1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Gesellschaft

Wir brauchen Klimaschutz statt Weltraumtourismus

Kommentarbild Sonya Diehn
Sonya Angelica Diehn
20. Juli 2021

Millionen von Menschen setzen sich für den Klimaschutz ein. Aber ein paar egoistische Millionäre, die sich ins All schießen lassen, schert das überhaupt nicht. Sonya Diehn hat einen Vorschlag für Branson und Bezos.

Jeff Bezos behauptet, es gehe ihm darum, der Erde Gutes zu tunBild: Thom Baur/REUTERS

Mir ist die Zukunft wichtig und deshalb ist mir auch das Klima wichtig. Ich gehöre zu der großen Mehrheit von Bürgern auf der ganzen Erde, die sich, wie alle Umfragen zeigen, Sorgen machen um unseren Planeten und die die Dringlichkeit und existentielle Bedeutung des drohenden Klima-Notstands begreifen. Die verheerenden Überflutungen in Zentraleuropa und extrem hohe Temperaturen in Nordamerika sind nur einige Auswirkungen des Klimawandels.

Also versuchen wir in meiner Familie, etwas dagegen zu tun. Wir verhindern CO2-Ausstoß, wo wir können: Wir laufen oder radeln, statt Auto zu fahren, wir essen viel weniger Fleisch als durchschnittliche Familien in Industrieländern, wir fliegen keine Langstrecken, auch wenn es noch so verlockend ist. Wir verschwenden keine Lebensmittel und kompostieren den organischen Abfall.

Und dann kommt so ein stinkreicher Typ daher und lässt sich ins All schießen. Einfach so. Weil's Spaß macht.

Das kann man wohl reichlich egoistisch nennen, oder?

Und es wertet all unsere Anstrengungen zum Schutz des Klimas ab – moralisch und materiell.

Kleiner Trip – großer Schaden

Die Bereitschaft, sich gegen den Klimawandel zu engagieren, schrumpft bei Menschen, wenn sie sehen, dass andere machen, was sie wollen, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Aber abgesehen von diesem demoralisierenden Effekt gibt es auch die CO2-Bilanz des Weltall-Tourismus.

DW-Redakteurin Sonya Angelica Diehn

Ich habe im Prinzip gar nichts gegen Reisen ins All. Ich bin sogar Science-Fiction-Fan und begeistere mich für die Erkundung der unendlichen Weiten des Alls. Und schließlich hinterlässt jede Art von Tourismus einen CO2-Abdruck. Es geht mir also nicht darum zu sagen: weg mit dem Tourismus. Aber das Problem beim Weltraumtourismus ist die Verhältnismäßigkeit.

Nehmen wir mal Richard Bransons Flug ins All mit Virgin Galactic am 11. Juli. Für diesen Flug von ganzen 160 Kilometern, der nicht die Umlaufbahn erreichte, entsprach die CO2-Emission laut Flugunternehmen die eines Transatlantik-Fluges mit einem Passagier-Jet. Bei einem Flug von London nach New York beispielsweise werden 1,24 Tonnen CO2 ausgestoßen. Oder, um ein anderes Beispiel zu wählen, der Anderthalb-Stunden-Ausflug ins All entsprach einer Reise von etwa 4.800 Kilometern mit einem durchschnittlichen Mittelklassewagen.

Wenn Virgin Galactic also den Gegenwert von 4.800 Kilometern Autofahrt an CO2 in unsere Atmosphäre bläst für einen einzigen Kurztrip von sechs Personen, dann ist das ein Schlag ins Gesicht für alle Anstrengungen zum Klimaschutz – von Privatleuten genauso wie von der Politik. Und das Problem könnte sich sogar erheblich verschärfen, wenn der Weltraumtourismus erstmal richtig an Fahrt aufnimmt. Das könnte schon bald der Fall sein. Denn es haben sich bereits 600 Menschen einen Flug ins All mit Virgin Galactic reserviert. Der kostet die Kleinigkeit von 169.000 bis 212.000 Euro.

Bransons Unternehmen Virgin Galactic legt Wert auf Nachhaltigkeit, heißt es; allerdings ist unklar, was das bedeutet. Ich halte das, vor allem angesichts des immensen CO2-Abdrucks solcher Flüge, für eine ziemlich zweifelhafte Aussage.

Milliardär Jeff Bezos liefert immerhin etwas mehr als Lippenbekenntnisse, denn die Raketen seines Raumfahrtunternehmens Blue Origin nutzen Wasserstoff, wodurch kein CO2 ausgestoßen wird. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass Wasserstoff zwar mithilfe erneuerbarer Energien hergestellt werden kann, derzeit aber normalerweise mit – ja, Sie haben es schon geahnt – fossiler Energie produziert wird.

Mein Vorschlag für die Space-Cowboys

Es ist die pure Ironie. Dem Anblick der Erde aus dem All – dieser wunderschöne blaue Planet im schwarzen Universum – wird oft zugeschrieben, er habe die heutige Umweltbewegung inspiriert. Und nun erklärt Blue Origin, seine Vision sei es, der Erde Gutes zu tun. Das war dann sicher auch der Grund dafür, eines der Tickets für den Flug an einen steinreichen anonymen Bieter zu verhökern. Für 28 Millionen US-Dollar. (Seitdem verschiebt sich die Teilnahme bis zum nächsten Flug.) Genau genommen ist das keine Ironie mehr. Ich würde es Zynismus nennen.

Wenn es Weltraumtourismus-Unternehmen wirklich um ihre grünen Behauptungen ginge, würde ich folgendes vorschlagen: Für jeden Flug eines Touristen ins All sollten die Firmen den gleichen Betrag in den Klimaschutz investieren. So könnten die stinkreichen Egoisten ihren Spaß haben, und wir könnten zugleich versuchen, das Klima zu retten.

Weltraumtourismus sollte es nur gegen diesen Ausgleich geben. Einen Ausgleich, der die Zukunft des Planeten sichert. Dieses funkelnden blau-grün-braunen Juwels, der den Ursprung unseres Lebens darstellt – und der einzige Planet ist, von dem wir leben können.