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Moskau klagt gegen deutschen Karnevalssatiriker Tilly

Gaby Reucher
28. Januar 2026

Seine Karnevalswagen verspotten Putin - und bringen Jacques Tilly vor ein Moskauer Gericht. Doch das Verfahren stockt. Der Düsseldorfer Satiriker sieht in der Anklage einen Angriff auf die Meinungsfreiheit.

Putin sitzt in einer Badewanne in den ukrainischen Farben blau und gelb. Über die Wanne schwappt rote Farbe mit der sich Putin auch sein hochgestrecktes Bein wäscht.
Wladimir Putin badet im Blut der Ukraine. Mottowagen 2023 zum russischen Angriffskrieg in der Ukraine von Jacques TillyBild: Hans-Juergen Bauer/epd/picture alliance

Russlands Präsident Wladimir Putin badet im Blut der Ukraine, US-Präsident Donald Trump zerreißt wie ein wütendes Kind das Abkommen zum Klimaschutz: Die Karnevalswagen des Düsseldorfer Bildhauers und Wagenbauers Jacques Tilly provozieren, und das sollen sie auch. Aber noch nie zuvor wurde er für einen seiner Wagen verklagt.

Jetzt läuft in Moskau ein Verfahren gegen ihn, der russische Staat gegen Jacques Tilly. Der Prozess sollte an diesem Mittwoch in Abwesenheit des Angeklagten weiter verhandelt werden, wurde aber nach einem kurzen Auftakt zum zweiten mal verschoben auf den 26. Februar. Beim Gerichtsverfahren im Dezember kam die Pflichtverteidigerin zu spät, jetzt fehlten noch Zeugen der Anklage. Vertreter der deutschen Botschaft werden bei den kommenden Verhandlungen in Moskau anwesend sein, aber ohne Mitspracherecht.

"Bei allem, was gerade in der Welt passiert, fand ich es geradezu lächerlich, dass man ausgerechnet einem Karnevalswagenbauer den Prozess macht. Das ist für mich jenseits aller Verhältnismäßigkeit. Als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen", sagte Tilly im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Demonstration gegen die Wiederwahl des russischen Präsidenten Wladimir Putin 2024. Dahinter steckt die Forderung, Putin vor den internationalen Gerichtshof zu bringenBild: Freies Russland NRW

Tillys überdimensionale Figuren fahren auf den Karnevalswagen der Düsseldorfer Rosenmontagsumzüge und sind mittlerweile weltbekannt. Ob Kirche oder Staat, Klimakatastrophe oder Rechtsextremisten, Jaques Tilly schreckt vor keinem Thema zurück. "Es gab viele Klagedrohungen, so etwa im letzten Jahr, da habe ich einen Wagen gebaut mit der Vorsitzenden der (in Teilen rechtsextremistischen Partei, Anm. d. RedaktionAfD, Alice Weidel, im Hexenhaus. Sie hält den Jungwählern ein Lebkuchen-Hakenkreuz unter die Nase, da gab es 20 Klageandrohungen, aber es ist nicht zu einer Anklage gekommen." 

Die Vorsitzende der AfD, Alice Weigel, lockt mit Hakenkreuzen Erstwähler. Nicht strafbar, das hat die Polizei Jacques Tilly versichertBild: Hesham Elsherif/Getty Images

Was bedeutet die Anklage?

In Deutschland ist die Meinungsfreiheit ein hohes Gut und gesetzlich verankert, dazu gehört auch die politische Satire, sofern sie nicht andere Gesetze verletzt. "Satire ist eigentlich mit Humor gewürzter Spott. Eine in Humor verpackte Kritik", sagt Tilly, "und Kritik kann Putin nicht ausstehen. Jeder der etwas anderes denkt, landet vor Gericht und schlimmstenfalls in irgendeinem Straflager." Das, so mutmaßt Tilly, könne auch ihm drohen.

Die Strafanzeige der russischen Regierung ist für Tilly eine neue Eskalationsstufe. Die Anklage gegen ihn lautet auf Verunglimpfung der russischen Staatsorgane, dazu gehört neben der Armee auch Präsident Putin. Tillys Karnevalswagen von 2023, in dem Putin im Blut der Ukraine badet, soll den Anstoß für das Verfahren gegeben haben. "Da steht, ich würde Falschmeldungen über die russische Armee und Hass verbreiten und aus eigennützigen Motiven handeln." Vorwürfe, die in Russland auch einheimischen Regimekritikern gemacht werden. 

Militärisch stark, wirtschaftlich schwach. So stellte Jacques Tilly Wladimir Putin beim Düsseldorfer Rosenmontagszug 2015 darBild: Federico Gambarini/dpa/picture alliance

Putin lässt die Muskeln spielen

Warum die Anklage gegen Jacques Tilly erst im Dezember 2025 in die Wege geleitet wurde, bleibt eine offene Frage. Bis heute hat Tilly weder eine Anklageschrift erhalten, noch hat er mit der vom Moskauer Gericht gestellten Pflichtverteidigerin gesprochen. Sollte ihn das Gericht irgendwann für schuldig befinden, könnten Tilly neben einer Geldstrafe auch Haft und Straflager drohen. 

Doch der lange Arm Putins habe auch über Russland hinaus weitreichende Folgen, sagt Tilly: "Die Konsequenz ist, dass ich einfach in bestimmte Länder nicht mehr einreisen darf, weil sie Auslieferungsabkommen mit Russland haben, wie etwa Indien oder Serbien, auch Ägypten und Indonesien." In diese Länder zu reisen, davon wurde ihm explizit abgeraten von Seiten des Auswärtigen Amtes.

Will Russland ein Exempel statuieren?

Es ist Brauchtum im Rheinischen Karneval, mit satirischen Motivwagen die Obrigkeit zu verspotten, eine sogenannte "Narrenfreiheit". Schon vor Jahrhunderten hatte der schelmische Hofnarr die Aufgabe, den Herrschern an Fürsten- und Könighöfen die Wahrheit über ihr Handeln zu sagen. Sie sprachen offen aus, was andere sich nicht zu sagen trauten. "Und das ist die Aufgabe des Narren auch heute noch", sagt Tilly. "Ich habe natürlich keine Falschmeldungen verbreitet. Ich habe den obersten Kriegsherren Putin verspottet, so wie ich das auch mit Donald Trump mache und mit Mullahs und Recep Tayyip Erdoğan, das ist einfach meine Arbeit."

Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut: Tillys Reaktion auf den Mord an Anna Politkowskaya 2006Bild: Jacques Tilly

Bereits nach dem Mord an der Journalistin Anna Politkowskaya 2006 hat er seinen ersten Putin-Wagen gebaut. Er habe den russischen Präsidenten von Anfang an kritisch gesehen, sagt Tilly und bezieht die Anklage des russischen Staates nicht nur auf sich: "Es ist ein Angriff auf unsere Freiheit, Kritik zu äußern." Das seien Werte, die verteidigt werden müssten, auch mit kritischem Humor. "Die Anklage will sagen, 'wir wissen, was ihr macht und wir haben unsere Methoden darauf zu reagieren‘ und das ist die Botschaft an alle und nicht nur an mich."

Mottowagen 2025: Trump setzt die Welt in Brand mit Zöllen, Massenabschiebungen oder der Zerstörung des KlimasBild: Karl F. Schöfmann/imagebroker/IMAGO

Egal wie das Urteil ausfällt: Tilly macht weiter

Egal wie der Prozess ausgeht, Jaques Tilly lässt sich nicht einschüchtern und kann der Aufmerksamkeit, die ihm dadurch entgegengebracht wird, sogar etwas Positives abgewinnen. "Das ist natürlich eine schöne Bestätigung, dass der eigene Radius so weit reicht. Ich sehe, dass Satire eben auch weh tut, und dass sie auch Putin weh tut". Das gebe seiner Arbeit zusätzlichen Sinn. "Satire, die es auf den Punkt bringt, machen wir trotzdem weiter". 

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