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Miljenko Jergovic: Autor, Brückenbauer, "Volksfeind"

16. März 2026

Der Gewinner des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2026, Miljenko Jergovic, spricht mit der DW über sein preisgekröntes neustes Buch, Nationalismus auf dem Balkan und den globalen Rechtsruck.

Ein Mann mit langen, grauen Haaren und Vollbart sitzt vor einem Regal, in dem Bücher stehen. Vor ihm stehen eine Karaffe mit Wasser und Gläser
Der Schriftsteller Miljenko Jergovic, hier am 8.10.2025 bei einer Lesung in Bad IschlBild: Rudolf Gigler/IMAGO

Mit großer Leichtigkeit und viel Humor schreibt der bosnisch-kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovic über große Themen wie Identität, Geschichte und Krieg. In seinen Werken - ob in kurzen Geschichten oder umfangreichen Romanen - erschafft er ganze Welten und zieht seine Leserinnen und Leser geschickt in den Bann seiner Erzählkunst.

Im Mittelpunkt stehen dabei fast immer persönliche Schicksale von Menschen aus der Westbalkan-Region, die von Konflikten und historischen Turbulenzen geprägt ist. In Jergovics Büchern zeigt sich der Balkan von seinen besten bis zu seinen schlechtesten Seiten: mal grob, mal zärtlich, mal brutal, mal warmherzig - aber immer intensiv.

Das gilt auch für die Kurzgeschichten des Buches "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro remastered", für das Jergovic nun den mit 20.000 Euro dotierten Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026 erhält. Darin kehrt er noch einmal in das belagerte Sarajevo zurück - 30 Jahre nachdem er mit dem Erzählband "Sarajevo Marlboro" erstmals große literarische Aufmerksamkeit erregte.

Für den Autor war das Projekt ein literarisches, aber auch ein emotionales Experiment, sagt er im Gespräch mit der DW. Drei Jahrzehnte später wollte er "mit völlig anderen Geschichten noch einmal das gleiche Buch schreiben."

"Bruchlinien der Geschichte des Westbalkans"

Als Jergovics erster Erzählband entstand, war die Belagerung seiner Geburtsstadt noch im Gange. Die Geschichten waren unmittelbar von den damaligen Erlebnissen während des Krieges in Bosnien und Herzegowina inspiriert - ein Versuch, die Gegenwart in ihrer radikalsten Form zu beschreiben. "Sarajevo Marlboro remastered" hingegen stellt die Frage, wie sich das Erlebte mit zeitlicher Distanz einordnen lässt.

Sarajevo, 18.12.1994: Ein Einwohner der bosnischen Hauptstadt rennt mit seinem Kind an der Hand über die Straße, um sich vor den Kugeln von Heckenschützen in Sicherheit zu bringenBild: picture-alliance/ dpa

Die "Bruchlinien der Geschichte des Westbalkans", die die Jury des Leipziger Preises in seinem Werk erkennt und anerkennt, spiegeln sich auch in Jergovics eigener Biografie wider. Geboren wurde der Autor vor 59 Jahren in einer vom Vielvölkermix des Balkans geprägten Familie - in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, damals Teil eines Staates, den es heute nicht mehr gibt: Jugoslawien.

Kritische Beobachter nicht erwünscht

Mehr als die Hälfte seines Lebens verbringt Jergovic inzwischen in Kroatien - einem Land, das noch gar nicht als unabhängiger Staat existierte, als er zur Welt kam. Wirklich zu Hause fühle er sich, sagt er, nur in den eigenen vier Wänden. In der kroatischen Hauptstadt Zagreb und Sarajevo, fühle er sich ebenso fremd wie in New York. Denn als Schriftsteller sei er immer Beobachter - und als Beobachter sei man zwangsläufig ein Fremder.

"Eine der Augustnächte wird für Miljenko nicht gut enden. Unser Staat, unsere Regeln", so die deutsche Übersetzung der kroatischen Hassbotschaft, die Miljenko Jergovic selbst am 28.08.2025 in Zagreb fotografiert hatBild: Miljenko Jergovic

Diese Rolle bekommt Jergovic in einer Region, in der kritische Beobachter nicht erwünscht sind, immer wieder schmerzhaft zu spüren. Im vergangenen Sommer tauchte an der Wand seines Wohnhauses in Zagreb eine Drohbotschaft auf: "Eine der Augustnächte wird für Miljenko nicht gut enden", stand dort, darunter der Satz: "Unser Staat, unsere Regeln."

Während Jergovic im europäischen Ausland als Brückenbauer ausgezeichnet wird, wird er in Kroatien nicht selten als "Volksfeind" beschimpft. Denn Brückenbauer sind in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nicht besonders beliebt. Das Erschreckendste sei für ihn, sagt Jergovic, dass das Hasspotenzial zwischen den Menschen in diesen Staaten heute größer ist als vor Ausbruch der Kriege der 90er Jahre. Der einzige Unterschied bestehe darin, dass diejenigen, die hassen und gehasst werden, heute keine schweren Waffen mehr besitzen.

Sorge vor "abgewandelter Form des Faschismus"

Die Verantwortung für die Drohbotschaft an seiner Hauswand sieht Miljenko Jergovic deshalb vor allem bei der kroatischen Regierung und der regierenden Partei Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ). Er wirft ihnen vor, Nationalismus zu schüren, um ihre Macht zu sichern. Premierminister Andrej Plenkovic sei dabei, so Jergovic, sogar perfider als sein Amtskollege Viktor Orban in Ungarn. Orban poltere und wüte offen - in Brüssel ebenso wie in Budapest. Plenkovic dagegen präsentiere sich in Brüssel viel demokratischer als im eigenen Land.

Kroatiens Premierminister Andrej Plenkovic spricht auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025Bild: Peter Kneffel/dpa/picture alliance

Auch global beobachtet Jergovic den politischen Rechtsruck mit großer Sorge. Er glaube zwar nicht, sagt er, dass die Gefahr eines neuen Weltkriegs heute größer sei als vor drei oder vier Jahrzehnten. Doch er sei überzeugt: "Wir sind einer abgewandelten Form des Faschismus näher als jemals zuvor seit 1945."

Es vergeht kaum eine Woche, erzählt der Autor, ohne dass ihm nahegelegt wird, Kroatien zu verlassen. Für ihn selbst sei es jedoch nie eine Option gewesen, in ein Land auszuwandern, in dem eine andere Sprache gesprochen wird als die, in der er schreibt. Denn er verstehe sich nicht nur im technischen Sinne als Autor dieser Sprache. Er habe sich bewusst dafür entschieden, über die Welt zu schreiben, in der er lebt - eine Welt, die er kennt und die ihn zutiefst interessiert.

Vom Schreiben zu leben, ist allerdings in einem Land wie Kroatien nicht einfach. Auch dann nicht, wenn man, wie Miljenko Jergovic, fast 50 Bücher geschrieben hat und viele davon Bestseller wurden - und das nicht nur auf dem Westbalkan. Sein Brot verdient Jergovic daher vor allem mit Texten für Zeitungen und Zeitschriften, die er als eine Art soziales und kulturelles Tagebuch sieht.

Wenn er noch einmal geboren würde und seinen Geburtsort wählen könnte, sagt Jergovic, wäre das trotz aller Widrigkeiten wieder Sarajevo. Interessant wäre es allerdings auch, in New York geboren zu sein - "am liebsten als Schriftsteller. Aber wenn schon nicht als Paul Auster, dann wenigstens als Taxifahrer."

Das Cover der deutschen Übersetzung von Miljenko Jergovics Buch "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro remastered", das 2024 im Suhrkamp Verlag erschien Bild: Dunja Dragojevic-Kersten/DW
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