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Merz ein Nazi? Spannungen zwischen Deutschland und Israel

15. April 2026

In einem beispiellosen Vorgang kritisiert einer der wichtigen israelischen Minister den deutschen Bundeskanzler. Wie steht es um das deutsch-israelische Verhältnis?

Friedrich Merz bei Antrittsbesuch und Gespräch mit Benjamin Netanjahu. Im Hintergrund sieht man rechts die israelische und links die deutsche Fahne. Oben sieht man das hebräische Wort "Israel" wohl auf dem Wappen des Regierungssitzes.
Handschlag im Dezember 2025: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (re.) begrüßte den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz zum Antrittsbesuch in Jerusalem Bild: Michael Kappeler/dpa/picture alliance

Eigentlich schien es Routine: Anfang der Woche telefonierte der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Im Anschluss informierte Merz' Sprecher Stefan Kornelius darüber per Mail. Die letzten zwei Sätze lauteten: "Im Gespräch brachte der Bundeskanzler seine große Sorge über die Entwicklungen in den palästinensischen Gebieten zum Ausdruck. Eine faktische Teilannexion des Westjordanlandes dürfe es nicht geben." Auf dem Kanal "X" verbreitete der Kanzler-Account das auch in einem deutschen und einem englischen Post: "I made it clear: There must be no de facto annexation of the West Bank."

Das alles ist nicht neu. Nach einem Telefonat der beiden Regierungschefs Mitte Juli 2025 hieß es beispielsweise: "Der Bundeskanzler unterstrich, dass es keine Schritte zu einer Annexion des Westjordanlandes geben dürfe." Auch da machte die deutsche Seite deutlich, dass sie entschieden gegen ein einseitiges israelisches Vorgehen ist.

Berlin hält an einer Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israelis und Palästinensern fest. Diese Zwei-Staaten-Lösung hat die israelische Politik nicht erst seit dem Terror-Überfall des 7. Oktober 2023 zu den Akten gelegt.

"Sie werden uns nicht erneut in Ghettos zwingen"

Diesmal folgt auf die deutsche Mahnung eine verbale Eskalation. Finanzminister Bezalel Smotrich attackiert Merz scharf. "Herr Bundeskanzler, die Zeiten, in denen Deutsche Juden vorschrieben, wo sie leben durften und wo nicht, sind vorbei und werden nicht wiederkehren. Sie werden uns nicht erneut in Ghettos zwingen, schon gar nicht in unserem eigenen Land", so der 46-Jährige unter Bezug auf den "X"-Post des deutschen Regierungschefs.

Israels Finanzminister Bezalel SmotrichBild: Saeed Qaq/SOPA Images/Sipa USA/picture alliance

Smotrich, Enkel von Holocaust-Überlebenden, ist einer von mehreren rechtsextremen Politikern im Kabinett Netanjahu. Er wurde auf dem israelisch besetzten, zu Syrien gehörenden Golan geboren und lebt heute im israelisch besetzten Westjordanland.

Immer wieder fällt er durch Äußerungen auf, die rassistisch sind, fremdenfeindlich und homophob. Er stellt sich gelegentlich auch demonstrativ gegen das Oberste Gericht Israels. Wenn in sechs Monaten in Israel Parlamentswahlen anstehen, will er gegen Premier Netanjahu punkten.

Smotrich äußerte sich am Dienstag, dem 14. April. In Israel war das der Jom haSchoa, der Holocaust-Gedenktag. Das Land gedenkt der sechs Millionen von Nazi-Deutschland im Holocaust ermordeten Juden, das Leben in Israel steht minutenlang still. Überlebende des NS-Massenmords an den Juden stehen im Mittelpunkt der Feiern. Auch das gehört zum Hintergrund, wenn Smotrich den Kanzler attackiert und von den Ghettos spricht. "Am Yisrael Chai", endet sein "X"-Post: "Das Volk Israel lebt".

Israels Premierminister Netanjahu (re.) am israelischen Holocaust-Gedenktag (14.4.2026) in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad VashemBild: Ronen Zvulun/REUTERS

Ministerpräsident Netanjahu äußerte sich bisher nicht zu dieser Attacke auf einen anderen Regierungschef. Lediglich Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, bezog Stellung. Merz sei ein "großer Freund Israels", betonte der Diplomat im israelischen Sender Kan.

Israelischer Botschafter in Berlin: "die Dinge völlig verzerrt"

Dabei sei es "möglich und völlig legitim, mit den Deutschen zu streiten - besonders an diesem Tag, der sehr emotional ist", so der Botschafter. Äußerungen wie die von Smotrich seien jedoch "genau das, was die Erinnerung an den Holocaust untergräbt und die Dinge völlig verzerrt darstellt". 

Mit anderen Worten: Prosor, der in deutschen Debatten um den Kurs Israels durchaus selbst gegen Kritiker Israels austeilt, wirft dem israelischen Minister vor, den Massenmord an den Juden zu instrumentalisieren.

Immerhin steckt Merz international einiges an Kritik ein, weil er sich letztlich mit Blick auf den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) gegen Netanjahu nicht festlegt. Letztlich müsste Deutschland Netanjahu, wenn er nach Deutschland käme, festnehmen und nach Den Haag überstellen.

Die beispiellose Attacke eines israelischen Ministers auf den Kanzler hat einen Vorlauf. Vor gut drei Wochen gab es eine ähnliche Konfrontation. Damals reagierte Israels Außenminister Gideon Saar scharf auf einen "X"-Post des deutschen Botschafters Steffen Seibert. Dieser hatte zuvor in einem Post unter anderem Siedlergewalt gegen palästinensische Dorfbewohner im (1967 von Israel besetzten) Westjordanland benannt.

Seibert, dessen Amtszeit in Tel Aviv im Sommer endet, ist kein typischer Kritiker israelischer Politik. Für den früheren Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel wirkte der Posten in Israel wie eine Herzensangelegenheit. So lernte er Ivrit. Und er setzte sich vehement für Bemühungen ein, die von Hamas-Terroristen entführten Geiseln aus dem Gazastreifen freizubekommen.

Das, was sich da auf der Plattform "X" abspielt, ist nicht nur ein Beispiel für die Überhitzung auf den sogenannten Sozialen Medien. Daraus spricht auch eine wachsende Entfremdung zwischen Deutschland und Israel. Sie setzte deutlich vor dem 7. Oktober 2023 ein.

Beispiel eins: Im Jahr 2008 starteten die ersten Deutsch-Israelischen Regierungskonsultationen. Kanzlerin Merkel hatte zuvor - als erste deutsche Regierungschefin - in der Knesset, dem israelischen Parlament, gesprochen. Auf Deutsch. Einige Abgeordnete verließen den Saal. Der damalige Oppositionsführer Netanjahu kritisierte, dass es zu Merkels Auftritt kam.

Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht im März 2008 in der KnessetBild: dpa-Zentralbild/picture alliance

Das Format der Regierungskonsultationen, an denen jeweils Regierungschefs und alle Minister teilnehmen, gilt als Ausdruck sehr intensiver Zusammenarbeit. Deutschland pflegt sie mit gut einem Dutzend Ländern. Nur: Die siebten und bislang letzten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen gab es 2018, vor acht Jahren. Nur bei Russland und der Türkei liegt die letzte große Begegnung noch länger zurück.

Beispiel zwei: Im Oktober 2025 ging Merz auf Distanz zum Begriff der "Staatsräson", der spätestens seit Merkels Äußerung 2008 aus deutscher Sicht verwendet wurde. Für die Kanzlerin war damit die "besondere politische Verantwortung" für die Sicherheit Israels gemeint. Er habe sich, sagte Merz der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", "mit diesem Begriff immer schwergetan, weil er in all seinen Konsequenzen nie ausbuchstabiert worden ist".

Die Frage, wie Deutschland seine Verantwortung gegenüber Israel konkretisiert, wird seitdem häufiger diskutiert. Die Kritik an der Art und Weise von Israels Krieg in Gaza und die Debatte über deutsche Rüstungsexporte an Israel gehörten dazu, die (eher theoretische) Frage einer Beteiligung Deutschlands an einer internationalen Friedenstruppe für den Gazastreifen eher nicht.

Beispiel drei: Schon lange stimmen Israel und Deutschland darin überein, dass sie in der Frage einer Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israelis und Palästinensern nicht übereinstimmen. Immer wieder ordnen Sprecher des deutschen Außenministeriums neue israelische Siedlungsprojekte in der Westbank als völkerrechtswidrig ein.

Die israelische Regierung lehnt eine Staatlichkeit für die Palästinenser ab. Durch immer weitere Siedlungen schwinden die Möglichkeiten für ein palästinensisches Staatsgebilde mehr und mehr. Auch die Vereinten Nationen betrachten umstrittene israelische Siedlungen als großes Hindernis für eine Friedensregelung. Bei Angriffen radikaler israelischer Siedler auf palästinensische Dörfer wurden mehrfach palästinensische Zivilisten getötet. Vor diesem Hintergrund hatte der deutsche Bundeskanzler seine Sorge geäußert und wurde vom israelischen Finanzminister angegriffen.

Westjordanland: In Dschalud südlich von Nablus zeigt ein Palästinenser nach Angriffen von Siedlern ein ausgebranntes FahrzeugBild: Jaafar Ashtiyeh/AFP

Die britische Zeitung "Guardian" zitierte nach der Smotrich-Attacke die Israel-Expertin der International Crisis Group, einer in Brüssel ansässigen Nichtregierungsorganisation.

Mairav ​​Zonszein erklärte auf "X", die israelische Regierung habe Deutschland wiederholt angegriffen, "weil es sich auf die grundlegenden Menschenrechte der Palästinenser beruft". Weiter schrieb sie: "Sie tun dies sogar auf die Gefahr hin, ihren stärksten europäischen Verbündeten zu verprellen."

Zonszein forderte die Bundesregierung auf, ihren Kurs gegenüber der Netanjahu-Regierung zu überdenken.

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