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Musik

Jan Garbarek ist 70

Rick Fulker
4. März 2017

Der norwegische Saxofonist ist einer der wenigen europäischen Jazzmusiker von Weltrang - auch wenn "Jazz" für seine Musik ein zu enger Begriff zu sein scheint.

Jan Garbarek - Musiker
Bild: picture-alliance/CITYPRESS24

Er trägt meistens grau oder schwarz und spielt stets mit geschlossenen Augen. Meditative, ätherische, transzendentale Klänge entströmen seinem Saxofon. Seinen Stil erkennt man gleich - und dennoch ist Jan Garbarek ein vielseitiger Musiker, der engen Stilgrenzen trotzt.

Er wurde am 4. März 1947 in Mysen geboren, einer Stadt südöstlich von Oslo. Sein Vater war ein ehemaliger polnischer Kriegsgefangener, seine Mutter die Tochter eines norwegischen Bauern. Beide Elternteile waren unmusikalisch. Mit 14, nachdem er den amerikanischen Jazz-Saxofonisten John Coltrane im Radio gehört hatte, brachte er sich das Saxofon-Spielen als Autodidakt selbst bei. Nur ein Jahr später gewann er einen Amateur-Musikwettbewerb und gründete seine eigene Band. Später studierte er in Oslo Philosophie.

Formellen Musikunterricht hat Jan Garbarek kaum genossen. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" im Jahr 2010 hat er das weder bedauert noch gut geheißen. Er habe die Jazzstandards nie gelernt und stelle deshalb bis heute gewisse Schwächen bei sich fest, sagte er mit charakteristischer Bescheidenheit. Andererseits weiß er, dass seine Fantasie sich durch den Mangel an formaler Ausbildung voll entfalten konnte. 

Vom Free Jazz zu New Age

Garbarek ging stets unbeirrt seinen eigenen WegBild: picture-alliance/jazzarchiv/H. Schiffler

 Einen prägenden Einfluss hinterließ der in Schweden lebende US-amerikanische Jazzkomponist George Russel, der den 17-jährigen Garbarek einlud, in seiner Band mitzuspielen und ihn als "eine der originellsten Stimmen im europäischen Jazz seit Django Reinhardt" beschrieb. "Er überredete mich, Musiker zu werden, woran ich nie gedacht hatte", sagte Garbarek später über Russel.

Garbareks Album "Afric Pepperbird", das ihm den internationalen Durchbruch brachte, erschien 1970 bei einem jungen, in München beheimateten Label namens ECM Records, das später etliche Meilensteine des Jazz veröffentlichen sollte, darunter die legendären Liveauftritte des US-amerikanischen Jazzpianisten Keith Jarrett. Garbareks exklusive Partnerschaft mit dem Label dauert bis heute an - was in der Musikwelt äußerst selten ist.

Anfangs orientierte Garbarek sich an einem eckigen, scharfkantigen Klang, der im Free Jazz angesiedelt war. Bereits ab 1973 zog er jedoch einen lyrischen, melodischen Stil vor, mit langem Atem und großem Bogen. "Die menschliche Stimme ist mein Ideal", sagte er einmal.

Garbarek baute seinen eigenen Stil unbeirrt aus - auch als Kritiker in den 1990er Jahren seine Klänge als "New Age" abtaten, als Musik völlig ohne Biss. In der Wochenzeitung "Die Zeit" lobte der Kritiker Ulrich Greiner dagegen Garbareks Originalität: "Die Utopie des unendlichen Atems und des natürlichen Wohlklangs treibt Garbareks Musik an. Sie schwitzt nicht, sie ist heiter im Sinn des Worts, das vom griechischen 'Aither' kommt und klarer Himmel, reine Luft bedeutet."

In den 1980er und 1990er Jahren trat Jan Garbarek mit dem legendären Jazzpianisten Keith Jarrett auf und erschien mit ihm und dem Kontrabassisten Charlie Haden auch auf der Bühne der New Yorker Carnegie Hall. "Niemand könnte Keith mehr bewundern als ich", offenbarte Garbarek später, wieder einmal bescheiden, als er darauf angesprochen wurde, dass Jarrett sich für eine weitere Zusammenarbeit interessiert haben solle. "Aber er ist so ein Meister, dass mir mein Mangel an Wissen und Können immer stärker bewusst wurde. Seine Fähigkeiten sind einfach so überwältigend." 

Mit Trilok Gurtu im Konserthus in Stavanger, 2013Bild: NRK/Torstein Vegheim

Grenzübergänge

Garbarek arbeitete stets sorgfältig, ließ seine vielen Albums detailbeflissen im Studio entstehen und wartete bis 2009, bis er sein erstes Livealbum "Dresden" veröffentlichte. Ein größerer Meilenstein war aber "Officium" aus dem Jahr 1994. Auf der Welle der Popularität Gregorianischem Gesangs setzte er sich mit den vier Vokalisten des Hilliard Ensembles zusammen und führte eine fünfte Stimme ein: die seines Saxofons. Das Album wurde zum Besteller, auch in den Klassik- und Pop-Charts. Weitere große Erfolge erzielte Garbarek 2000 mit der Musik zum Film "Kippur" sowie dem Album "In Praise of Dreams", das 2005 für einen Grammy nominiert wurde.

Garbareks reguläres Quartett besteht seit 1980, da spielen seine langjährigen Weggefährten Rainer Brüninghaus am Klavier und der indische Klangmagier Trilok Gurtu am Schlagzeug mit. Später hinzugekommen ist der brasilianische Bassist Yuri Daniel.

Und was spielen sie? Das lässt sich, so Garbarek, nicht so einfach beschreiben. "Für mich hat der Jazz historisch einen klaren Anfang und eine klare Vollendung. Der Kreis ist geschlossen. Das andere, was heute gespielt wird, ist gleich gut, aber es ist kein Jazz mehr." 

Was auch immer es ist: Jan Gabarek präsentiert es noch - etwa am 2. Juni in der Hamburger Elbphiharmonie im Rahmen einer Tournee, die ihn und sein Quartett im Mai auch nach Istanbul und im Juli zum Jazzfest in Wien führen wird.

 

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