Nach Mercosur‑Blockade: EU sucht nach neuen Handelspartnern
26. Januar 2026
Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen war zum EU‑Indien‑Gipfel am 27. Januar nach Neu-Delhi gereist, um die Handelsbeziehungen zu intensivieren. Gleich am Dienstag gaben EU und Indien bekannt, sich auf ein umfassendes Handelsabkommen geeinigt zu haben. Dabei geht es um einen Gesamtmarkt von zwei Milliarden Menschen, auf dem ein Viertel globalen Wirtschaftsleistung erbracht wird. Die Verhandlungen laufen schon seit Jahren. Sie wurden 2007 begonnen, 2013 ausgesetzt und 2022 wieder aufgenommen.
Die EU hat in den vergangenen zwölf Monaten ein großes Interesse an neue Handelsabkommen gezeigt, weil sich die Beziehungen zu den USA zunehmend schwierig gestalten. Immer wieder droht Donald Trump mit neuen Zöllen. Auch wenn sie bisher im Endeffekt meist nicht so hoch ausfielen, wie zuerst befürchtet - wenn Unternehmen ihre Produkte in die USA exportieren wollen, ist das inzwischen meist teurer.
Suche nach neuen Handelspartnern
So schön die jüngsten Nachrichten aus Indien klingen, in festen Tüchern ist das neue Handelsabkommen noch nicht. Erst muss der Vertragstext rechtlich geprüft werden, dann müssen noch die Mitgliedsstaaten und das Europäische Parlament ihre Zustimmung geben. Eine Selbstverständlichkeit ist das nicht, wie jüngst das Europäische Parlament bewies, als es um den Freihandelsvertrag mit Mercosur ging.
Dabei hatten sich die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten über 25 Jahre hingezogen bis sich beide Parteien schließlich geeinigt hatten. Am 17. Januar war Kommissionspräsidentin von der Leyen nach Asunción in Paraguay gereist, wo sie das Handelsabkommenunterzeichnete. So sollte ein Markt zwischen den 27‑EU-Mitgliedstaaten sowie Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay geschaffen werden, der rund 700 Millionen Menschen umfasst und zu den größten Freihandelszonen der Welt zählt.
"Wir senden eine sehr klare Botschaft an die Welt, dass die Mercosur- und die EU-Staaten für niedrige Zölle, reibungslosen Handel sowie für bessere Qualität und bessere Preise für unsere Verbraucher stehen", sagte EU-Handelskommissar Maros Sefcovic nach der Unterzeichnung gegenüber der DW.
Vier Tage später kam der Schock, als das Europäische Parlament das Abkommen vorerst stoppte. Bevor es in Kraft treten kann, muss nun der Europäische Gerichtshof den Vertrag erst einmal überprüfen.
Zwar könnten trotzdem Teile des Vertrags vorläufig in Kraft treten, die Signale an potenzielle Partner der EU sind aber verheerend. Befürchtet wird auch, dass die südamerikanischen Länder nun aus dem Projekt aussteigen könnten.
EU ist für viele eine interessanter Partnerin
Auch wenn die Verfahren, um Abkommen mit der EU zu vereinbaren, kompliziert sind und selbst unter guten Bedingungen Jahre dauern können, ist die Position der EU prinzipiell gut. Sie ist zum einen der zweitgrößte Importmarkt der Welt. Zum anderen nehmen viele Länder die EU derzeit als "wesentlich beständiger und verlässlicher" wahr als die USA, sagt Peter Chase, Senior Fellow beim in Brüssel ansässigen German Marshall Fund of the United States.
"Die EU ist ein guter Verhandlungspartner, da sie die Verpflichtungen, die sie in ihren Handelsabkommen eingeht, ernst nimmt", sagt Chase gegenüber der DW. "Und sie möchte definitiv neue Handelsbeziehungen mit vielen Ländern aufbauen."
Problematisch sei allerdings, dass Freihandelsabkommen mit der EU über Jahre verhandelt werden und Ratifizierungsverfahren kompliziert sind. Zudem können schon die Interessen kleiner politischer Gruppierungen zu großen Hindernissen werden, so Chase, der auf die Wirtschaftsbeziehungen der EU mit Drittstaaten spezialisiert ist. Das habe die Blockade des EU‑Mercosur‑Abkommens gezeigt.
Die EU hat in vielen Regionen ihre Fühler ausgestreckt
Die EU hat bereits mit mehr als 76 Ländern Handelsabkommen geschlossen. Und sie ist interessiert daran, dem sogenannten Comprehensive and Progressive Agreement for Trans‑Pacific Partnership beizutreten - einem Freihandelsblock von zwölf asiatisch‑pazifischen Staaten, zu dem bislang aus Europa nur das Vereinigte Königreich gehört.
Im vergangenen Jahr konnte sich die EU mit Mexiko auf eine modernisierte Fassung ihres bereits bestehenden Handelsabkommens einigen. Außerdem wurde mit Indonesien im vergangenen Jahr ein Wirtschaftspartnerschafts- und Investitionsschutzabkommen abgeschlossen.
Weitere Abkommen werden mit Malaysia, den Philippinen und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) verhandelt.
In diesem Jahr wird das Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich erstmals seit seinem Inkrafttreten 2021 vollständig überprüft. Eigentlich soll dabei nur geschaut werden, wie gut das Abkommen umgesetzt wurde. Trotzdem hoffen manche, dass die Überprüfung helfen könnte, das angespannte Verhältnis zu verbessern und den Weg für eine engere Zusammenarbeit zu öffnen.
Eine Welthandelsordnung ist wichtiger denn je
Für Peter Chase ist im Moment etwas anderes wichtiger als ein neues Handelsabkommen der EU: die Welthandelsorganisation (WTO). Zwar sei der Abbau von Handelshemmnissen grundsätzlich positiv, doch derzeit brauche die Welt vor allem eine funktionierende internationale Rechtsordnung im Handel.
Er sagt, nur die EU könne eine Allianz von Staaten anführen, die nötig sei, um sowohl den Vertragsbrüchen der USA entgegenzutreten als auch China dazu zu bewegen, die Verpflichten einzuhalten, zu denen sich die Volksrepublik bei ihrem WTO‑Beitritt bereit erklärt hatte.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert und am 27.01.26 aktualisiert.