Moldauer fordern: "Haltet uns Russisch vom Hals"
10. Januar 2002Bukarest, 10.1.2002, 723 GMT, RADIO RUMÄNIEN INTERNATIONAL, rumän., Valentin Tigau, aus Chisinau
Über 5000 Rumänen aus Bessarabien sind heute (9.1.) auf den Platz vor der Großen Nationalversammlung in Chisinau gekommen, einst Schauplatz großer Volksversammlungen für die Demokratie, um gegen die Russifizierung der Republik Moldau zu protestieren, vor allem gegen die Anordnung der Regierung, die russische Sprache als Pflichtfach in den Schulen einzuführen. Die Veranstaltung wurde organisiert von der (oppositionellen – MD) Christlich-Demokratischen Volkspartei. Deren Führer, Iurie Rosca, glaubt, dass der Kampf weitergeht.
(Iurie Rosca)
"Der Kampf geht weiter. Und ich bin überzeugt, dass heute eine neue Etappe der Bewegung zur nationalen Befreiung Bessarabiens beginnt. Sie werden selbst sehen, dass es uns bis zum Frühjahr vor allem dank der neuen Generation gelingen wird, eine neue Protestwelle in Gang zu setzen, bei der die Rumänen in der Republik Moldau zeigen werden, dass sie da sind."(Frage) "
Herr Vorsitzender, Sie halten die Flagge Rumäniens in der Hand."(Iurie Rosca) "
Ja, ich habe eine rumänische Flagge in der Hand. Sie gilt auch für die Republik Moldau."An der heutigen Veranstaltung haben zahlreiche Intellektuelle teilgenommen. Unter ihnen war – wie vor zwölf Jahren – der Schriftsteller und Akademiker Mihai Cimpoi, Vorsitzender des Schriftstellerverbands der Republik Moldau.
(Mihai Cimpoi) "
Ich glaube, dass die Demonstrationen, die jetzt auf dem Platz vor der Großen Nationalversammlung stattfinden, das Startsignal sind für den erneuten Kampf um unser Rumänentum und um die rumänische Sprache. Diesen Kampf haben wir 1990 begonnen. Unsere Regierenden verfolgen im Grunde genommen die erneute Russifizierung und unsere Entnationalisierung. Dieser Prozess hatte in der Nachkriegszeit Methode. Wenn wir dann auch noch an die administrativ-territoriale Reform (der gegenwärtigen kommunistischen Regierung – MD) denken, dann ist das nichts anderes als eine erneute Sowjetisierung des Verwaltungssystems. Deswegen meinen wir, dass dieser Kampf ein großes Ausmaß haben muss. Unsere Professoren haben bereits eine Bewegung angekündigt. Sie protestieren gegen Russisch als Pflichtfach an Schulen. Es gab auch schon einen bedeutenden Philologenkongress. Dort wurde gesagt: Sollte Russisch zur Amtssprache gemacht werden, würde das allen internationalen Standards zuwiderlaufen. Denn es ist vollkommen abwegig, die Sprache einer Minderheit zur Amtssprache zu machen."Die demokratische Presse in Chisinau hat diese Demonstration schon seit Tagen vorbereitet, obwohl die Polizei einigen Journalisten Unannehmlichkeiten angedroht hatte, sollten sie irgendwelche Propagandaaktionen betreiben. Wir sprechen mit Stefan Secareanu, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Christlich-Demokratischen Volkspartei und Direktor der Zeitung "Tara" ("Das Land" – MD), die in Chisinau herausgegeben wird.
(Stefan Secareanu) "
Es beginnt jetzt eine neue Protestwelle der Bewegung der Rumänen in Bessarabien. Nachdem in der Republik Moldau eine stalinistische Partei an die Macht gekommen ist, kündigt das Rumänentum zwischen den Flüssen Pruth und Dnjestr an, dass es sich niemals wird aufhalten lassen."(Frage) "
Herr Secareanu, Sie sind Direktor einer bedeutenden demokratischen Zeitung in der Republik Moldau. Die Zeitung ‚Tara‘ schreibt täglich über das Problem der Wiedererlangung der nationalen Würde der Rumänen, die zwischen Pruth und Dnjestr leben. Wie beurteilen die Journalisten die Lage der rumänischen Sprache in der Republik Moldau?"(Stefan Secareanu) "
In besetzten Gebieten ist die rumänische Sprache schon immer Angriffen verschiedenster Art ausgesetzt gewesen. Die Methode, mit der die rumänische Sprache jetzt angegriffen wird, also indem Russisch zum Pflichtfach an Schulen in Bessarabien gemacht wird, wird den Gebrauch des Rumänischen, der Amtssprache der Republik Moldau, stark einschränken. Die zweite Absicht der Kommunisten, die schlimmste würde ich sagen, nämlich Russisch zur Amtssprache zu machen, wird meines Erachtens katastrophale Folgen haben, wenn wir das zulassen. Deswegen glauben wir, dass die Protestdemonstrationen, die heute bereits begonnen haben – Sie sehen ja, wie viele Leute hier auf dem Platz sind, und wir sind sicher, dass noch mehr dazu kommen werden – diese Protestdemonstrationen, also, haben auch das Ziel, die kommunistischen Machthaber in Chisinau zu entmutigen, sie davon abzuhalten, zum Zustand aus Sowjetzeiten zurückzukehren.(Frage) "
Wie viel Macht, glauben Sie, kann ein Komitee zur Entrussifizierung haben? Die Christlich-Demokratische Volkspartei hat ja die Gründung dieses Komitees unterstützt?"(Stefan Secareanu) "
Dieses Komitee, das vor wenigen Tagen gegründet wurde, hat eine außerordentlich große Macht, eben weil in diesem Komitee beherzte Leute mitmachen. Es besteht hauptsächlich aus Professoren, aus Lehrkräften, Eltern und Abgeordneten. Ich glaube, die Mitglieder dieses Komitees haben von Anfang an bewiesen, dass sie den Kampf für die Wiederbelegung des Rumänentums in Bessarabien führen können."Auf der vielfarbigen Demonstration auf dem Platz vor der Großen Nationalversammlung in Chisinau waren sowohl Fahnen Rumäniens, der Republik Moldau und der Europäischen Union zu sehen als auch Spruchbänder, auf denen stand: "Haltet uns Russisch vom Hals", "Wir möchten nach Europa", ""Lieber tot als Kommunist". Auffällig war, aus welch unterschiedlichen sozialen Schichten die Teilnehmer waren. (...) (me)