Merz reist nach China: Zeichen einer neuen Weltordnung
23. Februar 2026
Es fehlt in diesen Tagen nicht an düsteren Beschreibungen der Weltlage. "In der Ära der Großmächte ist unsere Freiheit nicht mehr einfach gegeben. Sie ist gefährdet", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz. Und er nannte ausdrücklich auch China. Das Land erhebe einen globalen Gestaltungsanspruch. In absehbarer Zeit könnte Peking den Vereinigten Staaten militärisch auf Augenhöhe begegnen.
Doch auch in den USA sieht der Bundeskanzler keinen verlässlichen Partner mehr. Und der chinesische Außenminister Wang Yi hat in München genau das angeboten, was die Bundesregierung inzwischen bei den USA unter Donald Trump vermissen: Multilateralismus, eine regelbasierte Weltordnung und Freihandel.
Merz scheint hierin eine Chance zu sehen. Er werde in Peking über "strategische Partnerschaften" sprechen, kündigte er kurz vor Beginn seiner Reise an.
Was taugt das chinesische Angebot? "Nicht alles, was China möchte, ist zwangsläufig auch im deutschen Interesse, darüber wird man reden und verhandeln müssen", sagt Prof. Eberhard Sandschneider, China-Experte und Partner der Beratungsgesellschaft Berlin Global Advisers, der DW. "Aber das Angebot zumindest steht, und es ist natürlich ein klarer Kontrast und für uns aus westlicher Perspektive extrem schwierig zu akzeptieren, dass die Vereinigten Staaten zum Zerstörer einer Weltordnung werden, die sie selbst mit aufgebaut haben."
Das alte Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr
Merz reist mit einer umfangreichen Wirtschaftsdelegation. China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner mit einem Volumen im Jahr 2025 von gut 250 Milliarden Euro. China hat im vergangenen Jahr die USA, die kurzzeitig vorn lagen, wieder überholt. Aber der Austausch mit China hat sich deutlich verändert. Das deutsche Handelsbilanzdefizit erreichte 2025 ein Rekordhoch und belief sich laut Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft auf rund 90 Milliarden Euro; es nahm allein gegenüber dem Vorjahr um 30 Milliarden Euro zu.
Merz hat kürzlich in einer Regierungserklärung im Bundestag von einer "Wachstumslücke" gegenüber China gesprochen und betont, Deutschland müsse wettbewerbsfähiger werden.
Bis vor wenigen Jahren konnte zum Beispiel die deutsche Automobilindustrie sehr erfolgreich den chinesischen Markt bedienen. Seit der Transformation zu Elektroautos in beiden Ländern funktioniert das alte Geschäftsmodell nicht mehr: Die meist großen deutschen Elektroautos sind in China zu teuer, während China konkurrenzlos günstige Fahrzeuge nach Europa exportiert.
"Wir haben uns zu lange auf unseren goldenen Lorbeeren ausgeruht", sagt Sandschneider. "Wir Deutsche sind stolz darauf, dass wir Autos bauen und keine fahrenden Handys, wie ein Automobilmanager mal gesagt hat. Aber genau das bauen Chinesen, und genau damit sind sie erfolgreich." China sei mittlerweile "eine technologische Führungsmacht" geworden. "Da mitzuhalten, wird gar nicht so einfach werden."
"Wenn der deutsche Kanzler auf den chinesischen Präsidenten trifft, wissen beide, dass die Zeiten, in denen China die Werkbank des Westens war, endgültig vorbei sind", schreibt DW-Chefkorrespondentin Michaela Küfner, die den Kanzler begleitet. "Merz kommt in dem Bewusstsein, dass China in der neuen Weltordnung seinen Platz an der Spitze bereits gesichert hat, während Deutschland und Europa noch darum ringen, ihren Platz am Tisch der Weltmächte zu behalten."
Starke Abhängigkeit bei seltenen Erden
Schon die frühere Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz hatte beschlossen, die Abhängigkeit von China zu verringern. Bei einigen Rohstoffen, vor allem bei seltenen Erden, die zum Beispiel für Elektroautos benötigt werden, hat China ein weltweites Fast-Monopol. Chinas Exportbeschränkungen bei seltenen Erden hat im Jahr 2025 sogar schon vorübergehend zu Produktionsstopps bei deutschen Autoherstellern geführt. Daneben sehen Experten Sicherheitsgefahren durch chinesischen Datenzugriff etwa über die Kommunikationsnetze.
Auch die US-Regierung warnt vor solchen Abhängigkeiten. Außenminister Marco Rubio forderte in München die europäischen Verbündeten auf, sich hinter den USA zu versammeln. Eberhard Sandschneider sieht die Gefahr einer sich entwickelnden bipolaren Welt, in der Washington von Deutschland fordern könnte, sich zwischen den USA und China zu entscheiden. "Das bringt andere Staaten, nicht nur Deutschland, in eine Zwickmühle." Kanada wird bereits von Washington unter Druck gesetzt.
Merz ist spät dran mit seinem Besuch
Eines hatte sich Friedrich Merz für seinen China-Besuch schon im Herbst vorgenommen. Er wolle Präsident Xi Jinping auffordern, die Unterstützung Russlands im Ukraine-Krieg zu beenden. Eberhard Sandschneider hält das für aussichtslos: "Wer nicht verstanden hat, dass Chinas geostrategisches Interesse nicht darin besteht, Russland verlieren zu sehen, der muss sich vielleicht nur einmal hinsetzen und nachdenken." Xi umzustimmen "wird dem deutschen Kanzler nicht gelingen, der ohnehin viel zu spät nach China kommt".
Tatsächlich ist Merz mit seinem Antrittsbesuch spät dran – und zwar im doppelten Sinne: spät nach seinem Amtsantritt im Mai, nachdem er zuvor eine ganze Reihe anderer Staaten besucht hat, auch Indien; spät aber auch, weil vor ihm andere westliche Staats- und Regierungschefs dort waren: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron etwa, der britische Premierminister Keir Starmer und Kanadas Ministerpräsident Mark Carney. Sie alle hatten das gleiche Ziel, das jetzt auch Merz verfolgt: Mithilfe von China neuen wirtschaftspolitischen Spielraum gewinnen, den die USA zuvor verengt haben.
Eigentlich wollte Merz schon im Oktober kommen. Doch es gab diplomatische Verstimmungen: Außenminister Johann Wadephul hatte China Aggression im pazifischen Raum vorgeworfen und dann seinen Besuch kurzfristig abgesagt, als klar war, dass man ihm außer seinem Amtskollegen Wang Yi keine wichtigen Gesprächspartner anbieten würde. Die Absage kam ganz schlecht an in Peking.
Doch auch Merz hat jetzt kein Blatt vor den Mund genommen: "Plötzlich sehen wir, dass China aggressiv im Südchinesischen Meer Stützpunkte ausbaut, Taiwan einkreist und offen erklärt, dass es notfalls bereit wäre, mit militärischer Gewalt die sogenannte Wiedervereinigung Chinas herbeizuführen", sagte er kürzlich mit Blick auf Taiwan, das Peking als abtrünnige Provinz betrachtet.
Dies nur wenige Tage vor seiner Abreise nach China. Man darf gespannt sein, ob seine Kritik den Besuch belasten wird.
DW-Chefkorrespondentin Michaela Küfner meint: "Ganz grundsätzlich muss der deutsche Bundeskanzler einen direkten und belastbaren Draht zu Chinas Präsident Xi etablieren. Denn sei es Handel, Lieferketten oder der Krieg in der Ukraine, eines ist sicher: Das Verhältnis zu China wird künftig mindestens so sehr über die Stabilität Europas entscheiden, wie das zu den USA."