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GesellschaftRumänien

Millionen Klicks für KI-Star, kaum echte Chancen für Roma

Cristian Stefanescu aus Bukarest
8. April 2026

In Rumänien erzielt eine KI-Sängerin, die wie eine Romni aussieht, mit Liedern über ihr erfundenes Leben Millionen von Klicks auf TikTok und YouTube. Aus der Roma-Community hagelt es Kritik.

Laptop mit Abbild einer jungen Frau mit braun-gelockten Haaren, die ein Mikrofon in der Hand hält
Die KI-Sängerin Lolita Cercel im "Interview" mit der DWBild: Cristian Ștefănescu/DW

Eine Frau mit olivfarbener Haut und durchdringenden Blick singt in rauem Rumänisch über das Leben am Rand der Gesellschaft. Und Millionen Rumäninnen nd Rumänen hören ihr zu. Die Videos von Lolita Cercel sammelten Anfang 2026 Millionen von Klicks in den Sozialen Medien in Rumänien. Dabei existiert diese Frau gar nicht.

Lolita Cercel wurde komplett virtuell erzeugt. Ihr Gesicht wurde per Software generiert, ihre Stimme synthetisch erstellt und die Musik von einem Programm komponiert. "Cercel" bedeutet auf Rumänisch "Ohrring", es ist der Titel ihres ersten Songs, der zu ihrem Nachnamen wurde. Alles an Lolita ist nach den Vorstellungen eines rumänischen Grafikers gestaltet, der anonym bleiben will und sich schlicht "Tom" nennt.

Tom bezeichnet Lolitas Stil als "balkanischen Trip-Hop". Für viele rumänische Hörer klingt er jedoch stark nach Manele, einem pop-folkigen Genre mit osmanischen Einflüssen, vergleichbar mit dem Turbo-Folk des ehemaligen Jugoslawiens. In Rumänien wird das Genre häufig mit der Roma-Community assoziiert, ist aber längst Teil des musikalischen Mainstreams geworden.

Am Rand der Gesellschaft

Tom rappte in der Schulzeit und studierte später Filmregie, beides ohne größere Erfolge. Jahre später stieß er in einer Bibliothek auf einen Gedichtband von 1941 mit dem Titel "Cantece tiganesti" des rumänischen Dichters Miron Radu Paraschivescu, was auf Deutsch etwa so viel wie "Zigeunerlieder" bedeutet. Heute gilt diese Bezeichnung als ein beleidigender Begriff für die Roma-Gemeinschaft und wird von ihr größtenteils abgelehnt. Das Buch erschien zu einer Zeit, als die Roma in Rumänien eine der dunkelsten Phasen ihrer Geschichte erlebten: Deportationen während des Zweiten Weltkriegs durch das mit NS-Deutschland verbündete Regime in Bukarest, bei denen Zehntausende starben.

Paraschivescu schrieb mit Sympathie über Roma, jedoch als Außenstehender, poetisch, nicht als Chronist einer bedrohten Gemeinschaft.

Diese Texte inspirierten Tom zur Rückkehr zur Musik. Die technischen Möglichkeiten lieferten den Rest: "Lolita entstand, als meine Neugier und die verfügbaren Werkzeuge auf ein Niveau kamen, auf dem ich die Stimme bauen konnte, die ich wollte."

Vier Monate lang arbeitete Tom an der Figur. Sie sei inspiriert von Menschen aus dem Prekariat in seiner Heimatstadt im Osten Rumäniens sowie aus der südeuropäischen Peripherie, berichtet er. Inspiration für seine Texte sammelte Tom beim abendlichen Spaziergang mit dem Hund - "ungefilterte, grammatikalisch unperfekte, lebendige Worte".

Grafikdesigner Tom arbeitet bereits an weiteren Musikprojekten für Lolita und will ihre Präsenz in den sozialen Medien weiter ausbauenBild: Cristian Ștefănescu/DW

Von Anfang an, sagt Tom, habe er offengelegt, dass es sich bei Lolita um ein KI-Produkt handele. Tom betont, er habe jedoch keine Roma-Figur schaffen wollen. Lolita sei "einfach eine Frau vom Balkan".

Für viele in der Roma-Community ist das unerheblich.

"Wenn es aussieht wie eine Ente…"

Roma-Aktivist Alex Stan vom Roma Education Fund erkennt in Lolita Vertrautes - und Problematisches wieder. Lolitas Name, Ästhetik, Musikstil und Verweise auf spirituelle Praktiken, die in der Roma-Kultur verbreitet sind, bilden zusammengenommen aus seiner Sicht ein klares Muster. "Wenn es wie eine Ente aussieht und wie eine Ente quakt, dann ist es eine Ente", sagt Stan gegenüber der DW. Das Projekt sei unredlich, da weder die Figur noch ihr Schöpfer die "hochkomplexen Erfahrungen einer Romni" erlebt hätten.

Roma-Aktivist Alex Stan glaubt, dass die KI-Figur Lolita Cercel an viel verbreitete Klischees über Romnja anknüpfeBild: Cristian Ștefănescu/DW

Auch die junge Roma-Aktivistin Alexandra Fin aus Cluj kritisierte das Projekt früh öffentlich als "Instrumentalisierung der Roma-Kultur". Während reale Roma-Künstler oft abgewertet würden, habe eine "virtualisierte, rassifizierte und entmenschlichte Roma-Identität" plötzlich Erfolg. Für Fin bittere Ironie: "Der Unterschied ist Rassismus."

Lolitas Schaffer Tom weist die Kritik zurück. Kunst müsse nicht auf eigener Erfahrung beruhen. In einer für die DW generierten Videobotschaft verteidigt sich die künstliche Lolita selbst: "Ein Autor muss kein Mörder sein, um einen überzeugenden Krimi zu schreiben; ein tauber Komponist kann Symphonien erschaffen." Erfahrung sei "eine Zutat, nicht das ganze Rezept".

Roma-Musik ohne Roma-Musiker?

Für Alex Stan greift dieses Argument zu kurz. "Gerade die Live-Performance macht Roma-Musik besonders", sagt er. "Sie ist eine völlig andere Erfahrung als eine Studioaufnahme, erst recht als ein KI-Produkt."

Zudem gebe es genügend reale Stimmen, die gehört werden wollten: "Wir haben viele Roma-Künstler, die sich etablieren möchten."

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Das Problem sei strukturell: Während eine künstliche Figur viral gehen könne, blieben viele reale Künstler unsichtbar. Sie würden durch Barrieren der Musikindustrie eingeschränkt. "Es entsteht der Eindruck, dass es eine Plattform für Roma-Musik gibt - aber ohne Roma."

Als Gegenbeispiel nennt Stan den bosnischen Musiker Goran Bregovic, der internationale Erfolge mit Musik mit Einflüssen aus der Roma-Kultur feierte. Das geschah aber nach jahrelanger Zusammenarbeit mit Roma-Musikern. Auch der deutsche Produzent Stefan Hantel, in der Musikbranche vor allem unter seinem Künstlernamen "Shantel" bekannt, arbeitete für seinen Balkan-Pop mit realen Musikern, darunter auch aus Rumänien. Tom hingegen habe diesen Prozess einem Algorithmus überlassen, so Alex.

"Als reale Künstlerin wäre sie gescheitert"

Der rumänische Musiker Cristian Stefanescu, bekannt unter seinem Künstlernamen "Electric Brother", hält Lolita für interessanter als vieles im kommerziellen Radio. Zugleich stellt er eine unbequeme Vermutung auf: "Wäre sie eine reale Sängerin mit diesem Material, wäre sie vermutlich abgelehnt worden. Weil sie anders ist. Und die Branche nichts anderes will."

Musiker Cristian Stefanescu alias "Electric Brother" kennt die rumänische Musikbranche gutBild: Cristian Ștefănescu/DW

Solche Sorgen macht Tom sich nicht. Er arbeitet derweil weiter an Lolitas Welt: visuelle Konzepte, neue Figuren, mögliche Kollaborationen.

Für Menschen wie Tom steht KI für eine Demokratisierung von Kreativität. Für andere, so scheint es, droht sie zu einem Instrument kultureller Ausbeutung zu werden, bei der Geschichten von Minderheiten übernommen, umgeformt und monetarisiert werden, ohne deren tatsächliche Beteiligung.

Lolita selbst bringt es, poetisch oder ironisch, so auf den Punkt: "Wenn du meine Musik hörst und etwas fühlst, denkst du nicht an mich, sondern an dich. Ich bin nur ein Vorwand."

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