1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikEuropa

Geduld am Ende

Ann Esswein
23. September 2020

Auf Samos entsteht ein "geschlossenes Lager" - Teil der EU-Strategie, um die Außengrenzen der Gemeinschaft zu schützen. Die Bedingungen dort sollen besser sein - doch Insel-Bewohner und NGOs schlagen Alarm.

Symbolbild Asylsuchende in der EU
Bild: Getty Images/AFP/A. Messinis

Dort, wo eine der ersten neuen europäischen Flüchtlingsunterkünfte errichtet werden soll, steht nur ein einziger Schatten spendender Baum auf einem Hügel. Ein sechs Meter hoher Stacheldrahtzaun säumt die Baustelle. Hitze staut sich in dem Tal, in das bisher nur eine Schotterstraße führt. Hier, knapp sieben Kilometer von Samos' Hauptort entfernt, soll das neue Lager entstehen. Über Drehkreuze werden Geflüchtete mit Chip-Armbändern zukünftig die Tore passieren können. Nachts werden sie verschlossen bleiben. 

Samos sollte bis Ende des Jahres die erste griechische Insel sein, auf der so ein "geschlossenes Lager" eröffnen wird. So kündigte es der griechische Minister für Migration und Asyl, Notis Mitarakis, bei seinem Besuch Ende August an. Die EU-Kommission hat Griechenland für den Bau dieser sogenannten "Multi Purpose Reception and Identification centres (RICs)" knapp 130 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. In diesen Zentren soll es eine angemessenere Unterbringung in Wohncontainern, fließendes Wasser, separierte Bereiche, und vor allem mehr Sicherheit geben.

Neue EU-Strategie: "geschlossene Lager"

Das Konzept der "geschlossenen Lager" ist Teil der neuen Strategie der EU, mit der sie die Regionen an den EU-Außengrenzen besser unterstützen will. Diese so genannten Hotspots, erste Ankunftsorte für Asylsuchende in der EU, stehen seit Jahren unter einem unverhältnismäßigen Druck. Am heutigen Mittwoch wird die EU-Kommission ihre Vorschläge für eine Reform der EU-Migrations- und Asylpolitik vorstellen.

Hier entsteht das neue Flüchtlingslager auf SamosBild: Ann Esswein/DW

Die überfüllten Camps sind seit Beginn der Flüchtlingskrise zu einem chronischen Problem geworden: Über 40.000 Asylsuchende befanden sich Anfang des Jahres auf den griechischen Inseln im Grenzgebiet zur Türkei. Allein im Hauptort Samos überstieg die Anzahl der Geflüchteten die Zahl der heimischen Bevölkerung. Im Flüchtlingslager, das von der heimischen Bevölkerung nur als "Dschungel" bezeichnet wird, leben derzeit fast 5000 Personen, obwohl es ehemals nur für 650 Personen gedacht war.

Dixi-Klos und Uringestank

Nur im Inneren zeigt ein mit Stacheldraht umzäunter Kern die ursprüngliche Größe des Camps. Hinter dem Zaun, an dem Wäsche trocknet, stehen ein paar Wohncontainer. Abseits dieses Bereichs hat sich das Lager inzwischen weit ausgedehnt. Geflüchtete haben sich außerhalb aus Schlafsäcken, Stöcken und Planen Zelte gebaut. Wasserrohre ragen aus der Erde. Die Türen der Dixi-Toiletten knallen mit dem Wind auf und zu. Es riecht nach gebratenem Fisch und Urin.

Auf ein paar Paletten sitzen Omar (Name von der Redaktion geändert), seine Frau und Kinder und trinken Tee aus Keramikschalen. Dahinter steht das Zelt, das sich die achtköpfige Familie aus Idlib teilt. Nachts seien die Ratten so laut, dass sie nicht schlafen könnten, erzählt der 58-Jährige. Nach sieben Monaten Warten, steht für ihn fest: "Es wäre besser, sie würden uns zurückschicken". Lieber in Gefahr und in Syrien als hier.

Hautkrankheiten hätten sich verbreitet. Duschen gibt es für die meisten Menschen nicht. "Wenn überhaupt können wir uns nur mit Wasser bespritzen", sagt sein Sohn Mohammed, der in Syrien studierte. Eine Flasche Wasser und zwei Mahlzeiten gebe es pro Tag. Dafür stehen die Familienmitglieder abwechselnd bis zu drei Stunden an, erklärt Mohammed und fächert die Essenkarten für die nächsten Tage auf. Bekamen sie anfangs rund 90 Euro pro Monat pro Person, wurde die Pauschale nun auf 75 Euro gekürzt, die Differenz werde genutzt um die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern, hatte Omar gehört. Für ihn habe sich jedoch nichts verändert. Im Gegenteil, seit die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde, sei die Situation noch angespannter: "Wir werden uns noch alle hier umbringen". Besonders nachts, wenn es weder Strom noch Licht gebe, spitze sich die Lage öfter zu.

Die ersten Corona-Fälle

Nachdem Anfang letzter Woche die ersten zwei Corona-Fälle bekannt wurden, haben die griechischen Behörden einen Lockdown über das Camp verhängt. Er soll bis Ende September gelten. In der vergangenen Woche und zuletzt am Sonntagabend brachen Feuer im Camp aus. Was die Ursache des Brandes war, bleibt unklar. Dennoch warnen griechische Politiker nun vor Nachahmungseffekten, einer "Moria-Taktik", mit der Geflüchtete durch Feuerlegen auf ihre Lage aufmerksam machen wollen und hoffen, die Lager verlassen zu können.

Ähnliche Sorgen teilt auch der Bürgermeister von Ost-Samos. Seine größte Herausforderung sei es nun, Sicherheit zu gewährleisten, sagt Georgios Stantzos Anfang September mit verschränkten Armen und Atemschutzmaske hinter seinem massiven Schreibtisch. Der Bürgermeister, früher Rettungsschwimmer, hat eine schwierige Aufgabe. Er steht zwischen der Bevölkerung, deren Geduld am Ende ist, Europa und der Krise, die in seiner Kleinstadt ausgetragen wird. Auf die Frage, was die Lösung wäre, hat Stantzos eine einfache Antwort gefunden: "Dass all die Flüchtlinge die Insel verlassen". Hier scheinen das erste Mal Politiker, Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) und Inselbewohner einer Meinung zu sein.

Eine Flüchtlingsfamilie am Rand des derzeitigen Camps auf SamosBild: Aris Messinis/AFP

Flüchtlingslager oder "Haftanstalt"?

Doch stattdessen wird derzeit an einem geschlossenen Camp auf der Insel gebaut, aktuell mit einer Kapazität von 1500 Personen. In Zukunft sollen hier 2100 Geflüchtete untergebracht werden, 900 in einem geschlossenen Bereich, wo sie auf die Klärung ihrer Verfahren oder die Abschiebung warten, schätzt Jonathan Vigneron, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenze auf Samos. Die Zahlen gehen aus einer Karte hervor, die der Minister für Migration und Asyl bei seinem Besuch Ende August verteilte. Was dort präsentiert wurde, erinnert Vigneron eher an eine "Haftanstalt". Seine persönliche Meinung beim Anblick der Anlage: "Es ist sehr beängstigend zu sehen".

Ob NGOs überhaupt im neuen Camp arbeiten dürfen, sei unklar, wie so vieles, erklärt Vigneron. Schon das Registrierungsverfahren für die NOGs mache den Zugang fast unmöglich. 68 NGOs kritisierten in einem offenen Brief, dass es so zu einer "besorgniserregenden Situation der Menschenwürde" kommen könnte.

"Das Camp ist fünf Kilometer von jedem Ort entfernt. Es marginalisiert nicht, das ist Segregation per Definition", erklärt Vigneron. Asylsuchende hätten zwar eine bessere Unterkunft und Sicherheit, aber keine Beschäftigung oder Bewegungsfreiheit. "Sie wollen die Geflüchteten einfach nicht mehr sehen".

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen