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"Moskau könnte Tschetschenien verlieren"

12. Mai 2004

– Ex-Kandidat für das Amt des Präsidenten Tschetscheniens Sajdullajew warnt vor Unterstützung der autoritären Macht in Tschetschenien

Moskau, 12.5.2004, NESAWISSIMAJA GASETA, russ., Sergej Migalin

Bei den Wahlen in der Republik im Herbst 2003 war Malik Sajdullajew der einzige der Anwärter auf den Posten des Präsidenten Tschetscheniens, der trotz des Standpunktes des föderalen Zentrums versucht hat, an diesen teilzunehmen. In einem Exklusivinterview ging er gegenüber der "Nesawissimaja gaseta" auf den Terroranschlag am 9. Mai im "Dinamo"-Stadion und die politischen Perspektiven in Tschetschenien im Zusammenhang mit der Ermordung von Achmad Kadyrow ein.

Frage:

Malik Mingajewitsch, wie sehen die politischen Folgen des Todes des Präsidenten Tschetscheniens, Achmad Kadyrow, und des Vorsitzenden des Staatsrates der Republik, Hussein Issajew, aus?

Sajdullajew:

(...) In Tschetschenien findet Krieg statt, täglich kommen Menschen ums Leben. Es ist zu einer Tragödie gekommen, was auch zu erwarten war. Dazu wird es solange kommen, bis in Tschetschenien Ordnung herrscht. (...) Gleichzeitig müssen wir begreifen, dass diese Situation nicht ewig anhalten wird, dass in Tschetschenien irgendwann Frieden herrschen wird.

Frage:

Gibt es Grund zu behaupten, dass es nach dem Terroranschlag zur Destabilisierung der Lage in der Republik kommen wird?

Sajdullajew:

Wenn wir von der Stabilisierung der Lage in der Republik sprechen, dann betrügen wir uns selbst. Organe der Staatsmacht wurden gebildet. Aber diese Macht war eher autoritär und stützte sich auf eine Person – Kadyrow. Ich glaube jedoch nicht, dass sein Tod zum Verlust der Kontrolle über Tschetschenien führen wird. Dort sind letztendlich Truppen stationiert, es gibt Kommandanturen und die Miliz. Wichtiger ist, dass es den Einwohnern Tschetscheniens weiterhin schwer fällt zu überleben – es gibt keine Arbeit, es ist unmöglich, die Kinder zu ernähren, ihnen eine Ausbildung zu geben, es gibt keine qualitative medizinische Hilfe. Diese Fragen müssen von den Machthabern in erster Linie gelöst werden. (...) Ich kann, nicht behaupten, dass die Macht in der Republik sehr effizient war. Grosny liegt weiterhin in Ruinen, die soziale Infrastruktur wurde nicht wieder hergestellt, obwohl man dem föderalen Zentrum nicht vorwerfen kann, die Probleme Tschetscheniens unbeachtet gelassen zu haben. Aus dem Haushalt Russlands werden riesige Summen für die Republik bereitgestellt. Es wird zu keiner Machtlähmung kommen. (...)

(...)

Frage:

Nach dem Treffen des Präsidenten Russlands, Wladimir Putin, mit dem Interimspräsidenten Tschetscheniens, Sergej Abramow, wurde klar, dass in der Republik keine direkte Präsidialverwaltung eingeführt wird...

Sajdullajew:

Ich bin der Meinung, dass keine Rede von direkter Präsidialverwaltung in Tschetschenien sein kann. Wahlen sind notwendig. (...) Jetzt muss das wieder hergestellt werden, was zerstört wurde. An Frieden in Tschetschenien werde ich erst dann glauben, wenn es dort mehr Baukräne als Schützenpanzerwagen geben wird (...).

Frage:

Gibt es denn konstruktive Kräfte in Tschetschenien und außerhalb der Republik, die den Wunsch haben, ein friedliches Leben in der Republik einzurichten?

Sajdullajew:

Dieser Kräfte gibt es ausreichend. Das föderale Zentrum muss nur noch den Wunsch äußern, diese zu konsolidieren.

Frage:

Im Herbst werden in Tschetschenien aller Wahrscheinlichkeit nach Präsidentschaftswahlen stattfinden. Wodurch werden diese sich von denen im letzten Jahr unterscheiden?

Sajdullajew:

Alles kann passieren. Ich schließe jedoch auch nicht aus, dass diese Wahlen nach dem gleichen Muster ablaufen werden wie beim letzten Mal.

Frage:

Moskau verfügt jedoch jetzt über keine Figur wie Achmad Kadyrow. Bedeutet das, dass das Zentrum den Dingen ihren Lauf lassen wird und keinen der Kandidaten unterstützen wird?

Sajdullajew:

Ich denke, dass Moskau sich aktiv in die Wahlen einmischen und eine Kandidatur suchen wird. Nicht von ungefähr herrscht seit zehn Jahren Krieg in Tschetschenien.

Frage:

Werden Sie an den Wahlen des Präsidenten Tschetscheniens teilnehmen?

Sajdullajew:

Die Teilnahme an den Wahlen ist für mich nicht die wichtigste Frage. Ich bin bereit, an jeglichen Maßnahmen teilzunehmen, die helfen werden, Frieden in Tschetschenien herzustellen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich unbedingt Präsident Tschetscheniens werden möchte. Es geht nicht um Ämter und Ränge. Für mich ist wichtiger, dass meine Heimat eine blühende Republik ist (...). Ich liebe und respektiere mein Volk. Deshalb bin ich der Meinung, dass ihm das Recht eingeräumt werden muss, selbst seinen Präsidenten zu wählen. Sollte sich das föderale Zentrum der Wahl des Volkes widersetzen, wird es nicht den Krieg, sondern Tschetschenien verlieren. Damit es nicht dazu kommt, muss Moskau nüchtern an die Lösung des Problems herangehen. Die Wahl, die die Tschetschenen treffen werden, muss respektiert werden.

(...) (lr)

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