze Hand.

Es gab aber auch gewichtige Argumente für diese Pipeline. Mit Nord Stream kam zu den zwei bereits existierenden Transportkorridoren über die Ukraine und über Belarus ein dritter hinzu - durch die Ostsee direkt aus Russland nach Deutschland, ohne Transitländer. Das war eine reale Diversifizierung der Lieferwege.

Real war auch eine enorme Erweiterung der Transportkapazitäten in Richtung EU -­ um ganze 55 Milliarden Kubikmeter jährlich! Hier stieg der Energiebedarf, die eigene Gasförderung ging wegen Erschöpfung der Lagerstätten zurück und die Pläne zur Dekarbonisierung waren noch nicht auf dem heutigen Stand.

Großes Hallo bei der Inbetriebnahme von Nord Stream: Neben der Kanzlerin und dem russischen Präsidenten Medwedew waren auch der französische Premier, der niederländische Ministerpräsident sowie der EU-Energiekommissar mit dabeiBild: picture-alliance/dpa/S. Sauer

Aber entscheidend war, dass es damals einfach eine gänzlich andere Epoche war - eine Zeit der wirtschaftlichen und teilweise auch politischen Annäherung zwischen Russland und der EU. Nord Stream war ein Produkt und gleichzeitig auch ein Symbol dieses Tauwetters. 

Beispielloser Asset-Tausch mit deutschen Partnern

Hier sollte daran erinnert werden, dass es damals nicht "lediglich" um die Verlegung zweier paralleler Rohre von je 1224 Kilometer Länge ging. Als am 11. April 2005 die Unternehmen BASF und Gazprom auf der Hannover Messe in Anwesenheit des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder und des russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Grundsatzerklärung unterzeichneten, fassten sie nicht nur den Bau der weltweit längsten Unterwasser-Gaspipeline ins Auge.

Gleichzeitig wurde ein in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen beispielloser Asset-Tausch vereinbart: Die BASF-Tochter Wintershall bekam - zusammen mit dem deutschen Energiekonzern E.ON, der sich dem Projekt alsbald anschloss - Anteile an einer Firma, die ein neues Gasvorkommen in Sibirien erschließen sollte. Im Gegenzug konnte Gazprom seine Beteiligung an der deutschen Handelsfirma Wingas auf fast 50 Prozent aufstocken.

So wurde ein komplexes System deutsch-russischer Kooperation entlang der ganzen Wertschöpfungskette im Energiebereich aufgebaut: von der Förderung über den Transport bis hin zum Verkauf an die Endkunden. Ich war damals in Hannover bei der Pressekonferenz, bei der dieser Plan erläutert wurde, und erinnere mich bis heute sehr gut daran, dass es mir angesichts der Tragweite dieses Konzepts buchstäblich die Sprache verschlug: Ja, genauso, schien es mir, könnte das postsowjetische Russland in das zusammenwachsende Europa wirtschaftlich integriert werden. 

Dann kam der neue Kalte Krieg

Das Vorhaben wurde dann auch verwirklicht, mit der Zeit bekam Gazprom sogar die ganze Wingas samt Erdgasspeichern in Deutschland und Österreich. Aber aus der Integration wurde nichts. Die Zeiten hatten sich inzwischen grundlegend geändert: Russland annektierte 2014 die Krim, begann den Krieg in der Ostukraine, wurde aus der G8-Gruppe der führenden demokratischen Industrienationen ausgeschlossen und mit EU-Sanktionen belegt, die eine weitere aggressive russische Expansion stoppen oder zumindest erschweren sollten.

Dass es dermaßen schnell wieder zu einem neuen Kalten Krieg kommen würde, konnte im Tauwetter des Jahres 2005 niemand ahnen - und selbst im Wirtschaftsboom des Jahres 2011 noch kaum jemand vermuten, obwohl Wladimir Putin bereits 2007 seine konfrontative Rede bei der Münchner Sicherheitskonferenz gehalten hatte.

So gesehen war die erste Nord Stream, wenn man heute alle für und wider abwägt, letztendlich wohl doch kein Fehler. Denn die EU braucht diesen zusätzlichen Transportkorridor, besonders wenn es Erdgas, und nicht Atomstrom sein soll, der den beschleunigten und flächendeckenden Übergang Westeuropas auf erneuerbare Energien absichert und eine stets stabile Stromproduktion garantiert.

Der Verlauf der Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 am Boden der Ostsee

Nord Stream 2 ist ein geopolitisches Projekt

Ein Fehler war dagegen 2015 die Zustimmung zu Nord Stream 2. Diese Gaspipeline führt nicht zu weiterer Diversifizierung der Transportwege - ganz im Gegenteil. Sie verlagert nur den überwiegenden Teil der russischen Gaslieferungen in die EU in die Tiefen des Meeres. Ihr primeres Ziel ist auch nicht die Erweiterung der Transportkapazitäten, sondern die Umgehung der Ukraine, was das Land finanziell und sicherheitspolitisch schwächen soll. Deswegen hat diese Pipeline zu heftigem Streit unter den Europäern geführt und die Beziehungen Deutschlands zu den USA belastet.

Nord Stream 2 war von Anfang an ein geopolitisches Projekt des Kremls. Von der ersten Ostsee-Pipeline kann man das so nicht sagen. Moskau kann zwar auch sie sehr wohl für seine politische Zwecke missbrauchen, aber ursprünglich gedacht war sie in erster Linie als Lieferweg für russisches Gas nach Europa und Devisenbeschaffer für Gazprom. Das bleibt sie auch heute, zehn Jahre nach ihrem Start: ein funktionierendes Business-Projekt. Deshalb hört man von ihr auch so wenig.

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