Nach dem CSD-Anschlag: Wie wird den Opfern geholfen?
12. August 2026
Abdul Ballout fährt am Abend des 25. Juli im Berliner Park Tiergarten in der Nähe des Brandenburger Tores mit einem weißen Lieferwagen in eine Menschenmenge, steigt aus und drischt mit einem großen Messer auf zufällige Opfer ein. Er tötet eine 65 Jahre alte Frau aus Polen, verletzt deren Tochter und weitere 30 Personen zum Teil schwer. Knochenbrüche, schwerste Schnittwunden werden in der nahen Charite-Klinik versorgt. Über Abdul Ballout, seine Verbindung zum Islamismus, seine Vorstrafen, seine Familie werden viele Details bekannt. Einen Tag nach der Tat wird er auf der Flucht bei einem Festnahmeversuch von Polizisten erschossen.
Wer seine Opfer sind, wie es diesen Menschen geht, die voraussichtlich noch Monate, wenn nicht Jahre an den Folgen der Terror-Tat leiden werden, ist nicht öffentlich bekannt. Nur die Nationalität und das Alter der getöteten Frau gibt der regierende Bürgermeister von Berlin bekannt. Ansonsten gilt in Deutschland ein strenger Datenschutz für die Opfer.
Die Opfer könnten sich jederzeit selbst an die Medien wenden, wenn sie ihre Geschichte öffentlich machen wollen, sagt der Beauftragte der Bundesregierung für Opfer von Terrorismus und extremistischen Gewalttaten, Roland Weber, im Gespräch mit der DW.
"Betroffene in den Vordergrund"
Betroffene würden sich ungerne in Deutschland melden oder in die Öffentlichkeit treten und sich als Opfer identifizieren, meint Julia Kühne. Sie muss es wissen, denn sie ist die Sprecherin des Vereins "Organisation für Opfer von Terrorismus" (VOT), der einem internationalen Verband der Terroropfer angehört. "Der Täter muss halt mehr aus den Medien raus, jetzt wo er gefasst ist und getötet, gehören natürlich die Betroffenen auch mehr in den Vordergrund", so Julia Kühne im Gespräch mit der DW.
Wie geht es den unmittelbaren Opfern heute? Der Bundesopferbeauftragte Roland Weber hat einige von Ihnen im Krankenhaus besucht: "Was ich dort gesehen habe, empfand ich als schlimm. Man kann nur das Beste hoffen. Aber dank der modernen Medizin - die Ärzte sind optimistisch - ist und bleibt die Hoffnung, dass alle soweit wieder gesunden. Das bleibt aber bei einigen abzuwarten. Man wird sehen. Einige der Verletzten sind aus den Krankenhäusern schon wieder entlassen. Sie befinden sich nun in ambulanter Behandlung. Manche werden Therapien antreten."
Hilfen für die Opfer
Wie wird den Opfern geholfen? Der Bundesopferbeauftragte und der "Weiße Ring" bieten proaktiv Vermittlung von Traumatherapien, finanzielle Soforthilfen und Beratung für die Langzeitversorgung und Opfer-Renten an.
Der Weiße Ring ist ein ehrenamtlicher Verein, der Zusammenarbeit mit der Polizei Kriminalitätsopfer in Deutschland berät. "Bei Terroranschlägen gilt eine Besonderheit. Hier können die Geschädigten auch Anträge auf Härteleistungen stellen", erklärt Roland Weber, der im Auftrag der Bundesregierung agiert. "Es handelt sich dabei um finanzielle Mittel, die der Bundestag zur Verfügung stellt. Das weiß ja kaum jemand. Und das ist Teil unseres Jobs. Darauf hinzuweisen, zu vermitteln, zu helfen, damit diese Anträge schnell gestellt werden."
Weber ist auch für die Hinterbliebenen der getöteten polnischen Frau und ihre Tochter zuständig, die bei dem Anschlag verletzt wurde. Die Nationalität der Opfer spiele keine Rolle. Er kümmere sich um Folgekosten und Entschädigungen, wenn die Tat auf deutschem Boden geschah.
Zahl der Traumatisierten noch nicht klar
Opfer des Anschlages sind nicht nur die die Menschen, die körperlich verletzt wurden, sondern können auch Menschen sein, die in einem Umkreis von mehreren hundert Metern Augenzeugen der Tat waren, sagt Julia Kühne von der Opfer-Organisation VOT.
"Es gibt Personen, die auch teilweise erst Jahre später noch Probleme bekommen, die plötzlich anfangen Schlafstörungen zu entwickeln. Die Albträume bekommen, plötzlich Panikattacken oder eine Sozialphobie. Das kann teilweise Jahre später auch erst auftreten, weil man bis dahin entweder unter Schock stand oder sich eben wieder im Alltag befunden hat und dadurch einfach das Erlebte ein Stück weit verdrängen konnte."
Auch sei es möglich, dass frühere Opfer anderer Attentate durch die Berichterstattung über den aktuellen Anschlag in Berlin erneut traumatisiert würden und erneut Hilfe bräuchten, berichtet Julia Kühne. Sie selbst überlebte den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016, bei dem 13 Personen getötet und mehr als 70 verletzt wurden.
"Umsetzungsproblem" bei der Hilfe
Der "Weiße Ring", der sich um Kriminalitätsopfer in Deutschland kümmert, erkennt an, dass es mittlerweile ausreichende Entschädigungs- und Rentenansprüche für Terroropfer gibt. Allerdings laufe nicht alles rund, meint Rolf Schmachtenberg, Landesvorsitzender des Weißen Rings in Berlin.
"Wir haben relativ lange Begutachtungsverfahren für die Fälle, wo Menschen eben dauerhaft geschädigt sind. Wir haben auch bei den Behörden nach wie vor Bruchstellen, dass die Kommunikation noch über Papier oder Fax läuft. Die warten dann auf Informationen anderer Behörden. Dadurch ziehen sich Antragsverfahren arg in die Länge. Wir haben die aus meiner Sicht vor allen Dingen ein Umsetzungsproblem."
In den letzten zehn Jahren gab es in Deutschland 14 Terroranschläge aus islamistischen oder politisch extremistischen Motiven mit zwei Dutzend Toten und über hundert Verletzten. Die Betreuung von Opfern durch den Beauftragten der Bundesregierung ist zeitlich nicht begrenzt. Roland Weber beschäftigt sich auch noch mit Opfern von Anschlägen aus den 1980er Jahren.
Opfer wünschen Klarheit
Zur Verarbeitung des Schreckens und des Leids gehöre für die meisten Opfer auch, dass sie wissen wollen, warum der Täter zugeschlagen hat und warum er ausgerechnet sie zu Opfern gemacht hat, erläutert der Bundesopferbeauftragte. In einigen Gerichtsverfahren haben Täter geschwiegen. Nach dem CSD-Anschlag in Berlin wurde der Täter getötet. Über seine Motive wird man nie endgültige Klarheit erlangen.
Gegen Tote wird in Deutschland nicht weiter ermittelt. Es wird nie von einem Gericht festgestellt werden, dass Abdul Ballout seine Opfer aus diesen oder jenen Gründen ausgesucht hat. "Und somit blieben Fragen offen. Der Wunsch nach Aufklärung ist grundsätzlich mehrheitlich da, aber kann nicht immer erfüllt werden", sagt Weber der DW.