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KonflikteMexiko

Nach Tod von "El Mencho": Bald neuer Drogenkrieg in Mexiko?

23. Februar 2026

Mit der Tötung von "El Mencho" hat die mexikanische Regierung den jahrelangen Burgfrieden mit den Drogenkartellen offenbar aufgekündigt. Wer war der Drogenboss und was ist das CJNG, das Cártel Jalisco Nueva Generación?

Mexiko Cointzio 2026 | Soldat hält nahe einem verkohlten Fahrzeug Wache, dass nach Tod des Kartellführers El Mencho angezündet wurde
In vielen Bundesstaaten rückte die Nationalgarde aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringenBild: Armando Solis/AP Photo/picture alliance

Jahrelang hatte die linkspopulistische Regierung in Mexiko eher eine Annäherung an die Drogenkartelle propagiert. Nun ist mit "El Mencho" einer der mächtigsten Drogenbosse des Landes nach einem Feuergefecht mit Sicherheitskräften gestorben. Mutmaßliche Mitglieder des Kartells haben daraufhin Angst und Schrecken in weiten Teilen des Landes verbreitet. Dutzende Menschen starben. Zur genauen Zahl von Toten und Verletzten gibt es unterschiedliche Angaben.

Während US-Vize-Außenminister Christopher Landau den Einsatz als "großartige Entwicklung für Mexiko, die USA, Lateinamerika und die ganze Welt" feierte, wachsen - wenige Monate vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada, den USA und Mexiko - die Sorgen vor einem neuen Drogenkrieg im Land.

Wer war der Drogenboss "El Mencho"?

Als Kopf des Cártel Jalisco Nueva Generación, kurz CJNG, war Nemesio Oseguera Cervantes, alias "El Mencho", einer der mächtigsten Figuren des internationalen Drogenhandels. Laut der Rechercheplattform Insight Crime war der ehemalige Polizist Oseguera in den 1990er Jahren schon einmal in den USA wegen Drogendelikten in Haft. Sein Aufstieg zum Kartellchef begann jedoch erst ein Jahrzehnt später.

"El Mencho" ist tot: Ausnahmezustand in Guadalajara

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Im Vergleich zu anderen Drogenbossen wie Joaquín "El Chapo" Guzmán und dessen Söhnen, lebte Oseguera eher diskret. Dennoch waren in den vergangenen Jahren eine Reihe Familienmitglieder wegen Drogendelikten oder verwandten Straftaten wie Geldwäsche verhaftet und verurteilt worden - in Mexiko und den USA. 

Mehrfach gingen Gerüchte um, Oseguero sei bereits tot. Doch die Behörden ermittelten weiter. Zuletzt hatte das US-Außenministerium ein Kopfgeld von bis zu 15 Millionen US-Dollar auf seine Ergreifung ausgesetzt.

Welche Rolle spielt das CJNG in Mexiko?

Das CJNG etablierte Oseguera um 2010 im westlichen Bundesstaat Jalisco. In den Folgejahren weitete er seinen Einflussbereich in gewaltsamen Kämpfen gegen andere Kartelle auf benachbarte Bundesstaaten aus. Mittlerweile ist das teilweise militärisch bewaffnete CJNG in nahezu allen Landesteilen aktiv und zählt zu den mächtigsten kriminellen Banden der westlichen Hemisphäre.

2025 stuften die USA das CJNG zusammen mit sieben weiteren lateinamerikanischen Gangs als Terrororganisation ein.

März 2025: Mahnwache in Mexiko-Stadt für Hunderte Menschen, deren sterbliche Überreste auf der Izaguirre-Ranch nahe Guadalajara gefunden wurden, einem mutmaßlichen Vernichtungslager des Cártel Jalisco Nueva Generación - Mehr als 130.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisstBild: Eduardo Verdugo/AP/dpa/picture alliance

Der kriminellen Organisation werden unter anderem Menschenhandel, Öldiebstahl und Erpressung vorgeworfen. Als Haupteinnahmequellen gilt aber der Schmuggel von Drogen wie Kokain, Methamphetamin und Fentanyl in die USA - sowie alle Straftaten, die dafür nötig sind: Nötigung, Entführungen, Folter, Mord... 

Unter Mexikos Drogenkartellen gilt das CJNG als besonders brutal. Das Uppsala Conflict Data Program der schwedischen Universität Uppsala macht das Kartell für mehr als 75.000 Tote verantwortlich - mehr als das Sinaloa Kartell, das bereits seit den 1980er Jahren existiert.

Wurde "El Mencho" gezielt ermordet?

Nach offiziellen Erklärungen sollten Spezialkräfte der Nationalgarde Oseguera auf einer Ranch festnehmen. Dabei kam es zu einem Schusswechsel, bei dem vier Kartellmitglieder getötet und mehrere weitere verletzt wurden. "El Mencho" war demnach unter den Verletzten. Er erlag seinen Verletzungen auf dem Weg in ein Krankenhaus. 

Nach Informationen aus Mexiko und Washington unterstützten US-Behörden die Aktion mit Geheimdienstinformationen.

Was bedeutet der "El Menchos" Tod für die Sicherheit in Mexiko?

Noch am Sonntag verübten Mitglieder des CJNG in 20 der 31 Bundesstaaten Mexikos eine Reihe von Gewaltakten: Sie errichteten Straßenbarrikaden aus brennenden Autos, warfen Brandsätze in Geschäfte und griffen Stützpunkte der Nationalgarde an. 

Rauchschwaden nach Gewaltausbruch im Zuge der Tötung von "El Mencho"Bild: REUTERS

Die Behörden des Bundesstaates Jalisco riefen die höchste Alarmstufe aus und riefen Einheimische wie Touristen auf, ihre Wohnungen und Unterkünfte nach Möglichkeit nicht zu verlassen. Am Flughafen des Touristenortes Puerto Vallarta wurden alle internationalen Flüge gestrichen. 

Die Erfahrung zeigt, dass sich Drogenkartelle nicht auflösen, wenn sie ihren Chef verlieren. Zwei Szenarien gelten daher als wahrscheinlich: Entweder brechen interne Kämpfe um die Nachfolge aus und/oder rivalisierende Organisationen versuchen, ihre Einflusssphäre unter Kontrolle zu bringen. Beides hat in der Vergangenheit temporäre Gewaltspiralen ausgelöst.

Eine Gewalteskalation knapp vier Monate vor dem ersten WM-Spiel könnte für Mexiko zum Problem werden. Möglicherweise müssen die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Stadien erhöht werden. Unentschlossene Fans könnten sich nun gegen eine Reise in das Land entscheiden. Schließlich galt Mexiko schon vor diesem Sonntag als das unsicherste der drei Gastgeberländer.

Sind Aktionen wie vom CJNG neu?

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Drogenkartell nach einem Coup der Behörden seine Macht demonstriert. 2019 pressten Mitglieder des Sinaloa-Kartells sogar ihren verhafteten Anführer Ovidio Guzmán, den Sohn von "El Chapo", frei, indem sie Culiacán, die Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, terrorisierten und Geiseln nahmen. 2023 wurde "El Chapito" dann doch gefasst und an die USA ausgeliefert.

2023 wurde Ovidio "El Chapito" Guzmán López, Chef im Sinaloa-Kartell, endgültig festgenommen - auch damals brannten Autos, aber hauptsächlich hier, in CuliacánBild: Martin Urista/AP Photo/picture alliance

Eine geografische Ausdehnung wie am Sonntag ist jedoch selten. Auch gezielte Aktionen sind in Touristen-Hotspots wie Puerto Vallarta und Acapulco eher ungewöhnlich, wenngleich sich auch dort Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden inzwischen häufen.

Warum erfolgte der Schlag gegen CJNG gerade jetzt?

Das entschlossene Vorgehen gegen "El Mencho" steht in starkem Kontrast zu der Drogenpolitik, die die mexikanische Regierung während der Präsidentschaft von Andrés Manuel López Obrador (genannt AMLO, 2018 bis 2024) betrieben hatte. Das inoffizielle Appeasement gegenüber den Drogenkartellen unter dem Motto "Umarmungen, statt Schüsse" (Spanisch: Abrazos, no balazos) konnte die seit 2010 rasant gestiegene Mordraten nicht senken. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) registrierte in Mexiko zwischen 2017 und 2023 mehr als 30.000 Tötungsdelikte pro Jahr.

Seine Nachfolgerin und Parteifreundin Claudia Sheinbaum hatte zwar noch vor wenigen Monaten einen "Krieg gegen die Drogendealer" als gesetzeswidrig ausgeschlossen. Dennoch gehe die Armee seit ihrer Amtsübernahme Ende 2024 "viel konfrontativer und kämpferischer gegen kriminelle Gruppen in Mexiko vor", sagte David Mora, Mexiko-Analyst bei der International Crisis Group, der Nachrichtenagentur AP. In dem Schlag gegen "El Mencho" sieht er gleichwohl einen Wendepunkt.

Dass Mexiko das Risiko einer Gewaltspirale zu diesem Zeitpunkt eingeht, erklären Experten mit wachsendem Druck aus den USA. US-Präsident Donald Trump hatte dem südlichen Nachbarn unter anderem damit gedroht, mit US-Militär gegen die Kartelle in Mexiko vorzugehen, wenn das Land nicht selbst mehr gegen den Drogenschmuggel in die USA unternehmen würde.

Jan D. Walter Jan ist Redakteur und Reporter der deutschen Redaktion für internationale Politik und Gesellschaft.
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