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Film

Meister des Magischen: David Lynch ist 70

Jochen Kürten19. Januar 2016

Der Regisseur von surrealen Meisterwerken wie "Blue Velvet" und wegweisenden TV-Serien wie "Twin Peaks" hat sich weitgehend aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Kurz vor seinem 70. Geburtstag meldete sich Lynch zurück.

David Lynch (Foto: picture-alliance/AP Photo/M.Rourke)
Bild: picture-alliance/AP Photo/M.Rourke

Wer Ende der 1970er Jahre begann ins Kino zu gehen und damals Augen und Ohren hatte für US-amerikanische Filmkunst außerhalb von "Star Wars" und anderen Hollywood-Blockbustern, der wurde in den Mitternachtsvorstellungen der Arthaus-Kinos belohnt. Ein kleiner, billiger, noch dazu schwarz-weiß gedrehter Film mit dem seltsam klingenden Titel "Eraserhead" tauchte da auf von einem jungen amerikanischen Regisseur, von dem niemand etwas zuvor gehört hatte: David Lynch.

Der Zuschauer verfolgte in dem Film ein seltsames kleines Wesen zwischen Mensch und Tier in Windeln, das pausenlos vor sich hin wimmerte oder auch schrie. Es hauste in einer heruntergekommenen Wohnung, versorgt und betreut von einem heillos überforderten Vater. "Eraserhead" war einerseits düsterer Horrorfilm und filmische Schreckensvision für alle angehenden Eltern, andererseits auch mitleiderregende Studie über ein gänzlichs fremdes Lebewesen und faszinierendes filmisches Experiment.

Mit Isabella Rossellini drehte Lynch "Blue Velvet", mit der Schauspielerin war er auch mehrere Jahre liiert - hier feiern die beiden in Cannes die Goldene Palme für "Wild at Heart"Bild: AP

Wer "Eraserhead" gesehen hat, der dürfte die Bilder des Films wohl auch nach fast 40 Jahren nicht vergessen haben. Und man ahnte, dass dieses Kino-Kleinod nur von einem Künstler stammen konnte, von dem noch einiges zu erwarten war. Mit David Lynch betrat Ende der 1970er Jahre ein Regisseur die Welt des Kinos, der zu einem der einflussreichsten Filmkünstler überhaupt werden sollte.

Ein ungemein phantasievoller Regisseur: David Lynch

Auch wenn heutigen Kinogängern der Name David Lynch nicht mehr ganz so viel sagt, weil sich der US-Amerikaner vor zehn Jahren praktisch von der Kinoleinwand verabschiedet hat und auch seine Filme zuletzt nicht mehr allzu erfolgreich waren, so ist der Rang Lynchs innerhalb des US-amerikanischen Films nicht hoch genug einzuschätzen.

Lynch hat seine Visionen an nachfolgende Regiegenerationen weitergeben. Das wird heute deutlich. Ein Regisseur wie Quentin Tarantino, der seit seinem Welterfolg "Pulp Fiction" (zu Recht) überall gefeiert wird - ohne die Vorarbeit von Lynch wäre das wohl nicht denkbar. Dessen Film "Wild at Heart", der 1990 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, hat erstmals im modernen amerikanischen Kino jene gewagte Kombination zwischen Gewalt und Witz, zwischen Horror und Sarkasmus auf die Leinwand gebracht, die Tarantino später variierte und neu gestalten sollte.

Liebe zwischen Frauen - auch ein Thema bei Lynch: Filmszene aus "Mulholland Drive" (2001)Bild: picture-alliance/dpa/Mary Evans Picture Library

Lynchs an der Kasse gnadenlos gescheiterter Versuch, einen Blockbuster in Szene zu setzen, das 1984 inszenierte Science-Fiction-Epos "Dune", zeigte späteren Regisseuren, dass auch große kommerzielle Filme mit Finesse und viel Fantasie zu Kunstwerken werden konnten. David Lynchs erschreckende filmische Vision "Blue Velvet", ein Hit in den Kunstkinos Mitte der 1980er Jahren, mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper prominent besetzt, ist heute noch eines der faszinierendsten Beispiele für ein Kino, das aus verschiedenen Genrezutaten etwas völlig Neues zusammensetzt.

Mit "Twin Peaks" schrieb Lynch auch Fernsehgeschichte

Und dass die vor einem halben Jahrhundert fürs Fernsehen gedrehte Serie "Twin Peaks" den momentan so populäre Serienhype inspiriert und erst in die Wege geleitet hat, wird heute von vielen Experten bestätigt.

Lynchs Filme nach "Wild at Heart" (1990) wurden bis auf eine Ausnahme (der heiter-besinnliche "The Straight Story") immer unzugänglicher. Im gleichen Maße wie sich der Regisseur in seinen Filmen immer mehr tieferen Schichten des menschlichen Bewusstseins zuwandte, beschäftigte sich der 1946 in Montana geborene Amerikaner mit der Transzendentalen Meditation. Wenn über Lynch in den letzten Jahren berichtet wurde, dann geschah das häufiger im Zusammenhang mit Meditation als mit Kino und Film.

Nach der erfolgreichen TV-Serie "Twin Peaks" entstand 1992 auch noch ein Kinofilm, vom Meister selbst inszeniertBild: picture alliance/United Archives/IFTN

Doch David-Lynch-Fans dürfen hoffen. Derzeit sitzt der Meister nach längerer Pause wieder auf dem Regiestuhl. Viel weiß man nicht über die Details der Fortsetzung der legendären Twin-Peaks-Serie. Nur soviel: 18 weitere Folgen des Kleinstadtdramas um den unaufgeklärten Mord an der jungen Laura Palmer sind geplant. Bei allen soll David Lynch selbst Regie führen. 2017 kommen die neuen Folgen zur Ausstrahlung - bis dahin heißt es für alle Lynch-Fans warten.

Man darf davon ausgehen, dass Lynch dann etwas abliefern wird, das vielen Soap-Fans unserer Tage die Haare zu Berge stehen lassen wird. Jetzt gilt es erst einmal, einen Glückwunsch zu übermitteln: Happy Birthday, Mr. Lynch zum 70. Geburtstag!

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