Mychajlo Drapatyj - neuer Oberbefehlshaber der Ukraine
22. Juli 2026
Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Dienstagabend Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber der ukrainischen Armee ernannt. Selenskyj erwartet von ihm eine modernisierte Verteidigungsstrategie sowie die Fortsetzung der jüngst angestoßenen Militärreformen.
Dem Wechsel des Oberbefehlshabers war eine unerwartete Kabinettsumbildung in der vergangenen Woche vorausgegangen. Viele Minister behielten ihre Posten unter dem neuen Premierminister Serhij Korezkyj, nicht aber der bisherige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Zwischen ihm und dem bisherigen Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj war zuvor ein massiver Richtungsstreit über die strategische Ausrichtung der Kriegsführung entbrannt.
Fedorows Entlassung löste in Teilen der ukrainischen Bevölkerung Empörung aus. Es kam zu Massenprotesten. Die Demonstranten forderten nicht nur die Rückkehr des populären Verteidigungsministers, sondern auch die Absetzung von Armeechef Syrskyj.
Während Syrskyj seinen Stuhl nun tatsächlich räumen musste, gibt es für Fedorow jedoch kein Zurück ins Amt. Stattdessen ernannte Präsident Selenskyj den bisherigen SBU-Geheimdienstchef Jewhenij Chmara zum neuen Verteidigungsminister.
"Die Armee braucht Veränderungen"
Mychajlo Drapatyj war der einzige General, der Fedorow nach dessen Entlassung öffentlich verteidigte. Mit dessen Einzug ins Verteidigungsministerium sechs Monate zuvor sei "ein echter Versuch unternommen worden, die seit Jahren herrschenden Verhältnisse im Militär zu verändern", schrieb Drapatyj auf Facebook.
Unter Fedorow habe sich das Verteidigungsministerium zu einem echten Partner der Armee entwickelt: "Die Zusammenarbeit zwischen den Truppen und dem Verteidigungsministerium hat sich verändert. Es entstand die Bereitschaft, Kommandeuren zuzuhören, Entscheidungen schneller zu treffen und Veränderungen zu unterstützen, die aus den Einheiten selbst kommen", erklärte er.
Drapatyj fügte hinzu, dass viele dieser Veränderungen gegen den erbitterten Widerstand des alten Systems durchgesetzt werden mussten - dabei müsse über bestehende Probleme in der Armee offen und ehrlich geredet werden.
Wer ist Mychajlo Drapatyj?
Mychajlo Drapatyj (geboren 1982) ist ein hochdekorierter ukrainischer Generalmajor, der sich seit 2014 als krisenerprobter Frontkommandeur profiliert hat. Der gelernte Panzeroffizier erlangte zu Beginn des Donbas-Krieges Bekanntheit für seinen entschlossenen Einsatz bei der damaligen "Anti-Terror-Operation".
Nach Beginn des russischen Großangriffs 2022 koordinierte er als stellvertretender Befehlshaber der Vereinigten Streitkräfte die erfolgreiche Verteidigung der Stadt Krywyj Rih sowie die Befreiung strategischer Gebiete im Süden des Landes. Dank seines Rufs als militärischer Krisenmanager, der 2024 auch die russische Offensive bei Charkiw stoppte, stieg er über Stationen im Generalstab bis zum Chef der ukrainischen Landstreitkräfte und schließlich zum Kommandeur der Vereinigten Streitkräfte auf.
Wollte Syrskyj seinen Konkurrenten ausschalten?
Am 1. Juni 2025 reichte Drapatyj seinen Rücktritt als Heereskommandeur ein, nachdem bei einem russischen Raketenangriff auf ein ihm unterstelltes Übungsgelände mindestens zwölf Rekruten getötet und mehr als 60 weitere verletzt wurden. Er begründete diesen Schritt auf Facebook durch sein "persönliches Verantwortungsgefühl für diese Tragödie". Dies brachte Drapatyj den Ruf ein, nicht um jeden Preis an einer Position festzuhalten und moralische Verantwortung zu übernehmen. Präsident Selenskyj nahm den Rücktritt jedoch nicht an und ernannte Drapatyj später zum Kommandeur der Vereinigten Kräfte.
Als Drapatyj im Herbst 2025 mit der Verteidigung der Region Charkiw betraut wurde, sahen Beobachter darin jedoch eine gezielte Einschränkung seines Einflusses. Medien spekulierten, dass Oberbefehlshaber Syrskyj den populären General als potenziellen Konkurrenten kaltstellen wollte.
Eine selbstverschuldete Krise des Präsidenten?
Beobachter verweisen insbesondere darauf, dass Präsident Selenskyj die Personalentscheidungen offenbar unter dem Druck der Straße getroffen hat.
Militärexperten bewerten den Machtwechsel gespalten. Oleksandr Chara vom ukrainischen Zentrum für Verteidigungsstrategien sieht in den Protesten ein wichtiges demokratisches Korrektiv in Zeiten, in denen keine Wahlen stattfinden können: "Der Präsident hat die Reaktion der Zivilgesellschaft und des Militärs gehört und Schlüsse gezogen. Die Gesellschaft hat die Geschehnisse wieder auf einen demokratischen Kurs gebracht."
Kritischer äußert sich Oleksij Melnyk vom Kyjiwer Rasumkow-Zentrum gegenüber der DW. Selenskyj habe zwar das Recht zu Personalentscheidungen; dennoch habe er völlig unnötig eine schwere innenpolitische Krise heraufbeschworen: "Das wird ihm ganz sicher nicht zum Vorteil gereichen. Es ist bedauerlich, dass der Präsident aus vorherigen Lektionen nichts gelernt hat - denn genau vor einem Jahr gab es eine ähnlich ausgelöste, hausgemachte Krise.“
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk