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PolitikEuropa

Griechenland: Wer ist schuld am Tod der Migranten vor Chios?

Kaki Bali (aus Athen)
9. Februar 2026

Nachdem 15 Flüchtlinge in der Ägäis umgekommen sind, streiten in Griechenland Politik und Öffentlichkeit erneut über Verantwortung, Vertuschung und die Migrationspolitik des EU-Mitgliedsstaates.

Auf dem Foto sieht man mehrere Einsatzfahrzeuge mit eingeschaltetem Blaulicht, die nachts auf einer Straße stehen. Man erkennt zwei Krankenwagen im Vordergrund sowie einige Personen am Rand, die Umgebung ist dunkel
Rettungskräfte warten am 3.02.2026 darauf, die Leichen der Flüchtlinge zu überführen, die bei der Kollision ihres Schlauchbootes mit einem Schiff der griechischen Küstenwache umgekommen sind Bild: Konstantinos Anagnostou/REUTERS

Die Flüchtlingstragödie vor der Küste der Insel Chios am 3.02.2026 hat in Griechenland eine heftige Kontroverse ausgelöst. Nach der - eher kurzen - Erschütterung der griechischen Öffentlichkeit über den Tod von 15 Geflüchteten aus Afghanistan in der winterlichen Ägäis sind eine Menge unbequeme Fragen aufgetaucht.

Wie genau kamen diese Leute ums Leben? Warum kollidierte das Schiff der Küstenwache mit dem Schlepperboot? Hätten die Grenzschutz-Beamten die Tragödie verhindern können? Und damit: Wer ist verantwortlich für den Tod der Migrierenden?

Eigentlich wären all diese Fragen durch eine unabhängige Behörde zu beantworten - aber bisher wird die Rolle der Küstenwache von einem hochrangigen Beamten eben dieser Behörde untersucht. Das Vertrauen der griechischen Öffentlichkeit in solche Untersuchungen ist - insbesondere nach den tragischen Unglücken mit zahlreichen Todesopfern bei Farmakonisi (2014, 2015) und vor Pylos (2023) - sehr begrenzt.

Von 2015 bis 2025 sind 3148 Menschen in der Ägäis ums Leben gekommen - allesamt bei Vorfällen, die laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hätten verhindert werden können. Zudem war vor Chios, genau wie bei Pylos vor zwei Jahren, die Kamera, die sich auf dem Patrouillenboot der Küstenwache befindet und den Vorfall hätte aufzeichnen können, nicht eingeschaltet. Daher ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es zu einer vollständigen Aufklärung des Falles kommen wird.

Was geschah am 3. Februar?

Bis jetzt ist über die Umstände des Unglücks Folgendes bekannt: Am 3. Februar um 21 Uhr entdeckte ein Schnellboot der Küstenwache, das im Seegebiet zwischen Chios und den Inousses-Inseln auf Patrouille war, ein 8 Meter langes Schlauchboot mit etwa 40 Menschen an Bord. Wie die Küstenwache offiziell mitteilte, forderte der Kapitän des Patrouillenbootes mit Sirene und Megafon das Schlepperboot auf, anzuhalten. Stattdessen soll der Bootsführer beschleunigt und das Boot der Küstenwache gerammt haben.

Links vorne: Das Boot der griechischen Küstenwache im Hafen von Chios nach der Kollision, bei der 15 Menschen ums Leben gekommen sindBild: Pantelis Fykaris/Politischios.gr/dpa/picture alliance

Dadurch sei das Boot mit den Geflüchteten gekentert und die Insassen seien im Wasser gelandet. Insgesamt wurden 14 Menschen tot geborgen, eine Frau erlag ihren Verletzungen nach der Einlieferung ins Krankenhaus. Die ersten Autopsien ergaben, dass niemand ertrunken ist: Die Menschen starben an Verletzungen, die durch den Zusammenstoß verursacht worden waren.

Während der anschließenden Suchaktion wurden 24 Personen gerettet, darunter 11 Kinder. Sie wurden mit Knochenbrüchen und inneren Verletzungen infolge der Kollision ins Krankenhaus gebracht. Alle Geretteten sind Afghanen, mit Ausnahme eines Staatsangehörigen Marokkos. Letzterer wurde als Schleuser festgenommen. Er soll von zwei Insassen des gekenterten Bootes identifiziert worden sein.

"Grenzschutz funktioniert nicht ohne Tote"

Bislang kann niemand mit Sicherheit sagen, ob die Kollision der beiden Schiffe so stattfand, wie es die Küstenwache behauptet hat. Niemand weiß, ob das Schlauchboot der Migranten das robuste Schiff der Küstenwache gerammt hat - oder von diesem gerammt wurde. Dennoch beeilte sich Migrationsminister Thanos Plevris, die Aussagen der Küstenwache zu übernehmen und der Besatzung zu gratulieren: Sie habe ihre Arbeit gut gemacht.

Thanos Plevris ist Griechenlands MigrationsministerBild: Petros Giannakouris/AP Photo/picture alliance

"Das tragische Ereignis auf Chios zeigt, wie wichtig es ist, dass wir gegen die mörderischen Schlepper vorgehen", erklärte Plevris, zu Beginn der Debatte über das neue "Gesetz zur legalen Migration" im Parlament, am Tag nach dem Unglück (4.02.2026). Der Minister, der aus der rechtsextremen Partei LAOS stammt, prahlt immer wieder mit seiner harten Einwanderungspolitik. Schon 2011 sagt er, Grenzschutz könne "nicht ohne Tote" funktionieren. Und an seinem ersten Tag im Amt, im Juli 2025, kündigte er an, dass Griechenland, bald "das europäische Land mit den strengsten Vorschriften für illegale Einreise sein" werde.

Anweisungen zu Pushbacks?

Bedeutet das, dass die Küstenwache Anweisungen erhält, Pushbacks durchzuführen? Und dass die 15 Toten Afghanen vor der Küste Chios Opfer dieser Politik sind? Die Menschen, die am Donnerstag nach der Tragödie (5.02.2026) in Athen und Thessaloniki demonstrierten, waren davon überzeugt. Auf ihren Plakaten stand: "Keine weiteren Zäune, keine weiteren Pushbacks, keine weiteren Morde".

Proteste gegen die griechische Migrationspolitik gab es schon in den vergangenen Jahren, hier am 2.09.2025 in der Hauptstadt AthenBild: Aristidis Vafeiadakis/ZUMA/IMAGO

Im Parlament formulierten es Abgeordnete der Opposition vorsichtiger: Sie beschuldigten nicht direkt die Regierung, vermieden es, die Männer und Frauen der Küstenwache zu attackieren - aber forderten rasche Aufklärung: "Es handelt sich um einen tragischen Fall, der gründlich untersucht werden muss und diese Untersuchung darf sich weder auf die Mitteilung der Küstenwache noch - erst recht nicht - auf die Erklärung des Migrationsministers beschränken", erklärte der Fraktionsvorsitzende der sozialdemokratischen Partei PASOK, Dimitris Mantzios.

"Auf welcher Seite stehen Sie?"

Doch selbst diese moderate Bemerkung regte den Migrationsminister auf. "Sie mögen den Schleppern glauben, ich glaube der griechischen Küstenwache", antwortete Plevris Mantzios. Mehrere Abgeordnete der Regierungspartei stellten der Opposition von links die toxische Frage: "Auf welcher Seite stehen Sie? Auf der Seite der Küstenwache, die unsere Grenzen schützt, oder auf der Seite der Schlepper?"

Die rechtsgerichtete Tageszeitung Estia fragte sogar auf der ersten Seite: "Mit den Sklavenhändlern oder mit Griechenland?" Die Parteien der Linken, also PASOK, SYRIZA, Kommunistische Partei usw., sollten diese Frage bitte antworten. In den sozialen Medien ist die Stimmung viel schlechter, die Hemmschwelle viel geringer. Viele Nutzer jubelten über den Tod der "illegalen Einwanderer" und glorifizierten die Küstenwache.

Mitsotakis: Küstenwache ist kein Empfangskomitee

Premierminister Kyriakos Mitsotakis vermied zwar den rauen Ton seines Ministers. In einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Foreign Policy behauptete er jedoch, dass "ohne die Küstenwache die Zahl der Todesopfer noch höher gewesen" wäre.

Die Grenzschützer seien "kein Empfangskomitee", so Mitsotakis, ihr Ziel sei es vielmehr, die Grenzen Griechenlands zu schützen - sie müsse aber auch Menschen vor Gefahren bewahren. Die Migrationspolitik Griechenlands bezeichnete er als "hart, aber fair". Mitsotakis betonte, dass jede und jeder, die illegal in das Land einreise und keinen Anspruch auf Asyl habe, zurückkehren müsse.

Diese "harte aber faire" Politik entspricht offenbar der heutigen europäischen Haltung in der Flüchtlings- und Migrationsfrage. Brüssel stehe "in engem Kontakt mit den griechischen Behörden" und beobachte "die Entwicklungen genau", erklärte Markus Lammert, der Pressesprecher der EU-Kommission. Und: Jedes Leben, das auf See verloren gehe, sei "eine Tragödie in den Händen der Schlepper".

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