Nach kalten, dunklen Tagen: Strom in Berlin läuft wieder an
7. Januar 2026
Still war es zu Jahresbeginn in weiten Teilen von Steglitz-Zehlendorf in Berlin, so still wie seit Corona-Zeiten nicht mehr. Mit einem Unterschied: Während der Pandemie brannten die Straßenlaternen noch, in den vergangenen Tagen war es nach Einbruch der Dunkelheit stockfinster.
310.000 Einwohner hat der Bezirk im Südwesten des deutschen Hauptstadt. Ein großbürgerlicher Stadtteil ist das, mit viel Grün, vielen kleinen Villen. Auch mit großen Villen, viele Prominente wohnen hier. Zum Großen Wannsee sind es nur ein paar Kilometer. Die Freie Universität Berlin ist hier beheimatet. Soziale Brennpunkte wie etwa in den Innenstadtbezirken Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln finden sich hier kaum. Es gibt viele schicke Restaurants.
Brandanschlag auf eine Kabelbrücke mit gravierenden Folgen
Seit dem vergangenen Samstagmorgen (03.01.2026) war für rund 100.000 Menschen in Steglitz-Zehlendorf die Welt eine andere. Ein Zeuge meldete der Polizei gegen 6:45 Uhr den Brand einer Kabelbrücke, die vom einem Heizkraftwerk über den Teltow-Kanal führt, der beiden großen Flüsse Havel und Spree miteinander verbindet. Das Feuer führte zu einem kompletten Stromausfall in drei Gebieten des schmucken Stadtteils. Den Brand löschte die Feuerwehr schnell, die Folgen waren aber dennoch gewaltig.
Verwirrung um die möglichen Täter: Linksextreme oder doch Russen?
Kein Strom mehr: Nicht in den Wohnungen, nicht in Krankenhäusern und Altenheimen. Nicht in den Supermärkten. Stillstand der viel frequentierten S-Bahn-Linie 1, die die Hauptstadt schnell mit Potsdam verbindet, der Landeshauptstadt von Brandenburg. Keine Handy-Netze mehr, kein Internet. Für 45.000 Haushalte, für rund 2200 Unternehmen. Es ist ein Anschlag, wie die Polizei schnell vermutet, verübt womöglich von Linksextremen der sogenannten "Vulkangruppe". Sie hatte sich schon in der Vergangenheit zu Attacken auf die Infrastruktur und auf Unternehmen wie die Tesla-Werke in Brandenburg bekannt.
Senat warnt vor Falschmeldungen
Aber in den sozialen Medien wird schon bald heftig darüber spekuliert, ob nicht Akteure aus Russland dahinter stecken könnten. Formulierungen aus dem Bekennerschreiben könnten direkt aus dem Russischen übersetzt worden sein, heißt es. Um die Verwirrung noch zu steigern, kursieren weitere Bekennerschreiben, in denen die Beteiligung ausländischer Kräfte als Falschmeldung bezeichnet wird. Der Senat, die Regierung des Stadtstaates Berlin, warnt davor, sich von Falschmeldungen verunsichern zu lassen. Am Dienstagabend übernimmt dann der Generalbundesanwalt die Ermittlungen.
Ein sichtlich erschütterter Regierender Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner von der CDU, sagt dazu: "Wir haben einen schweren, schweren Anschlag auf unsere kritische Infrastruktur erlebt. Auf unser Stromnetz. Zum wiederholten Male, muss man sagen. Darüber werden wir zu reden haben, wie wir das zukünftig noch besser schützen können."
Ein Befund, dem sich am Montag dann auch die Bundesregierung anschließt. So sagt die Sprecherin von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), Sonja Kock:. "Wir beobachten in der Tat vermehrt Angriffe gegen kritische Infrastrukturen. Und insbesondere Brandstiftungen gehören generell zum Repertoire der linksextremistischen Szene. Wir sehen auch, dass zuletzt die Qualität der Angriffe angestiegen ist und sich auch gegen Einrichtungen der Stromversorgung richtet."
Geschockte Bürger in den Notunterkünften
Wenn es das Ziel solcher Attacken sein sollte, die Gesellschaft zu verunsichern und das Vertrauen in die Politik zu zerstören, dann ist das leider nicht ganz erfolglos. Noch am Samstag richten die Behörden in einem städtischen Sportcenter mitten in Zehlendorf Notunterkünfte mit Feldbetten ein, versorgt mit Diesel-Stromgeneratoren. Ein Frau berichtet dort der Nachrichtenagentur Reuters, sie sei erstmal hierhergekommen, um ihr Handy aufzuladen. Dann sagt sie: "Ich muss sagen, dass mich das existenziell unheimlich mitnimmt. Jetzt merkt man erstmal - ich fang gleich an zu weinen - wie es den armen Ukrainern geht. Man merkt das am eigenen Leib. Wenn man alleinstehend ist, ist es schon schwer, damit fertig zu werden."
Am Tag darauf sagt eine weitere Frau, die Feldbetten im Hintergrund: "Gestern war es natürlich erstmals ein großer Schock, da es erst hieß, dass es bis abends wieder behoben ist. Und als man dann hörte, dass es bis Donnerstag dauern soll, war das eine ganz schön große Verunsicherung. Wir haben die Nacht einigermaßen überstanden, die Wohnung war noch relativ warm." Wie viele andere Betroffene bekam diese Frau, so berichtet sie, Angebote von Freunden aus dem Nachbar-Bundesland Brandenburg, zu ihnen zu kommen bis zum Donnerstag. Von anderen Betroffenen ist zu hören, dass sie ihre oft kalten und stromlosen Wohnungen nicht verlassen wollen, aus Angst vor Einbrüchen. Es klingt wie Berichte aus Kriegszeiten.
Der Bürgermeister und die alte Frau
Als der Regierende Bürgermeister die Notunterkunft besucht, spricht er auch mit einer alten Frau, die aus einem Pflegeheim hierher gebracht wurde. 97 Jahre ist sie alt. Auch ihr Sohn sitzt neben ihr, sichtlich empört. Er sagt: "Wie kann man eine Frau mit Pflegestufe 4, eine fast Hundertjährige, auf dem Feldbett schlafen lassen? Das finde ich unmöglich."
Die wütende Reaktion des Sohnes findet ihren Weg in viele Berliner Medien - und verstärkt das Gefühl zahlreicher Menschen, in Notlagen von der Politik in Stich gelassen zu werden. Am Dienstag immerhin verkündet Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD), dass das Land die Kosten für Übernachtungen in einigen Hotels übernehmen wird. Und sofort melden sich kritische Stimmen, die fragen, warum das nicht schon am Samstag beschlossen wurde.
Ein fatales Tennisspiel: Kritik an Bürgermeister Wegner
Als die Notlage dann fast schon überwunden schien, geriet Bürgermeister Wegner in die Schlagzeilen. Auf Fragen, wie aktiv er selbst denn am Samstag (03.01.2026) auf den Stromausfall reagiert habe, erklärte er, er habe sich zuhause eingeschlossen, den ganzen Tag telefoniert, unter anderem mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).
Dann stellte sich heraus, dass der konservative Politiker just an diesem Samstag eine Stunde lang Tennis spielen war. Um "den Kopf frei zu bekommen", wie er etwas kleinlaut hinzufügte. Erste Rücktrittsforderungen erreichten den Bürgermeister dann am Mittwoch. Am frühen Donnerstag stellte sich die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, dem Parlament der deutschen Hauptstadt, dann hinter den angeschlagenen Politiker.
Am Mittwochmorgen dann, immerhin früher als erwartet, kommt die Mitteilung, dass das gesamte Stromnetz langsam wieder hochgefahren wird. Die Bauarbeiten am Kraftwerk und an der Kabelbrücke über dem Kanal waren seit dem Samstag rund um die Uhr mit vollem Einsatz durchgeführt worden. Berlins Stadtregierung mit Kai Wegner an der Spitze verspricht erneut, in Zukunft mehr für den Schutz der Infrastruktur zu tun.
Freiwillige haben das Schlimmste verhindert
Klar ist: Das Heizkraftwerk am Teltow-Kanal verfügt nicht, wie es heute eigentlich Stand der Dinge ist, über alternative Leitungen, so dass der Brand an der Kabelbrücke gleich gravierende Folgen hatte. Was sicher auch die Täter wussten.
Festzuhalten gilt bei allen Debatten über den nötigen, besseren Schutz der Infrastruktur: Polizei, Rettungsdienste und freiwillige Helfer haben Schlimmeres verhindert, die meisten Betroffenen wurden im Familien- und Freundeskreis versorgt. Dramatisch war, dass rund 60 Pflegeheime evakuiert werden mussten. Weniger aufmerksam wurde registriert, dass die meisten von ihnen am Dienstag schon wieder in Betrieb genommen wurden. Die Behörden sprechen vom folgenschwersten Stromausfall in Berlin seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.