1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Migranten in Deutschland: Integration ohne Integrationskurs

19. Februar 2026

Das Bundesinnenministerium schränkt aus Kostengründen den Zugang zu freiwilligen Integrationskursen ein. Eine fatale Entscheidung, finden viele Kritiker.

20 Menschen stehen vor einer Wand mit der Aufschrift: "Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945"
Teilnehmer eines Integrationskurses mit Dozentin Petra Martin (9. von rechts) 2025 im Haus der Geschichte in BonnBild: Petra Martin

Müge Tuzcu Karakoc ist sich sicher: Ohne Integrationskurs wäre sie wahrscheinlich bis heute nicht richtig in Deutschland angekommen. Seit sieben Jahren lebt die türkische Journalistin in Deutschland. Doch erst als sie 2024 zusammen mit Ukrainerinnen, Syrern und Iranerinnen täglich Deutsch büffelte, habe das Land, in dem sie lebt, ihr eine Tür geöffnet, erzählt sie: "Wir haben dort mehr als eine Sprache gelernt. Durch diesen Kurs war ich wieder ein Teil im Alltagsleben und habe bemerkt, dass ich hier in Deutschland eine Chance habe."

Diese Chance will das Bundesinnenministerium in Zukunft nicht mehr allen Geflüchteten ermöglichen - Anträge für Flüchtlinge aus der Ukraine, Asylsuchende, Geduldete und EU-Migranten werden bis auf Weiteres nicht mehr genehmigt, sie müssen die 1600 Euro für einen Integrationskurs künftig aus eigener Tasche bezahlen. Nur wenn Jobcenter, Ausländerbehörde oder Sozialamt die Menschen verpflichten, übernimmt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die Kosten.

Die Sprache als Schlüssel, bald nicht mehr für alle Interessierten: Integrationskurse in DeutschlandBild: Sven Hoppe/dpa/picture alliance

Eine Entscheidung, welche die 42-Jährige nicht nachvollziehen kann. Sie sagt der DW: "Im Moment habe ich das Gefühl, dass Deutschland einen Schritt zurückgeht. Wenn Migranten nicht am täglichen Leben teilnehmen können, werden die Probleme größer. Wenn man Integrationskurse schließt, verschwinden Migranten nicht."

Dozentin für Integrationskurse: "Was für eine Bereicherung!"

Petra Martin heißt die Frau, die entscheidend dabei mitgeholfen hat, Tuzcu Karakoc die Tür zu ihrer neuen Heimat aufzustoßen. Sie hat seit Ende 2022 Hunderte Migrantinnen und Migranten in Integrationskursen unterrichtet und für Deutschland fit gemacht. Die Entscheidung des Bundesinnenministeriums hat auch die selbständige Dozentin kalt erwischt.

Sie sagt der DW: "Diese Kurse sind total wichtig. Jemand, der kein Deutsch spricht, bekommt in dieser Gesellschaft keine Chance. Wenn die Menschen nicht integriert sind und zum Beispiel nicht wissen, wie hoch der Mindestlohn in Deutschland ist, nehmen sie den nächsten unterbezahlten Job an und werden klein gehalten."

Studie: Viele Flüchtlinge haben Jobs, verdienen aber wenig

02:42

This browser does not support the video element.

700 Unterrichtsstunden umfassen die Integrationskurse in der Regel: Zu einem Großteil lernen die Migrantinnen und Migranten die Sprache, aber auch die deutsche Rechtsordnung, Geschichte, Kultur und die gesellschaftliche Entwicklung stehen auf dem Unterrichtsplan. Ein Modell, das sich seit 20 Jahren bewährt hat - beinahe vier Millionen Menschen haben mittlerweile an den Kursen teilgenommen.

"Deutschland sendet mit dem erschwerten Zugang ein falsches Signal, weil wir diese Menschen brauchen - in Krankenhäusern, in der Altenpflege und im öffentlichen Dienst", kritisiert Martin. "Die Migrantinnen und Migranten wollen ein Teil von diesem Land werden, Deutschland verstehen und hier arbeiten. Ich denke mir immer, mein Gott, was für eine Bereicherung! Und wir bremsen sie aus."

Volkshochschule: Sprachförderung ist Voraussetzung für Integration

130.000 Menschen könnten von den Sparmaßnahmen betroffen sein, hat der Volkshochschulverband hochgerechnet. Die erste Anlaufstelle für Erwachsenen- und Weiterbildung in Deutschland beobachtet schon jetzt, dass der Zulassungsstopp gleichfalls die vom Jobcenter vermittelten Teilnehmer betrifft - weil viele Kurse wegen zu geringer Teilnehmerzahl nicht starten können. Auch bei der Volkshochschule Bonn sind die Auswirkungen konkret spürbar, berichtet Leiterin Gabriele Tillmanns der DW. Ein für März geplanter Integrationskurs muss voraussichtlich verschoben werden, die bereits angemeldeten Teilnehmer wohl erst einmal warten.

Doch nicht nur die Zugewanderten seien betroffen, auch für Lehrkräfte, Träger und die Kommunen hätte die Entscheidung des Bundesinnenministeriums erhebliche finanzielle Konsequenzen, kritisiert Tillmanns. Ihr Fazit: "Aus Sicht der Volkshochschule Bonn ist diese Entwicklung kurzsichtig. Sprachförderung ist keine nachgelagerte Integrationsmaßnahme, sondern deren zentrale Voraussetzung. Wer den Zugang zu Sprachkursen einschränkt, verzögert Integration, schwächt den Arbeitsmarkt und verschärft gesellschaftliche Spannungen, statt ihnen vorzubeugen."

"Negative Folgen für Integration, gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Teilhabe" - Gabriele TillmannsBild: Foto Brell

Bundesinnenministerium: Integration nur für die, die sicher bleiben

Doch für das Bundesinnenministerium unter ihrem Chef Alexander Dobrindt von der CSU ist die Sache klar: Warum angesichts knapper Kassen Menschen bei der Integration unterstützen, die keine sogenannte "positive Bleibeperspektive" haben? Auf DW-Anfrage heißt es, Integrationskurse würden damit wieder auf ihren eigentlichen Auftrag zurückgeführt.

"Wir reagieren auf die reduzierten Migrationszahlen und senken die Ausgaben. Wir senken dabei Fehlanreize und setzen Prioritäten. Integrationskurse stehen vor allem für diejenigen zur Verfügung, die dauerhaft in Deutschland bleiben können." Angebote würden zukünftig wieder gezielter gesteuert. "Der Grundsatz bleibt bestehen: Wer dauerhaft bleiben kann, soll Unterstützung bekommen, um die Sprache zu lernen und schnell Orientierung zu bekommen."

Innenminister Dobrindt: Erfolg mit harter Migrationspolitik

24:43

This browser does not support the video element.

Integrationsbeauftragte: Entscheidung, die teuer werden könnte

Anruf bei Natalia Pawlik. Die SPD-Politikerin ist seit vergangenem Jahr Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Und gerade viel gefragt in den deutschen Medien, weil der Entschluss des Bundesinnenministeriums im Land hohe Wellen schlägt. Auch Pawlik hält die Entscheidung für falsch, vor allem widerspreche sie der gemeinsamen Vereinbarung im Koalitionsvertrag, mehr in Integration zu investieren und die Integrationskurse fortzuführen.

"Integrationspolitisch ist es absurd, von den Menschen mehr Integration zu fordern und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit dazu zu verwehren. Durch den Zulassungsstopp verlieren die Menschen wertvolle Zeit." Damit werde konterkariert, was sich in Deutschland seit über 20 Jahren bewährt habe: "Das Erlernen der deutschen Sprache ist nicht das Ergebnis, sondern die Voraussetzung für eine schnelle und gelungene Integration. Sprachförderung darf nicht von einer unsicheren Prognose über eine spätere Bleibeperspektive abhängen."

"Es geht hier um eine Frage der Prioritätensetzung. Darüber werden wir in der Regierung sprechen" - Natalie Pawlik, Beauftragte der Bundesregierung für AntirassismusBild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Was Natalie Pawlik insbesondere umtreibt: Langfristig schneide sich Deutschland mit dem erschwerten Zugang zu Integrationskursen ins eigene Fleisch. Sie habe mit vielen Arbeitgebern und Arbeitsagenturen gesprochen, diese sagten ihr immer wieder das Gleiche: unter dem Sprachniveau B1 sei es sehr schwer, Menschen in Arbeit zu vermitteln, Deutsch sei die Grundvoraussetzung, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 

"Jetzt werden unnötige Hürden aufgebaut, die letztendlich auch dazu führen, dass Menschen länger abhängig von Sozialleistungen sind und es schwerer haben, hier ein selbstständiges Leben zu führen." Das sei auch volkswirtschaftlich bedenklich: "Weil die Menschen länger Sozialleistungen beziehen müssen und dem Staat Steuergelder entgehen. Die fehlenden Investitionen in Integration können uns später teurer zu stehen kommen."

Migrationsexpertin: Harte Linie bei Geflüchteten schreckt Fachkräfte ab

Der erschwerte Zugang zu Integrationskursen reiht sich in eine ganze Serie von politischen Maßnahmen ein, mit der Bundesinnenminister Dobrindt seit knapp einem Jahr seine "migrationspolitische Wende" hin zu einer restriktiveren Asyl- und Migrationspolitik forciert: verstärkte Grenzkontrollen, mehr Abschiebungen, Verschärfungen im Asylrecht wie die Einführung einer Bezahlkarte für Geflüchtete. Das Ziel: die Zahlen bei der irregulären Migration signifikant zu senken.

"Das Signal heißt Abwehr. Aber die Regierung täuscht sich, wenn sie denkt, Kürzungen im sozialen Bereich, wie jetzt mit Integrationskursen, würden Migrationsentscheidungen beeinflussen. Diese hängen vielmehr von der Situation in den Herkunfts- oder Transitländern ab. Die Menschen kommen nicht bevorzugt wegen der Sozialleistungen nach Deutschland", sagt Zeynep Yanaşmayan der DW.

"Wir reden immer wieder von Fachkräftemangel, doch wir haben auch einen Arbeitskräftemangel" - Zeynep Yanaşmaya vom Deutschen Zentrum für Integrations- und MigrationsforschungBild: DeZIM

Die Migrationsforscherin vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung DeZIM warnt, dass die Gleichung, einerseits dringend benötigte Fachkräfte nach Deutschland locken zu wollen und gleichzeitig sehr restriktiv gegen Geflüchtete vorzugehen, womöglich nicht aufgeht.

"Migration funktioniert nicht so, dass man mit Grenzpolitik und Bezahlkarte die Zahlen der Fluchtmigration senken und gleichzeitig die notwendige Zahl an Arbeitsmigranten bekommen kann. Denn dieses ganze negative Klima und die Art und Weise, wie wir über Migration reden, hat einen Einfluss auf die Arbeitsmigranten und -migrantinnen, die sich dann eventuell eher in Richtung von Ländern orientieren, die sie willkommen heißen."

Die Deutsche Welle bietet kostenlose Deutschkurse an. 

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen