Moskau: Gedenktafel erinnert an DDR-Spionagechef Wolf
8. November 2026
Lange galt er als "der Mann ohne Gesicht": Markus Wolf leitete fast 30 Jahre lang die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Er saß damit jahrzehntelang an entscheidender Stelle im Unterdrückungsapparat der ostdeutschen Diktatur.
Nun wird dem früheren Chef der DDR-Auslandsspionage eine bemerkenswerte Ehre zu teil: 20 Jahre nach seinem Tod erinnert ab sofort eine Gedenktafel in Moskau an Markus Wolf. An der Fassade eines Hauses im Zentrum von Russlands Hauptstadt ließ der russische Auslandsgeheimdienst ein Bronze-Relief anbringen.
Auf der dazugehörigen Granittafel ist zu lesen, dass Wolf von 1934 bis 1945 in dem Haus in der Nischni-Kislowski-Gasse 8 im Stadtteil Arbat lebte. Erinnert wird an ihn auch als Teilnehmer der antifaschistischen Bewegung und als Schriftsteller.
Kanzler-Rücktritt durch Wolf-Aktion
Dabei dürfte Wolfs Karriere-Schwerpunkt und Expertise eher auf einem anderen Gebiet liegen. Als HVA-Leiter war er General und zudem Stellvertreter von Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit. Wolf führte rund 4000 Spione.
Zu seinem Spitznamen "Mann ohne Gesicht" kam er, weil es bis 1978 kein bekanntes Foto von ihm im Westen gab. Als spektakulärster Geheimdienst-Erfolg von Wolf gilt die Rekrutierung des Kanzlerspions Günter Guillaume. Dem DDR-Geheimdienst war es damit gelungen, einen Agenten im engsten Umfeld des damaligen westdeutschen Regierungschefs Willy Brandt zu platzieren. Guillaume Enttarnung 1974 führte in der Bundesrepublik Deutschland zum Rücktritt von Brandt.
Naryschkin: "Treuer Freund Russlands"
Der russische Auslandsgeheimdienstchef Sergej Naryschkin lobte bei der Enthüllung der Gedenktafel in Moskau "die einzigartige Vielseitigkeit der Persönlichkeit von Markus Wolf". Er sei ein Mensch von "außergewöhnlichen Talenten" gewesen, erklärte Naryschkin bereits im September. Zudem "ein Patriot Deutschlands und treuer Freund unseres Landes, ein herausragender Geheimdienstprofi, ein tiefsinniger Analytiker und begabter Schriftsteller", so der russische Auslandsgeheimdienstchef.
Wolf, der am 9. November 2006 im Alter von 83 Jahren in Deutschlands Hauptstadt Berlin starb, habe damals den Geheimdienst in der DDR zu einem der stärksten der Welt gemacht, sagte Naryschkin. Laut einer Mitteilung des russischen Geheimdienstes dankte auch Wolfs Witwe Andrea Wolf in einem Brief "allen russischen Freunden", die die Erinnerung wachhielten.
Die Stadt Moskau teilte mit, dass Markus Wolf gewürdigt werde, weil er Spuren in der Geschichte des Kalten Krieges hinterlassen habe, dem Ringen um Vorherrschaft zwischen dem Ostblock und dem Westen nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Auf einer älteren Tafel links neben der neuen wird auch an Wolfs Vater Friedrich Wolf, einen Schriftsteller, und an seinen Bruder, den Regisseur Konrad Wolf, erinnert.
AR/se (dpa, lusa, Munzinger)