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Missbrauch in Frankreichs katholischer Kirche

Missbrauchsskandal | 11.10.2021

Ein umfassender Bericht über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Frankreichs zeigt die Abgründe: Seit 1950 sollen 216.000 Minderjährige von Geistlichen missbraucht worden sein. Die Experten fordern Reformen.

Die rund 200 Seiten Erfahrungsberichte der Opfer lesen sich wie eine Aneinanderreihung von Albträumen. "Der Pater hat mich in sein Zelt gezogen und es dann geschlossen", schreibt eins der Opfer, das in dem Bericht nicht namentlich genannt wird. "Er hat mich auf den Mund geküsst - mit der Zunge. Es war widerlich. Er hat mich gestreichelt. Ich war wie versteinert. Er hat mir Worte und Taten beigebracht, die ich nicht kannte - Masturbation, Fellatio. Ich sagte mir, ich muss ihn respektieren, er ist Priester. Und meine Eltern haben ihn doch so geschätzt."

Tausende Opfer von Kindesmissbrauch haben der sogenannten Ciase-Kommission über zwei Jahre hinweg die Geschichten ihres tiefsitzenden Traumas erzählt.Der Ausschuss schätzt, dass im gesamten Land zwischen 1950 und 2020 rund 330.000 Kinder wurden Opfer sexualisierter Gewalt in der Kirche wurden. In 216.000 Fällen waren die Täter offenbar Geistliche, in Tausenden weiteren Fällen waren es Laienmitglieder der Kirche. In dem rund 2500 Seiten starken Bericht macht die Kommission 45 Vorschläge, wie so etwas in Zukunft verhindert werden könnte.

"Es lastete ein solcher Verdacht auf uns Katholiken"

Die Ciase-Kommission wurde 2018 von den Dachorganisationen von Frankreichs katholischer Kirche, der Bischofskonferenz CEF und der Konferenz der Religiösen, Corref, ins Leben gerufen. "Wir gehen seit 2000 aktiv gegen sexuellen Missbrauch in unseren Kirchen vor, aber das war einfach nicht genug", erinnert sich Olivier Leborgne, Erzbischof des nördlichen Arras und Vizepräsident der CEF.

Marie-Jo Thiel, Direktorin des Europäischen Forschungszentrum für Ethik der Universität Straßburg in Ostfrankreich, sieht in Sauvé eine kompetente, unabhängige Person

"Das haben wir auch an der Affäre um den Erzbischof von Lyon, Philippe Barbarin, gesehen, dem man 2016 und auch später vorgeworfen hat, mehrere Fälle sexuellen Missbrauchs nicht der Justiz gemeldet zu haben. Dieser Fall war ausschlaggebend dafür, dass wir um Jean-Marc Sauvé mit der Gründung der Ciase zu beauftragt haben." Sauvé war früher Vizepräsident von Frankreichs höchstem Gerichtshof.

Es sei wichtig gewesen, dass die Kommission, anders als in anderen Ländern wie beispielsweise Deutschland, komplett unabhängig von der Kirche sei. "Es lastete ein solcher Verdacht auf uns Katholiken, dass unsere künftige Glaubwürdigkeit von der Autonomie dieser Arbeit abhing", fügt Leborgne hinzu.

Unabhängige Kommission - auch aufgrund von Frankreichs Laizität

Dass das Gremium komplett unabhängig war, bestätigt auch Anwalt Jean-Marie Burguburu, Präsident der staatlichen Menschenrechtskommission und Mitglied des Ciase-Ausschusses. Zu den insgesamt 22 Mitgliedern gehören auch Soziologen, Psychologen, Historiker und Anthropologen - Abgesandte der Kirche waren nicht dabei, um Interessenkonflikten vorzubeugen. Auch Missbrauchsopfer waren nicht dabei. Ob jemand katholischen Glaubens ist oder nicht, spielte keine Rolle. 

"Herr Sauvé konnte frei entscheiden, wer Mitglied der Kommission wurde. Unsere Arbeit wurde in keiner Weise von der Kirche überwacht", sagt Burguburu zu DW. Marie-Jo Thiel, Direktorin des Europäischen Forschungszentrum für Ethik der Universität Straßburg in Ostfrankreich und Autorin des Buches "Die katholische Kirche und die Skandale des Missbrauchs von Minderjährigen", fügt hinzu, dass Sauvé von allen als komplett integer angesehen werde.

"Systemisches Problem"

"Jeder, egal ob aus dem links- oder rechtspolitischen Lager, weiß, dass dieser ehemalige Vizepräsident des höchsten Gerichtshof kompetent und unparteiisch ist", sagt sie. Außerdem liege die Unabhängigkeit der Kommission im französischen System begründet: "Frankreich hat eine strikte Trennung von Kirche und Staat – die Laizität – die stark beeinflusst, wie eine solche Aufarbeitung vonstattengehen kann. Die Kirche hat auch weit weniger gesellschaftliche Aufgaben als zum Beispiel in Deutschland, wo sie Krankenhäuser und andere Einrichtungen leitet."

Erzbischof Leborgne: Keiner habe damit gerechnet, dass sexueller Missbrauch so weit verbreitet ist in der katholischen Kirche

Dieser Unabhängigkeit ist es dann wohl auch geschuldet, dass das Ergebnis der Ciase-Untersuchung so überrascht hat. "Keiner hatte damit gerechnet, dass Missbrauch in unserer Kirche so weit verbreitet ist", erzählt Erzbischof Leborgne.

So spricht der Bericht von einem "systemischen" Problem. Lange sei man Missbrauchsopfern mit völliger Gleichgültigkeit und gar Grausamkeit gegenübergetreten. Es sei vieles vertuscht und geleugnet worden. Erst seit dem Jahr 2000 - eher noch seit 2016 - habe man Maßnahmen ergriffen, um solche Übergriffe zu verhindern oder auch aufzuarbeiten – doch in unzureichender Form.

Kirche dezentralisieren und Kirchenrecht reformieren

Die Experten der Kommission kritisieren die stark zentralisierte Machtstruktur der katholischen Kirche – Priester würden zu sehr auf ein Podest gestellt, und kämen so umso mehr in Versuchung, diese Macht zu missbrauchen. Man müsse die Ausbildung der Priester und Geistlichen reformieren, Es müsse mehr über Missbrauchsskandale gesprochen werden, aber die Bewerber müssten auch psychologisch überprüft werden. Außerdem müsse man das Zölibat in Frage stellen und das Kirchenrecht reformieren. Dies solle klar dem weltlichen Recht untergeordnet sein. Das Geheimnis der Beichte dürfe nicht gelten, wenn jemand sexuelle Übergriffe gestehe.

Außerdem müssten Missbrauchsfälle genau aufgearbeitet und Opfer individuell entschädig werden, und zwar mit Mitteln der Kirche und der Täter. Von Letzteren, die man auf etwa 3000 Personen schätzt, sind allerdings die wenigsten noch am Leben.

"Unsere Struktur muss demokratischer und dezentraler werden"

Für den Franziskanermönch Michel Laloux, der im Aufsichtsrat von Corref sitzt, stellt der Bericht ganz klar den Klerikalismus in Frage, also den Einfluss der Geistlichen. "Unsere Struktur muss demokratischer und dezentraler werden, und wir brauchen mehr weibliche Führungskräfte", sagt er der DW. Auch er ist dafür, Opfer richtig zu begleiten und zu entschädigen. Allerdings glaubt er nicht, dass die Abschaffung des Zölibats das Problem lösen würde.

Franziskanermönch Michel Laloux glaubt nicht, dass die Abschaffung des Zölibats etwas ändern würde

Doch es sei wichtig, unter Geistlichen offener über Sexualität zu sprechen und ihnen zu helfen, ein ausgeglichenes Leben zu haben, zum Beispiel durch Sport. "Es ist gefährlich, wenn jemand unglücklich ist und dann versucht, das durch tätliche Gewalt auszugleichen", sagt er. Auch Erzbischof Leborgne denkt, dass die Kirche grundlegend reformiert werden muss.

Doch das Beichtgeheimnis in Frage zu stellen, macht für ihn keinen Sinn. "Das würde doch nur heißen, dass die Menschen uns nichts mehr erzählen und wir so nicht einmal die Chance bekommen, sie davon zu überzeugen, zur Polizei zu gehen", meint er.

Erste offizielle Antworten im November

Anwalt Burguburu, selbst gläubiger Katholik, ist dennoch davon überzeugt, dass die Kirche langfristig viele Empfehlungen aufgreifen wird. "Natürlich passiert so etwas nicht über Nacht - das wird Monate oder Jahre dauern", sagt er. "Aber der Sinn unserer Arbeit war, die Kirche wieder auf den richtigen Weg zu bringen, und ich bin sicher, sie wird sich nun bessern." Erste offizielle Antworten sollte es im November geben. Dann halten die CEF und Corref ihre nächsten halbjährlichen Vollversammlungen ab.

Lisa Louis (Paris)