"Morgens Geld, heißes Wasser oder Gas - abends Volkszählung"
18. Oktober 2002Moskau, 17.10.2002, ISWESTIJA, russ., G. Iljitschow, A. Lebedew
Am Mittwoch (16.10) ging die Hauptetappe der landesweiten Volkszählung zu Ende. Bis spät in die Nacht liefen die Zähler Bürgern hinterher, die versuchten, ihnen zu entkommen. Sie versuchten, die Zahl der von der Volkszählung erfassten Bürger maximal zu erhöhen. Es ist verfrüht, Bilanz der Volkszählung zu ziehen. Auch die allgemeinsten Angaben über die Bevölkerungszahl des Landes will das Komitee für Statistik nicht vor Beginn 2003 veröffentlichen. Es ist jedoch die richtige Zeit, darüber zu sprechen, WIE die Volkszählung verlaufen ist.
"Morgens Geld – abends Volkszählung"
Eines der Hauptziele der Volkszählung bestand darin, möglichst viele Bürger zu erfassen. Nicht wegen der Genauigkeit, sondern wegen der Fülle der Information. Hier tauchten jedoch sofort ernste Hindernisse auf. Die letzte Volkszählung verlief unter den Bedingungen eines Kommando- und administrativen Systems. Im Jahr 1989 waren die Bürger noch hörig. Gegen die wenigen Ruhestörer wurden Druckhebel angewandt, die störungsfrei funktionierten. In der letzten Woche war jedoch die Erpressung nach dem Schema "morgens Geld (heißes Wasser, Gas...) – abends Volkszählung", wenn nicht eine massenhafte Erscheinung, so eine sehr verbreitete.
Im Gebiet Uljanowsk weigerten sich die Einwohner der Siedlung Barysch, die Volkszähler zu empfangen, solange ihnen die Gehaltsrückstände nicht ausgezahlt werden.
"Dorthin begaben sich Vertreter der Gebiets- und der Rayonadministration und sprachen die Leute einzeln an", sagte der Chef des Gebietskomitees für Statistik Aleksandr Dmitrijew der "Iswestija"-Korrespondentin Natalja Polat. "Es wäre doch nicht gelungen, die Gehaltsrückstände in der kurzen Zeit auszuzahlen! Außerdem ließen sie sich auf eine List ein: zu Zählern wurden Nachbarn oder Angehörige der potentiellen Verweigerer ernannt. Sie werden doch wohl die eigenen Leute nicht im Stich lassen... Barysch macht uns jetzt keine Sorgen mehr. Dort sind fast alle erfasst."
Die Omas überlistet
Im Gebiet Stawropol gab es Probleme mit den Studenten, die aus anderen Städten kommen, ein Zimmer in einer Wohnung oder einem Haus mieten. In Kislowodsk allein gibt es ein Dutzend Filialen verschiedener Hochschulen.
"Die Omas, die ein Zimmer vermieten, weigern sich, den Zählern ihre Mieter zu nennen", teilte die Mitarbeiterin der städtischen Abteilung für Statistik Wera Awakinjan dem "Iswestija"-Korrespondenten Nikolaj Gritschin mit. "Sie haben Angst vor den Steuerfahndern. Das bedeutet, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung nicht erfasst worden wäre. Wir waren gezwungen, die Volkszählung unter den Studenten unmittelbar in den Hochschulen durchzuführen."
Die Soziologen sind der Ansicht, ein Grund für das vorsichtige Verhalten gegenüber den Zählern war die unglückliche Informationsbegleitung der Kampagne. (...)
Am einfachsten sei die Volkszählung in geschlossenen Objekten verlaufen – in Militäreinheiten und Haftanstalten. Schwierigkeiten gab es mit den Leuten ohne ständigen Wohnsitz oder mit Ausländern. In Tschuwaschien leben zum Beispiel viele Tadschiken, Georgier, Vietnamesen sowie Bürger ohne ständigen Wohnsitz. Anfänglich taten die durch die Aufmerksamkeit der Machtorgane in Angst geratenen Ausländer so, als ob sie kein Russisch verstehen würden. Wie beim Komitee für Statistik der Republik mitgeteilt wurde, verflogen die Ängste jedoch allmählich.
"Diejenigen, die noch nicht an der Volkszählung teilgenommen haben, können das noch bis zum 21. Oktober tun, die Lokale sind noch offen. (...)", teilte die Leiterin der Abteilung Volkszählung des Staatlichen Komitees für Statistik, Irina Sbarskaja, "Iswestija" mit. Sbarskaja zufolge werden 100 Prozent der Bevölkerung mit Ausnahme derjenigen erfasst, die sich weigerten, die Fragen zu beantworten. (...) "Verlängert wird die Volkszählung nicht, auch wenn sich herausstellen sollte, dass in bestimmten Regionen die Beteiligung gering war (...)", sagte Sbarskaja. (...)
Wenig Fragen – hohes Interesse
In den Hintergrund der Zahlen über die Erfassung geriet die wichtigste Frage: was teilt die Volkszählung über die Einwohner Russlands mit? Die Fragen, die die Zähler stellten, wurden scharf kritisiert.
"Als Anleitung für politische und wirtschaftliche Schritte ist die Volkszählung nicht geeignet", behauptet der führende Mitarbeiter des Allrussischen Meinungsforschungszentrums Leonid Sedow. "Es müsste wenigstens danach gefragt werden, in welchem Wirtschaftsbereich die Person tätig ist – dem privaten oder dem staatlichen."
Die Soziologen wollen die Angaben der Volkszählung ergänzen.
"Als Ergebnis der Volkszählung wird es nur gelingen, die Gesamtzahl der Bevölkerung zu erfahren, deren nationale Zusammensetzung", so Sedow. "Obwohl es bei der Festlegung der Nationalität bereits zu so vielen Problemen kam, dass das Bild auch hier nicht völlig glaubwürdig sein wird. Ist jemand im Ausweis als Russe ausgewiesen und nennt er bei der Volkszählung eine andere Nationalität, so ist das Anlass für ernste Analysen. (...) Unser Forschungsinstitut wird demnächst eine Umfrage mit dem Ziel starten herauszufinden, wie viele Leute an der Volkszählung teilgenommen haben. Wir werden unbedingt die Frage zur Religion stellen, wofür sich die Zähler nicht interessierten."
Beim Staatlichen Komitee für Statistik ist man jedoch der Ansicht, dass viele Fragen, die die Wissenschaftler interessieren, bei einer Volkszählung nicht gestellt werden dürfen. Diese seien zu schwer oder würden zur Ablehnung der Zählung führen.
Was die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse angeht, so sind die Soziologen optimistischer.
"Es wird kaum gelingen, die Ergebnisse zu verheimlichen. Zu viele sind daran interessiert", so der Chef eines der führenden russischen Meinungsforschungszentren. "Früher gab es nur eine interessierte Person – den Staat. Heute sind es viele – die Gouverneure, die Soziologen, die Körperschaften letztendlich. Die einen müssen Forschungen durchführen, die anderen die wirtschaftlichen Perspektiven einschätzen. Deshalb werden sie alle darauf bestehen, dass das Staatliche Komitee für Statistik möglichst genaue Angaben der Volkszählung veröffentlicht."
Am Mittwoch wurde bekannt, dass die aktivsten Zähler und andere Personen, die sich bei der Volkszählung hervorgetan haben, ausgezeichnet werden. Ein Erlass über Medaillen für die Teilnahme an der Volkszählung wurde von Wladimir Putin unterzeichnet. (lr)