"Moldauisch und Rumänisch sind ein und dieselbe Sprache"
18. September 2002Chisinau, 17.9.2002, 1140 GMT, RADIO MOLDOVA INTERNATIONAL, rumän.
(Der moldauische – MD) Justizminister Ion Morei (Partei der Kommunisten – MD) sagte neulich in einem Interview, dass das Rumänische und das Moldauische ein und dieselbe Sprache sind. Wörtlich sagte Morei: "Da es sich um eine einzige Sprache handelt, könnte die Verfassung der Republik Moldau dahingehend geändert werden, dass darin festgehalten wird, dass die moldauische Sprache mit der rumänischen identisch ist."
Diese Erklärung führte zu unterschiedlichsten Reaktionen in der moldauischen Gesellschaft. In dem Bericht von Adela Raileanu hören Sie einige dieser Reaktionen. Sie erfahren auch, in welchem Zusammenhang Minister Morei seine Erklärung abgab.
Bericht:
Vor einigen Monaten fand in Chisinau eine internationale Konferenz zum Sprachenproblem statt. Genau genommen war es eine Konferenz, auf der es um die Europäische Konvention über Regionalsprachen ging. An der Konferenz nahmen zahlreiche europäische Sprachwissenschaftler teil. Ion Morei hatte eine Reihe von Fragen, zu denen er die Meinung der Experten hören wollte. Der Justizminister wollte wissen, welche Kriterien angewandt werden, um festzustellen, ob zwei oder mehrere Sprachen identisch sind. Von Sprachen, die identisch sind, ist in der Europäischen Konvention die Rede.Eine andere Frage Moreis war, welche Sprachen in der Welt der Konvention zufolge als identisch angesehen werden können. Die ausländischen Experten machten deutlich, dass es das Recht des Staates und seiner Bürger sei festzustellen, ob ihre Sprache mit einer anderen identisch ist. Nur die Bürger könnten entscheiden, wie die Sprache genannt wird, die sie sprechen.
Nachdem er an dieser internationalen Konferenz teilgenommen hatte und nachdem die Republik Moldau die Europäische Konvention über Regionalsprachen ratifiziert hat, erklärte Justizminister Ion Morei, dass seiner Meinung nach das Moldauische und das Rumänische ein und dieselbe Sprache sind. In diesem Zusammenhang brachte der Minister eine Änderung der Verfassung der Republik Moldau ins Gespräch. Nach seinen Worten könnte in die Verfassung der Satz aufgenommen werden, dass die moldauische Sprache mit der rumänischen identisch ist.
Die Erklärungen von Morei wurden in den zwei halbamtlichen Blättern "Moldova suverana" (rumänisch für "Souveräne Republik Moldau" – MD) und "Nesawissimaja Moldova" (russisch für "Unabhängige Republik Moldau" – MD) sowie im nationalen moldauischen Hörfunk und Fernsehen verbreitet.
In diesem Zusammenhang sei hinzugefügt, dass die Kommunisten, die seit einem Jahr in der Republik Moldau herrschen, der rumänischen Sprache und Kultur gegenüber noch nie eine besonders freundliche Haltung eingenommen haben. Wie denken moldauische Politiker über eine mögliche Änderung des Artikels 13 der Verfassung, in dem es um die Staatssprache geht?
Der Vizepräsident des Parlaments, Vadim Misin, von der kommunistischen Mehrheitsfraktion sagt, dass er nicht weiß, was hinter den Erklärungen von Minister Morei steckt.
Vasile State, Historiker und Anhänger der Idee von einer eigenständigen moldauischen Sprache, meint, Morei hätte solche Ungenauigkeiten nicht behaupten sollen, zumal er ein intelligenter Mensch sei und zu den fähigsten in der gegenwärtigen Regierung zähle. State sagt, dass selbst Schüler wüssten, dass es in dieser Welt keine zwei identischen Dinge gebe. Erst recht könne es nichts Identisches geben zwischen sozial-psychologischen Phänomenen, die ständigen Änderungen infolge geschichtlicher, sozialer und geographischer Einflüsse ausgesetzt seien. Der Anhänger der Idee von einer eigenständigen moldauischen Sprache meint, dass die Erklärungen Moreis ein billiges Spiel seien. (...) Im übrigen, meint State, sei dies ein Spiel, das seit anderthalb Jahren gespielt werde.
Igor Munteanu, Direktor des Instituts für Entwicklung und für Sozialinitiativen "Die Zukunft" ist der Ansicht, dass die Erklärungen Moreis eine Überraschung seien. Nach Munteanus Worten hat der Justizminister bislang in der Öffentlichkeit keine besondere Nähe zur rumänischen Kultur und Sprache gezeigt. Es könnte sein, sagt Munteanu, dass Morei das Gefühl habe, man wolle ihn loswerden. Deswegen habe er nun seine Erklärung zur Sprache abgegeben, um hinterher sagen zu können, er sei aus anti-rumänischen Gründen entlassen worden. Es könnte aber auch sein, meint Munteanu, dass die regierenden Kommunisten ihre Taktik gegenüber Rumänien ändern, nachdem sie gemerkt haben, dass sich ihre Beziehungen zu allen Nachbarn verschlechtert haben.
Der Führer der (oppositionellen – MD) Braghis-Allianz, Dumitru Braghis, sagt, dass er den Schritt Moreis nicht versteht. Braghis zufolge hat der Minister seine Erklärung aus heiterem Himmel abgegeben. Es sei ihm unklar, weshalb dies gerade jetzt geschehen sei. Braghis sagt, dass Morei seine Erklärung besser am 31. August anlässlich des "Feiertags der Sprache" hätten abgeben sollen oder anlässlich des "Tages der Unabhängigkeit" (27. August – MD). Braghis ist der Ansicht, dass Artikel 13 der moldauischen Verfassung geändert wird, doch wisse man noch nicht wann.
Serafim Urecheanu, der Vorsitzende der Allianz der Unabhängigen, freut sich, dass sich endlich auch Ion Morei davon überzeugt hat, dass die moldauische Sprache mit der rumänischen identisch ist. Urecheanu sagt, dass die Verfassung beim Kapitel "Staatssprache" schon längst hätte geändert werden müssen, zumal alle Wissenschaftler nachgewiesen hätten, dass das Moldauische und das Rumänische ein und dieselbe Sprache sind. Nach Meinung von Urecheanu hat Morei seine Erklärung nicht zufällig abgegeben. Nun werde es zu einem Vorstoß im Parlament kommen mit dem Ziel, in die Verfassung einen Satz aufzunehmen, in dem es heißt: "Die moldauische Sprache ist mit der rumänischen identisch."
Der Vorsitzende der Demokratischen Partei der Republik Moldau, Dumitru Diacov, ist der Ansicht, dass Morei nichts Zufälliges sagte. Moreis Erklärung sei ein Versuchsballon, der zunächst testen soll, wie die Partei der Kommunisten auf den Vorschlag reagiert und dann, wie die öffentliche Meinung darauf reagiert, sagt Diacov. (...)
Wir weisen darauf hin, dass das Sprachenproblem in den elf Jahren, seit die Republik Moldau unabhängig ist, zu den Themen gehört, mit denen sich die Presse am häufigsten beschäftigte. Bisher haben aber weder die politische Klasse noch die Wissenschaftler einen gemeinsamen Nenner gefunden in der Frage: "Welche Sprache sprechen wir? Sprechen wir Rumänisch oder sprechen wir Moldauisch?" (me)