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Venezuelas-Ölindustrie: Hoffnung auf den Aufschwung

9. Februar 2026

Nach der Entführung von Nicolás Maduro öffnet die venezolanische Regierung den Ölsektor für ausländische Investitionen. Die Menschen hoffen auf einen Aufbruch: Doch ist der überhaupt möglich?

Venezuela Caracas 2026 | Ölpumpe in den Farben der venezolanischen Nationalflagge
Bild: Anatoly Zhdanov/Kommersant Photo/Sipa USA/picture alliance

Der Politiker Pablo Pérez ist überzeugt: "Das ist ein wichtiger Schritt." Die Aufbruchstimmung in seiner Heimatstadt Maracaibo sei bereits jetzt spürbar. "Lagerhallen werden freigeräumt, Maschinen reaktiviert, kleine und mittlere Unternehmen suchen Personal."

Erst vor anderthalb Wochen hat die venezolanische Regierung unter dem Druck aus Washington eine überraschende Kehrtwende vollzogen: Mit dem Ley de Hidrocarburos soll die Ölbranche wieder für ausländische Investoren geöffnet werden. Die Pläne kommen einer kleinen Revolution gleich. Seit 1999 regieren die Sozialisten in Venezuela und kontrollieren die Ölindustrie seither mit harter Hand. "Wir kommen jetzt mit 26 Jahren Verspätung im 21. Jahrhundert an", sagt Pérez, der in der Opposition im Nationalparlament sitzt.

Vom Öl‑Giganten zum wirtschaftlichen Zwerg

Pérez stammt aus Maracaibo, der Hauptstadt des Bundesstaats Zulia - der Wiege der venezolanischen Ölindustrie. Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten Geologen hier große Ölvorkommen. Das Land florierte und in den 1970er Jahren gehörte Venezuela zu den reichsten Ländern der Region. Fast vier Millionen Barrel Rohöl exportierte das Land damals täglich, rund acht Prozent des Weltmarkts. Aus dieser Zeit stammt der Satz: In Venezuela ist Benzin billiger als Wasser.

Einkaufszene in Maracaibo im Jahr 1955 - mit dem Öl kam der WohlstandBild: Jack Manning/Getty Images

In den 1990er Jahren zog die Ölindustrie erneut Investoren aus aller Welt an, und der staatliche Konzern PDVSA galt als Talentschmiede mit hochqualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren. Doch nach einem Konflikt im Staatskonzern im Jahr 2002 entließ die sozialistische Regierung unter Hugo Chávez Tausende Beschäftigte. Viele verließen PDVSA dauerhaft. Die Öl-Einnahmen flossen zunehmend in Sozialprogramme, während notwendige Investitionen in Infrastruktur und Technik ausblieben. Sanktionen der USA sowie der Weggang ausländischer Firmen verschärften die Krise weiter.

2008 setzte sich Pablo Pérez in Zulia gegen die Sozialisten durch und wurde zum Gouverneur gewählt. Nun musste er mit ansehen, wie die Fördermengen weiter langsam sanken. Heute produziert Venezuela deutlich weniger als eine Million Barrel täglich; viele Anlagen sind stark veraltet. "Wir sitzen auf den größten Ölreserven der Welt - und es tut weh zu sehen, dass uns die Politik in diese Lage gebracht hat", sagt Pérez der DW.

Neustart durch ein Öl-Gesetz?

Das neue Gesetz soll vor allem ausländische Unternehmen zurück ins Land holen, erklärt José Guerra, Wirtschaftsprofessor an der Universidad Central de Venezuela. Ohne sie gehe es nicht: "PDVSA ist finanziell am Ende und kann nicht mehr investieren", sagt er.

Pablo Pérez hofft auf einen Aufschwung - hier ein Bild aus dem Jahr 2011 als Gouverneur von ZuliaBild: Miguel Gutierrez/AFP/Getty Images

Private Firmen sollen künftig Ölkonzessionen erwerben und das geförderte Öl eigenständig vermarkten dürfen. Im Gegenzug zahlen sie Steuern und Gebühren - allerdings deutlich reduzierte. So ähnlich funktionierte das System bereits vor der sozialistischen Regierungszeit:

Der Staat vergab Lizenzen, private Konzerne wie ExxonMobil, Chevron, ConocoPhillips sowie europäische Unternehmen wie ENI oder Repsol übernahmen Förderung und Handel. Doch ab 2007 begann die Regierung mit massiven Enteignungen, was Investoren abschreckte. In der Folge verhängten die USA Sanktionen, die den Export in die USA - lange Zeit wichtigster Absatzmarkt - einschränkten. Venezuela orientierte sich zunehmend in Richtung China.

Rechtssicherheit als entscheidender Faktor

Die Verstaatlichungen belasten das Investitionsklima bis heute. Hinzu kommt: Venezuela verfügt vor allem über Schweröl, dessen Förderung teuer ist und sich nur bei hohen Ölpreisen lohnt. "Venezuela sitzt auf einem Produkt, das die Welt perspektivisch weniger braucht", sagt Energieexperte Andreas Goldthau im DW‑Podcast Wirtschaft im Gespräch mit Blick auf die sinkende Nachfrage nach Öl.

Warum Venezuelas Öl in Zukunft wertlos sein könnte

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Besonders abschreckend wirkt zudem die politische Unsicherheit. Das Regime in Caracas ist international nicht anerkannt.

Der venezolanische Starökonom Ricardo Hausmann von der Harvard Universität erklärte beim Weltwirtschaftsforum in Davos Mitte Januar, ein Gesetz einer politisch nicht anerkannten Regierung schaffe kein langfristiges Vertrauen. "Wer wird einen Vertrag mit einem Land unterschreiben, in dem Besitzrechte so unklar sind?" Er glaubt deshalb auch nicht, dass die Ölindustrie unter den aktuellen Machthabern erneut aufblühen kann.

Die USA versuchen, diesen Bedenken entgegenzuwirken. Nach der Festnahme von Nicolás Maduro Anfang Januar stärken sie der Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez den Rücken.

Im Gesetzestextwird zudem festgeschrieben, dass Streitigkeiten vor internationalen Schiedsgerichten ausgetragen werden können - eine zentrale Forderung der Unternehmen. Guerra ist deshalb optimistisch: Die venezolanische Ölproduktion könne in diesem Jahr bereits um 300.000 bis 400.000 Barrel pro Tag steigen.

Strommasten außerhalb von Maracaibo - zuverlässige Stromversorgung ist nicht immer garantiertBild: Maryorin Mendez/AFP/Getty Images

Kehren Exil‑Venezolaner zurück?

Der Datendienstleister Kpler hält kurzfristig eine Steigerung um rund 150.000 Barrel pro Tag für realistisch. Bis 2028 könnte die Produktion auf etwa 1,8 Millionen Barrel steigen - das wären 800.000 mehr als heute. Dass Venezuela damit russische Ölexporte nach China ersetzen könnte, halten Experten jedoch für unrealistisch. Zudem wären jährliche Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe notwendig.

Chevron bestätigte auf DW‑Anfrage, weiterhin in Venezuela aktiv zu bleiben. ENI und Repsol reagierten nicht. Doch der Ökonom José Guerra warnt auch: Für einen nachhaltigen Aufschwung brauche es mehr als das neue Gesetz. Die Stromversorgung sei unzuverlässig, die Umweltverschmutzung rund um Bohrlöcher und Ölfelder immens - und der Personalmangel gravierend. Rund acht Millionen Menschen haben das Land unter der sozialistischen Regierung verlassen - fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung.

Ricardo Hausmann betonte in Davos, Venezuela könne nur dann wieder aufblühen, wenn die Exil-Venezolaner zurückkehrten. "Jetzt ist aber nicht die Zeit nach Hause zu gehen", so Hausmann. Solange das Regime Oppositionelle unterdrücke und Rechte eingeschränkt seien, werde sich die Wirtschaft nicht erholen.

Stärkt die Öffnung die umstrittene Regierung?

So bleibt die Frage, ob die Öffnung des Ölsektors am Ende nicht die massiv umstrittene sozialistische Regierung indirekt stärkt. Die Tatsache, dass Caracas so kurz nach der Festnahme von Nicolás Maduro einen investorenfreundlichen Gesetzestext vorlegt, deutet auf enge Absprachen zwischen den USA und der Regierung von Delcy Rodríguez hin.

Oppositionspolitiker Pablo Pérez bleibt dennoch optimistisch. Er hofft , dass sich die Wirtschaft dank des Öls etwas erhole. Aber auch dann würden die Menschen  auf freie Wahlen drängen. "Die Leute sind es nach 27 Jahren leid." Venezuela befinde sich in einer Übergangsphase, sagt er. Als nächstes müssten freie und faire Wahlen folgen. "Das könnte das Vertrauen wirklich stärken - und Investoren ins Land holen."

 

Nicolas Martin Redakteur mit Blick auf Weltwirtschaft, Globalisierung und Organisierte Kriminalität.
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