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PolitikUngarn

Ungarn: Mitten im Wahlkampf lässt Orban die Armee einsetzen

26. Februar 2026

Umfragen sagen einen Wahlsieg der oppositionellen Tisza-Partei voraus - die Lage für Viktor Orban ist ernst. Nun warnt der Premier vor ukrainischen Angriffen und beordert die Armee zu Energieanlagen. Was steckt dahinter?

Ein Mann mit grauen Haaren, der einen dunklen Anzug trägt, steht im Freien vor mehreren Mikrofonen, auf denen die Logos von ZDF, des Ersten, des ORF und der DW zu erkennen sind. Neben dem Mann ist eine Kamera zu sehen, die die Szene aufnimmt
Ungarns Premier Viktor Orban, hier beim informellen EU-Gipfel auf Schloss Alden Biesen in Belgien am 12.2.2026 Bild: Wiktor Dabkowski/picture alliance

Es ist noch nicht lange her, dass Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban vor Selbstbewusstsein fast platzte. Seine Partei Fidesz sei die erfolgreichste politische Gemeinschaft Europas, wiederholte er in fast jeder Rede. Ihre Zwei-Drittel-Wahlsiege seien "vom Mond aus zu sehen". Dazu verkündete er Regierungsambitionen bis weit über das Ende des Jahrzehnts hinaus.

Inzwischen macht Orban in öffentlichen Auftritten schon seit einiger Zeit oft einen unsicheren Eindruck. Mal spricht er zusammenhangslos, mal fleht er seine Anhänger mit brüchiger Stimme an, alles in den Dienst seines Wahlsieges zu stellen, manchmal kommt er ins Stottern. Nach sechzehn Jahren ununterbrochener Amtszeit als Premier ist eines unübersehbar: Orban wirkt mitunter wie ein alternder Autokrat, der spürt, dass sich die Stimmung gegen ihn wendet, der aber eisern an der Macht festhält. 

Gut sechs Wochen vor der ungarischen Parlamentswahl am 12. April steht zwar längst nicht fest, dass Orban und Fidesz ihre Macht auch tatsächlich verlieren - aber immer mehr deutet in Umfragen darauf hin. Zugleich fragen sich immer mehr Beobachter, ob Orban eine Wahlniederlage auch akzeptieren würde. Der Premier selbst ist bisher einer klaren Antwort darauf, ob er einen demokratischen Machtwechsel garantiere, ausgewichen.

Vorwürfe gegen die Ukraine

Nun befeuert Orban Befürchtungen, er werde einen Machtwechsel nicht hinnehmen, noch mehr: Am Mittwochabend (25.02.2026) verkündete er in einem Facebook-Reel, dass er den Befehl gegeben habe, ungarische Armeeeinheiten an Energieanlagen im Land zu postieren. Er beschuldigte die Ukraine, "Aktionen mit dem Interesse vorzubereiten, das Funktionieren des ungarischen Energiesystems zu stören". Um ukrainische Angriffe zu verhindern, würden neben Soldaten auch militärische Abwehrsysteme sowie Polizeieinheiten an Energieanlagen postiert. Konkrete Belege für seine Vorwürfe gegen die Ukraine nannte Orban nicht.

Zur Vorgeschichte des Befehls zum Armeeeinsatz gehört, dass seit Ende Januar kein russisches Erdöl mehr durch die Druschba-Pipeline an Ungarn fließt. Die Pipeline führt durch ukrainisches Gebiet und war im Januar in der Nähe des westukrainischen Brody durch einen russischen Angriff stark beschädigt worden. Über das Ausmaß der Beschädigung gibt es keine gesicherten Angaben - die ukrainischen Behörden sagen, die Reparatur der Pipeline werde längere Zeit dauern.

Orban beschuldigt jedoch die Ukraine, Ungarn absichtlich nicht mehr mit Öl beliefern zu wollen, um eine Energiekrise im Land herbeizuführen und bei der Wahl eine "kriegs- und ukrainefreundliche Regierung zu installieren". Das Ziel einer solchen Regierung sei, so heißt es in der gegenwärtigen Wahlkampagne Orbans, das ungarische Volk finanziell auszusaugen, um den Krieg in der Ukraine zu finanzieren.

Hoher Vorsprung für Tisza

Ungarische Oppositionspolitiker, aber auch zahlreiche Kommentatoren schrecken nun auf. Sie sehen in Orbans Befehl eines Armeeeinsatzes einen Schritt, die Wahl zu stören oder möglicherweise sogar abzusagen. Denn nur Stunden vor der Ankündigung des Premiers waren Ergebnisse einer neuen Umfrage veröffentlicht worden, die Orban und seiner Partei eine schwere Wahlniederlage voraussagen.

Die Umfrage stammt von Median, einem unabhängigen und vergleichsweise verlässlichen Meinungsforschungsinstitut. Sie sieht in der Gesamtwählerschaft einen Elf-Prozent-Vorsprung der Oppositionspartei Tisza vor Orbans Fidesz und bei den bereits zur Wahl entschlossenen Wählern sogar einen 20-Prozent-Vorsprung.

Ungarns Oppositionsführer Peter Magyar spricht bei einer Kundgebung seiner Tisza-Partei am 06.12.2025 in KecskemetBild: Tamas Vasvari/MTI/AP Photo/picture alliance

Ungarns Oppositionsführer Peter Magyar warnte deshalb nach Orbans Befehl eines Armeeeinsatzes vor einer False-Flag-Operation, also vor möglichen inszenierten Angriffen, die der Orban-Regierung als Vorwand dienen könnten, um die Wahl zu stören oder abzusagen. Er rief Orban dazu auf, "die Macht friedlich zu übergeben" und "nicht an russische Geheimdienst-Lösungen zu denken".

Der Politologe Andras Biro-Nagy sagte zu Orbans Armeeeinsatz-Befehl in einem Interview mit dem Portal Telex: "Wir wissen nicht, wozu der Fidesz in einer solchen Situation der Bedrängnis fähig ist."

Premier müsste mit Anklage rechnen

Schon seit längerem diskutieren ungarische Wahlbeobachter darüber, ob der Langzeit-Premier einen Machtwechsel akzeptieren würde oder nicht. Aus gutem Grund: Orbans persönliche Machtbesessenheit ist in Ungarn seit Jahrzehnten bekannt. Seine Wahlniederlage 2002 kommentierte er mit den Worten: "Die Heimat kann nicht in der Opposition sein."

Seit damals sieht Orban sich und seine Partei als einzig legitime Repräsentanten der ungarischen Nation - alle anderen sind Feinde oder Verräter. Das ist auch der Ton seiner jetzigen Wahlkampagne, in der sein Kontrahent Magyar als Handlanger Kyjiws und Brüssels dasteht, dessen Wahlsieg zu einem Untergang der ungarischen Nation führen würde.

"System der nationalen Zusammenarbeit"

Doch es geht auch materiell praktisch um alles für Orban und seine Ordnung. Der Premier hat ein System aufgebaut, in dem ein Kreis von Familienangehörigen und ihm nahestehender Geschäftsleute durch Amtsmissbrauch und Korruption zu Superreichen geworden sind, in dem aber auch Zehntausende kleiner Parteimitglieder und Fidesz-Sympathisanten von Posten und Zuwendungen profitieren.

Dieses "System der nationalen Zusammenarbeit", wie Orban es nennt, würde bei einem Machtverlust großenteils zusammenbrechen. Der Premier sowie Mitglieder seiner Familie und seines Machtzirkels müssten mit Ermittlungen und Anklagen rechnen.

Daher sei im Umfeld der Wahl "nichts ausgeschlossen und nichts undenkbar", fasst der Wahlforscher Robert Laszlo seine Prognose für die kommenden Wochen zusammen. In der Sendereihe "Kampagnen-Geräuschfilter" von DW Ungarisch sagt er, es sei sowohl denkbar, dass Orbans Regierung die Wahl annullieren lasse, als auch, dass es zu landesweiten Unruhen komme, wenn eine Wahl annulliert werden würde, die dem Volkswillen entspräche.

Unterstützung aus Moskau

Auch der ukrainische Politologe und Rechtsextremismus-Forscher Anton Shekhovtsov hält eine Wahlannullierung für möglich. Eine direkte Wahlfälschung wie in Russland und Belarus könne sich Orban nicht erlauben, schreibt Shekhovtsov in einem Beitrag für die Autoren-Plattform Substack. Es gebe in Ungarn aber Hinweise auf ein Szenario, bei dem die Wahl wegen "ausländischer Einmischung" annulliert werde - konkret wegen der angeblichen Einmischung der Ukraine.

Der Politologe weist darauf hin, dass Orban seit längerem zumindest verbale Wahlkampfhilfe aus dem Kreml und aus russischen Geheimdienstkreisen erhalte. Budapest und Moskau hätten ihre Kräfte gebündelt, konstatiert Shekhovtsov, um in der öffentlichen Meinung ein Desinformationsnarrativ zu verankern, demnach "die EU und die Ukraine mit Orbans wichtigstem politischen Herausforderer, Peter Magyar, gegen Fidesz zusammenarbeiten".

Unterdessen bemühte sich Orbans Kanzleiminister Gergely Gulyas am Donnerstag (26.02.2026) bei seiner wöchentlichen Regierungspressekonferenz alle Bedenken wegen des Armeeeinsatzes in Ungarn zu zerstreuen. Der Ausnahmezustand werde nicht verhängt, so Gulyas, die Wahl am 12. April werde stattfinden.

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