Micheil Saakaschwili: Moskauer Gerede einfach ignorieren
6. August 2004Tbilissi, 5.8.2004, IMEDI TV, georg.
Vor etwa einer Viertelstunde ist im Weißen Haus das Treffen des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili mit der Nationalen Sicherheitsberaterin der USA, Condoleezza Rice, zu Ende gegangen. Hier die Worte von Präsident Saakaschwili. (...)
(Saakaschwili) Jedermann sollte begreifen, dass es jetzt unsere Aufgabe ist, uns nicht von Heißspornen in Moskau, die einfach verrückt spielen - verrückt spielen, weil Georgien wieder auf die Beine kommt in einen bewaffneten Konflikt hineinziehen zu lassen. Ich sage das immer wieder - in Tbilissi und auf der internationalen Arena. Georgien muss stärker werden, wieder auf die Beine kommen, seine Verteidigungsfähigkeit stärken. Georgien muss seine Wirtschaft wieder aufbauen und an einem besseren Leben insgesamt arbeiten.
Unsere Feinde wissen, dass, sobald wir all dies tun, Georgien für sie keine einfache Zielscheibe sein wird. Daher ist es für sie wichtig, uns jetzt aus dem Gleichgewicht zu bringen und uns in einen Konflikt hineinzuziehen, uns irgendetwas vorzuwerfen und uns in die Falle zu locken. Daher sollte die gesamte georgische Nation ohne Rücksicht auf die törichten Erklärungen irgendeines Duma-Mitglieds, ohne Rücksicht auf die Drohungen, die ärgerlichen Äußerungen irgendeines unrasierten Separatisten begreifen, dass all dies nur ein einziges Ziel hat: dass wir die Nerven verlieren und zu Gewalt greifen. (...) Ich sage das noch einmal. Daher reagiere ich auf die Äußerungen in Moskau von heute sehr ruhig. (...) Diejenigen, die so etwas tun, wollen, dass wir die Nerven verlieren und ihnen den Vorwand für eine Aggression gegen Georgien liefern. Wir sollten unsere Erfahrungen der letzten Jahre nutzen und das [was sie sagen] ignorieren und unseren Job machen. Wir werden unseren Job machen, und das bedeutet, dass Abchasien zurückkehrt, von Zchinwali, das für uns überhaupt kein Problem ist, ganz zu schweigen. Sie wollen, dass in Georgien jetzt ein Krieg beginnt, unter dem Vorwand eines Krieges, unter dem Vorwand, ihre Bürger zu schützen, was Unsinn ist. Sie wollen uns mit allen Mitteln provozieren und wenigstens eine Entschuldigung finden, die für die Welt gut genug ist.
Ich glaube, wir haben die volle Unterstützung nicht nur von der amerikanischen Regierung, sondern auch von der ganzen vernünftigen Welt. Ich glaube, auch in Russland ist vielen klar, dass das, was vor sich geht, Wahnsinn ist. Ich hoffe, Präsident Putin wird dem ein Ende setzen. Ich bin davon überzeugt, dass hinter der Provokation von gestern, als Schüsse auf [den Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für GUS-Angelegenheiten Andrej] Kokoschin abgefeuert wurden, Sonderdienste und Vertreter sowohl der Separatisten [Südossetiens] als auch gewisser russischer Sonderdienste steckten. Wissend, dass ich in Amerika bin, wenn auch nur zu einem Privatbesuch, war es ihr einziges Ziel, jedermann davon zu überzeugen, dass Georgien eine Duma-Abordnung angegriffen hat, dessen Leiter, Kokoschin, mehr oder weniger bekannt ist. Wir haben sie nicht angegriffen, genauso wie wir nie als erste aggressive Schritte ergreifen. Wir haben das nicht nötig. Das haben diejenigen nötig, die sich mit Georgiens Fortschritten und Georgiens Vorankommen nicht abfinden können. So einfach ist das.
(Frage) Batono [höfliche Anredeform] Micheil, in der Duma war sogar die Rede davon, dass Sie umgebracht werden sollten.
(Saakaschwili) Sie sollten wissen, dass die Duma und jene Nationalisten in Moskau alles sagen, damit wir die Nerven verlieren. Sie sagen, dass sie mein Flugzeug abschießen, sie sagen, die Georgier seien brutal und wahnsinnig; sie greifen zu allen Attributen, damit wir die Nerven verlieren (...)
Natürlich, als Mensch fühle ich mich durch viele Äußerungen gewisser Duma-Mitglieder, die nicht ganz bei Verstand sind, beleidigt. Als Präsident eines Landes aber, dessen Zukunft ihm nicht gleichgültig ist, weiß ich, dass genauso wie die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, genauso wie Rumänien und Bulgarien dieser Falle entkommen und zu normalen Ländern geworden sind Georgien drei bis vier Jahre braucht, um für sie keine einfache Zielscheibe zu sein. Wenn wir unsere Wirtschaft wieder aufbauen, wenn investiert wird, wenn Georgien sich beruhigt hat, wenn alles in Ordnung ist, dann wird auch das Abchasien- und das Südossetien-Problem leicht gelöst werden und kein einziger russischer Soldat wird auf georgischem Territorium bleiben können. Weil sie all das wissen, wollen sie, dass wir jetzt, da wir eine relativ einfache Zielscheibe sind, die Nerven verlieren und uns in die Falle locken.
Daher ignoriere ich das alles völlig. Sollen sie doch reden, was sie wollen (...). Meine Aufgabe ist es, Georgien wieder auf die Beine zu stellen.
Ich hoffe, Präsident Putin stoppt diesen Wahnsinn, denn er muss sich im klaren darüber sein, dass es Wahnsinn ist, er muss begreifen, dass das Kinderspielereien sind. Ich weiß nicht, was das bringen soll. Man denkt wohl, wir seien ein Haufen unerfahrener Kinder, die ihre Nerven verlieren. Wir müssen uns über all das im klaren sein. (...)
Russland hat sich nicht geändert. Wie es war, so ist es. Unsere Vision hat sich geändert und wir haben mehr Erfahrung. Es ist gut, dass ich im Weißen Haus war. Wir haben die volle Unterstützung Washingtons, die volle Unterstützung. Wir haben nicht mehr das Jahr 1992. Russland weiß das auch. Es weiß auch, dass es auch nicht mehr das Jahr 1939 ist als der Krieg begann. Wir haben das Jahr 2004. Geschichte wiederholt sich, aber während es damals eine Tragödie war, ist es jetzt eine Farce. Was die Russen jetzt machen, ist eine Farce. Diese Farce darf nicht dazu führen, dass wir die Nerven verlieren. Darüber sollten wir uns alle im klaren sein. Wenn es einen Angriff gibt, dann werden wir darauf reagieren - aber nur als letztes Mittel.
Sie sind verärgert, dass wir auf Schiffe das Feuer eröffnen, die in abchasischen Gewässern einlaufen und sie behaupten, wir würden auf Touristen schießen. Wir schießen nicht auf Touristen, wir schießen aber auf jedes Schiff, das Fracht importiert oder exportiert. Gestern kam ein Schreiben vom russischen Außenministerium, in dem es hieß, das Privatschiffe nach Georgien [Abchasien] kommen würden. Abchasien ist kein Urlaubsplatz. Es ist eine Kriegszone, die 300 000 ethnische Georgier verlassen mussten. Keine einzige vernünftige russische Familie wird in Abchasien Urlaub machen. Nur Leute, die wirr im Kopf sind wie [der russische Abgeordneten Wladimir] Schirinowskij, werden herkommen, und hier Urlaub machen. Russische Generäle, hauptsächlich solche, die nicht bei klarem Verstand sind, werden dort Urlaub machen. Vernünftige Touristen werden aber nicht nach Abchasien kommen. (...)
Wir sind ein Staat, und keiner kann einem Staat das Recht absprechen, sein Territorium zu verteidigen. Als echtes demokratisches Land werden wir nicht nur unser Territorium verteidigen. Wir sind nicht nur dazu bereit, wir sind verpflichtet, unsere Menschen und unsere Grenzen zu verteidigen. Wir wollen keinen angreifen, wir wollen keinen Konflikt, wir wollen keinem einzigen unschuldigen Menschen Schaden antun. Alle müssen aber mit uns rechnen. Angeblich will der Bürgermeister von Moskau nach Abchasien reisen. Auch Duma-Abgeordneten reisen dorthin. Das ist eindeutig unzivilisiertes Verhalten, ein Verhalten, das mit zivilisiertem Verhalten nichts zu tun hat.
Ich wiederhole noch einmal: Was auch immer sie tun - diese Leute sollten uns nicht daran hindern, voranzukommen und stärker zu werden. Wir sollten sehr beharrlich und sehr ruhig sein. Wir sind mit jedermann zu einem Dialog bereit, aber morgen wird Georgien in einer besseren Position sein. Übermorgen wird Georgien praktisch schon außer Reichweite für diese Leute sein, denn sie werden schwächer, während wir stärker werden. Das ist das wichtigste, worüber wir uns im klaren sein sollten. (...) (TS)