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Fall des Eisernen Vorhangs

10. November 2009

Der Exodus Richtung Türkei und der Umgang mit der türkischen Minderheit im Land gehören zu den wesentlichen Faktoren für den Sturz des Regimes.

Tabakernte: Bulgarische Türken als Helfer (Foto: ap)
Tabakernte: Bulgarische Türken als HelferBild: AP

Die Kommunistische Partei in Bulgarien (BKP) betrieb eine widersprüchliche Politik gegenüber der türkischen Minderheit. Es gab Jahre, in denen man sich um die türkische Bevölkerung kümmerte, um ihr soziales Leben zu verbessern. Dadurch wollte die Partei diese Leute für sich gewinnen. Doch Ende der 60-er fing eine schleichende Assimilierung an. Michail Ivanov, der sich 1989 für die Rechte der Minderheiten einsetzte, bezeichnet das Verhalten der BKP als eine "Politik des Zuckerbrots und der Peitsche".

Ende der 60-er begann das Regime die kulturellen Aktivitäten der türkischen Miderheit stark einzuschränken. Den Leuten wurde verboten, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten und Pumphosen zu tragen, die Radiosendung auf Türkisch wurden abgeschafft. "Anfang der 80-er Jahre blieben den Türken nur ihre Namen übrig", sagt Michail Ivanov.

Die Christianisierung der türkischen Namen

Aus "Naim Suleymanoglu" wurde "Naum Schalamanow"Bild: BTA

1984 begann die Bulgarisierung der türkischen Namen. Die Argumente dafür waren unterschiedlich: Einerseits hieß es, dass diese Leute keine Türken, sondern zum Islam konvertierte Bulgaren seien; andererseits wollte das kommunistische Regime das Staatsvolk namentlich vereinheitlichen.

Realpolitisch steckte anderes dahinter. Man fürchtete, dass die Türken nach einer Autonomie streben könnten, nach dem Vorbild von Zypern. Last but not least, versuchte die Kommunistische Partei auf diese Weise, die Aufmerksamkeit der Menschen von der sich immer verschlechternden Lage im Land abzulenken.

Hunderttausende bekamen bulgarische Namen

In den meisten Fällen gab es kaum Widerstand seitens der Türken. Vereinzelt gab es aber auch terroristische Reaktionen auf die Bulgarisierungskampagne. Entscheidend für den Richtungswechsel des Widerstands war die "Türkische Nationale Befreiungsbewegung in Bulgarien", die heute als "Bewegung für Rechte und Freiheiten" im bulgarischen Parlament vertreten ist. 1988 begann eine neue Phase des Widerstands gegen die Assimilationspolitik. Die Türken und die Pomaken in Bulgarien verbanden ihren Protest mit dem Kampf für mehr Demokratie.

So wurden Menschenrechtsorganisationen wie die "Demokratische Liga für den Schutz der Menschenrechte in Bulgarien", die Gesellschaft zur Unterstützung – "Wien 89", und das Muslimische Streikkomitee gegründet.

Im Mai 1989 wurden in zahlreichen Ortschaften Proteste gegen die aufgezwungene "Bulgarisierung" organisiert. Der Anlass war die Pariser Konferenz für Menschenrechte. So wollte die türkische Minderheit die Weltöffentlichkeit auf ihre Probleme aufmerksam machen. Nach einer Serie von Hungerstreiks Anfang Mai eskalierten die Proteste und es kam zu mehreren Konfrontationen mit der Polizei mit neun Toten und 28 Verletzten.

"Wir wollen unsere Namen zurück!"Bild: BTA



Der Exodus

Sie wollen wegBild: BTA

Das Regime setzte auf eine schnellen Exodus hunderttausender bulgarischer Türken. Die Doppel-Staatsbürgerschaft wurde für sie eingeführt und die so genannte "Ausreise" wurde entkriminalisiert. Ab dem 22. Mai wurde die Grenze geöffnet. Gleichzeitig begann das kommunistische Regime in Sofia auch Aktivisten der demokratischen Bewegung der Türken und Pomaken massenhaft abzuschieben. Im Land brach eine Aussiedlungspsychose aus: Die bulgarischen Türken wollten einfach nur weg.

Jan Krcmar, der damals Reuters-Korrespondent in Bugarien war, erinnert sich: "Die Leute haben gesagt: sie haben meinen Namen genommen. Sie haben meine Identität beraubt. Ich will das nicht, ich will weg."

Der Sturz des Regimes

Am 9. November wurde Todor Zhivkov seiner Ämter enthobenBild: ullstein bild - Reuters

Der Exodus hat das Land in eine schwierige ökonomische Situation gebracht. Gerade die ohnehin vorhandenen wirtschaftlichen Probleme und die Minderheitspolitik dürften aber entschieden dazu beigetragen haben, dass der langjährige Staats- und Parteichef am 9. November 1989 durch eine Palastrevolution aus allen Ämtern entfernt wurde.

Nach dem Sturz des Regimes übernahm die neue Führungsriege einen neuen Kurs in der Minderheitspolitik. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei verabschiedete ein Dokument, das die verfassungsgemäß garantierten Personalrechte wiederherstellte und den Türken erlaubte, ihre Namen selbst zu wählen. Die Entscheidung wurde durch ein Gesetz im März 1990 bekräftigt. Es folgte eine Massenreaktion – bis zum Frühling 1991 hatten etwa 600 000 bulgarische Türken ihre Namen zurück bekommen.

Die bulgarischen Nationalisten waren allerdings mit der neuen Politik nicht einverstanden. Doch kam es in Bulgarien nicht zu einem innerethnischen Konflikt. Im benachbarten Jugoslawien allerdings war es bald soweit.

Autor: Yordanka Yordanova
Redaktion: Daniel Scheschkewitz