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"Moskau ist das Spiegelbild Russlands"

25. März 2004

– Die ethnische Karte des Landes

Moskau, 25.3.2004, ISWESTIJA, russ., Olga Timofejewa

Die Volkszählung hat vor mehr als einem Jahr stattgefunden, aber das Staatliche Statistikamt hat die Angaben über die nationale Zusammensetzung Moskaus und der Regionen immer noch nicht veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben jedoch unter Berufung auf vorläufige Angaben die Mythen über die Invasion der Chinesen und die Übermacht der Kaukasier widerlegt. 70 bis 80 Prozent der Einwanderer, die nach dem Zerfall der UdSSR nach Russland geströmt sind, sind Russen. Darüber, wie sich die ethnische Karte Russlands in den letzten Jahren verändert hat, berichtet der wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für Ethnologie und Anthropologie der Russischen Akademie der Wissenschaften, Walerij Stepanow, der "Iswestija"-Korrespondentin Olga Timofejewa.

Frage:

In den 13 Jahren seit der letzten sowjetischen Volkszählung ist die Zahl der Einwohner Russlands gesunken. Die der Russen ebenfalls. Ist die Migration daran schuld?

Stepanow:

Die Migration spielte eher eine normalisierende Rolle. Der Schwund und die Alterung der Bevölkerung Russlands in den 90er Jahren ist ein Ergebnis des in den 70er Jahren begonnenen Geburtenrückgangs. Vor diesem Hintergrund ist die Migration zur wichtigsten Ressource geworden, die die Verluste wettmacht. Ethnisch hat sich jedoch die Zusammensetzung der Bevölkerung nicht wesentlich verändert: 70 bis 80 Prozent der Migranten aus Ländern des nahen Auslands sind Russen. Es hat nur so ausgesehen, als ob es in den 90er Jahren einen Migrationsboom gegeben hätte. In den Sowjetzeiten war die Migration viel stärker – viele zogen aus Russland in andere Republiken der UdSSR, aber viele kamen auch nach Russland. Wenn es früher Millionen Migranten gab, so sind es jetzt lediglich Hunderttausende. Es gehen jedoch weniger weg. Deshalb sieht der Zustrom so groß aus.

Frage:

Wohin gehen die heutigen Russen?

Stepanow:

In die Länder des fernen Auslands gehen vergleichsweise nicht viele, aber von da her kommen nach Russland noch viel weniger. Das bedeutet, dass die demographischen Verluste hier nicht wesentlich sind. Einige ethischen Gruppen sind jedoch wegen der Auswanderung viel kleiner geworden. Viele Deutsche sind im letzten Jahrzehnt nach Deutschland ausgewandert, Armenier in die USA, wo es eine starke armenische Diaspora gibt, Juden nach Israel und in die USA, Griechen aus dem Transkaukasus und aus dem Nordkaukasus nach Griechenland und in europäische Länder. Die Hälfte dieser Menschen sind jedoch Russen: die einen betrachten sich nur teilweise als Juden oder Deutsche, die anderen sind mit Juden oder Deutschen verheiratet. Außer denjenigen, die ihren ständigen Wohnsitz ins Ausland verlegen, gibt es auch noch die Arbeitsmigranten. Die offizielle Statistik zieht einen klaren Strich zwischen ihnen. In der Wirklichkeit sind sie jedoch schwer zu unterscheiden.

Frage:

Kommen denn viele zur Arbeit nach Russland?

Stepanow:

Mehr als in jede andere Republik der ehemaligen Sowjetunion. Dort, wo mehr Kapital konzentriert ist, dort gibt es übrigens auch mehr Gastarbeiter: die meisten Ausländer gibt es in Moskau und Umgebung (über 40 Prozent), in den Erdöl- und Gasregionen des Nordens und Sibiriens, in großen Industriezentren, Transportknoten, im Fernen Osten (chinesisches Phänomen). Die zeitweiligen Migranten kommen aus der Ukraine (etwa ein Drittel), Aserbaidschan, Moldova, Kasachstan, Weißrussland, China, der Türkei. Es wird angenommen, dass in Aserbaidschan fast schon ein Viertel aller Familien im Ausland arbeitet. Die Russen selbst suchen sich Arbeit im fernen Ausland.

Frage:

Was hat sich an der ethnischen Karte Russlands verändert?

Stepanow:

Wie die Volkszählung gezeigt hat, ist die Zahl der Russen von 82 Prozent im Jahr 1989 auf 80 Prozent zurückgegangen. Das liegt nicht nur an der demographischen Alterung. Üblich ist die Meinung, dass jeder nur eine Nationalität hat, die er mit der Geburt bekommt. Die Realität sieht jedoch anders aus. Im Jahr 1989 hat ein Viertel der Bevölkerung in Familien mit komplizierter ethischer Zusammensetzung gelebt. Häufig betrachtet sich die eine und selbe Person nicht nur als Deutscher, sondern als Russlanddeutscher oder als Russe und Deutscher gleichzeitig, oder, abhängig von der Situation, mal als Russe, mal als Deutscher. Die Volkszählung berücksichtigt solche Dinge nicht, was dazu führt, dass etwa 10 Prozent der Bevölkerung Russlands falsch erfasst werden.

(...)

Frage:

Wie viele Nationalitäten leben in Russland?

Stepanow:

Im Jahr 1989 gab es in der UdSSR 128 Nationalitäten. Heute gibt es in Russland 158 Nationalitäten. Bei der Volkszählung im Jahr 1926 wurden 194 gezählt. Natürlich ist keine ausgestorben und auch nirgendwohin verschwunden. Alles hängt von der Methode ab, davon, welche Gruppen gebildet werden, wie die Menschen erfasst werden. (...)

Frage: Ist Moskau in dieser Hinsicht bezeichnend?

Stepanow:

Moskau ist – was das ethnische Verhältnis betrifft – kein Staat im Staat, sondern der Spiegel Russlands. Hier kommen die Prozesse, die die Urbanisierung begleiten, am stärksten zum Vorschein: Geburtenrückgang, Alterung der Bevölkerung, hohe Sterblichkeit, Stress, komplizierte Umweltsituation. Aber Moskau zieht die soziale Aktivität an, vor allem die kommerzielle. Moskau ist ein Migrationsherd.

(...) (lr)

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