Ruth Weiss: Im Dienst der Menschlichkeit
15. September 2025
"Ruth Weiss hat zeit ihres Lebens aus dem unermesslichen Leid des Holocaust und ihren Erfahrungen unter der Apartheid in Südafrika einen immerwährenden Bildungsauftrag an uns alle formuliert: Teilt die Welt nicht ein in 'Wir und Du', sondern tretet ein für das 'Wir der Menschheit'." So formuliert es der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Im Alter von 101 Jahren war die jüdische Journalistin, Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin am 5. September in Dänemark im Kreise ihrer Familie verstorben. Ihr Lebenswerk sei Ansporn, die Botschaft von Toleranz und Menschlichkeit weiterzutragen, sagt Anni Kropf von der Ruth-Weiss-Gesellschaft, einem nach ihr benannten Verein von Freunden und Gleichgesinnten, im DW-Gespräch. "Wir kennen sie unterschiedlich lange, aber jeden hat sie sofort bei der ersten Begegnung mit ihrer zugewandten Art in ihren Bann gezogen. Ihr lückenloses Gedächtnis und ihre punktgenauen Analysen versetzten uns immer wieder in Staunen. Ihr feiner Humor überraschte so manchen."
Bis zum Schluss war Ruth Weiss eine gefragte Zeitzeugin und gab ihre Erfahrungen weiter – und ihr Leben war reich an Erfahrungen.
Ruth Weiss wird am 26. Juli 1924 als Ruth Löwenthal als Kind jüdischer Eltern im fränkischen Fürth geboren. Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung würdigte sie als "eine der bedeutendsten Frauen und Persönlichkeiten der Fürther Geschichte."
Ihre Familie lebt in Nürnberg, als die Nationalsozialisten die Herrschaft übernehmen. Schnell spüren sie den Hass gegen alles Jüdische, ihr Vater verliert seine Arbeit und emigriert 1933 zu Verwandten nach Südafrika. 1936 folgt die Mutter mit den beiden Töchtern nach.
Flucht ins südafrikanische Exil
Die damals Zwölfjährige merkt schnell, dass sie auch hier, in einem weißen Arbeiterwohngebiet in Johannesburg, nicht willkommen ist. Von Beginn an ist sie mit dem Antisemitismus weißer südafrikanischer Faschisten und dem brutalen Rassismus gegen Schwarze konfrontiert. In dem von Weißen dominierten Land "hatten wir die richtige Hautfarbe", erzählte Ruth Weiss 2024 der DW, "aber die falsche Religion". Ihre Erfahrungen aus dem Leben in zwei Diktaturen bestimmen fortan ihren Einsatz für Menschenrechte.
Nach ihrem High-School-Abschluss arbeitet Weiss zunächst als Angestellte in einer Rechtsanwaltskanzlei. Für die junge Jüdin ist die Apartheid inakzeptabel. Sie beginnt, sich mit Gleichgesinnten in einem Kulturverein zu treffen. Hier lernt sie auch Hans Weiss, ihren späteren Ehemann, kennen, der als Journalist arbeitet. Unter seinem Namen beginnt sie, für europäische Medien über die Gräueltaten der Apartheid zu schreiben.
Den kritischen Blick bewahren
Man könne nicht journalistisch arbeiten, wenn man keine Vorstellung davon habe, wie die Welt sein soll, so Ruth Weiss. Ihr Ratschlag: immer den kritischen Blick bewahren. "Wir hoffen, dass sich Medienschaffende weltweit den journalistischen Mut und die Integrität von Ruth Weiss zum Vorbild nehmen" sagt Katharina Weiß von der NGO Reporter ohne Grenzen (RSF) gegenüber der DW. "Als Zeitzeugin schaffte sie Aufmerksamkeit für Rassismus, Apartheid und Antisemitismus und hinterlässt ein sehr reiches journalistisches Erbe, das stets Gerechtigkeit und Menschenrechte im Zentrum trug."
"Mit Ruth Weiss verlieren wir nicht nur eine aufrichtige Freundin Afrikas, sondern auch eine moralische Instanz, die uns stets daran erinnert hat, Verantwortung zu übernehmen und aus der Geschichte zu lernen", erklärt Dr. Uschi Eid, Präsidentin der Deutschen Afrika Stiftung.
Als ihre Ehe scheitert, beginnt in den 1960er Jahren ihre eigentliche journalistische Karriere. Weiss emanzipiert sich als renommierte Finanzjournalistin, aber auch als politische Reporterin, die den Unabhängigkeitsbewegungen in Sambia und dem heutigen Simbabwe sowie den Anti-Apartheid-Bestrebungen in Südafrika viel Sympathie entgegenbringt.
Weiss nutzt ihre Position als anerkannte Journalistin, um gegen das Unrecht der Apartheidpolitik in Südafrika zu protestieren. Sie knüpft Kontakt zu zahlreichen Persönlichkeiten der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, darunter Robert Mugabe, der spätere Diktator Simbabwes, Sambias Ex-Präsident Kenneth Kaunda und Südafrikas Befreiungsheld Nelson Mandela, den sie vor seiner Verhaftung 1963 interviewt.
Selbstlose "Kennerin Afrikas"
Seit 2020 war Ruth Weiss Ehrenpräsidentin des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Sie sei eine "intime Kennerin Afrikas" gewesen, eine "Quelle des Wissens für andere Journalisten und Aktivisten", sagt PEN-Generalsekretärin Helga Druxes im DW-Gespräch. "Sie war eine Weltbürgerin von großer Strahlkraft. Kennzeichnend für sie waren ihre Neugier auf Menschen, ihre Aufrichtigkeit, ihr Humor, nicht zuletzt ihre Bescheidenheit."
Selbstlos und hilfsbereit sei sie gewesen, bestätigt Deborah Vietor-Engländer, ebenfalls PEN-Mitglied und Präsidentin der Alfred-Kerr-Stiftung, der DW. In Erinnerung bleiben werde ihr "Ruth als Kämpferin, die nicht nur ihre eigenen Probleme gelöst hat, sondern auch versucht hat, auf der Seite der Schwarzen in Südafrika zu kämpfen." Die meisten Juden in Südafrika hätten Angst gehabt und sich zurückgehalten - Ruth Weiss nicht.
1966 verlässt Ruth Weiss den Kontinent und geht nach London, schreibt dort unter anderem für den Guardian. Von 1975 bis 1978 arbeitet sie in der Afrika-Redaktion der DW in Köln. 1980 zieht sie nach Harare und begleitet dort die Unabhängigkeit in Simbabwe. "Viele Europäer denken immer noch, dass sie in kolonialen Verhältnissen leben und die afrikanischen Länder nur die Lieferanten des Reichtums sind", sagte Ruth Weiss der DW. "Das muss sich ändern."
2005 wird sie als eine von "1000 Peacewomen Across the Globe" für den Friedensnobelpreis nominiert. In Aschaffenburg ist seit 2010 eine Realschule nach ihr benannt, das jüdische Museum Kapstadt ehrte sie 2014 mit einer Ausstellung. "Meine Schwester Sara", ihr Buch über die Apartheid für Jugendliche, gehört in vielen Schulen zur Pflichtlektüre. 2014 erhält sie das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, 2023 den südafrikanischen Nationalorden, 2024 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.
"Erinnern heißt Handeln" – auch im Nahen Osten
Zuletzt lebte Weiss bei der Familie ihres Sohnes in Dänemark. Auch im hohen Alter schrieb sie noch Sachbücher und Romane. Gerade erst, im August 2025, erschien ihr letztes Werk "Erinnern heißt Handeln". Unmissverständlich äußert sie sich darin auch zur Eskalation im Nahen Osten: "Beide Völker, das jüdische wie das arabisch-palästinensische, haben das Recht, in Palästina zu leben!" Und weiter: "Der Hass, der durch jedes weitere Todesopfer immer weiter wächst, wird die Tragödie für beide Völker nur noch weiter verlängern." Hoffnungslos war Ruth Weiss indes nie: Sie glaube daran, dass der Konflikt irgendwann gelöst wird, schreibt sie.
Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, wird sie leider nicht mehr miterleben.
Im Jahr 2023 sagte Ruth Weiss anlässlich des Holocaust-Gedenktags im Landtag von Nordrhein-Westfalen: "Ich lernte, dass Rassismus, Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit keine Grenzen kennen, dass dies ein Unrecht ist, das überall zu bekämpfen ist." Kulturstaatsminister Wolfram Weimer appellierte nach ihrem Tod: "Möge ihr internationales Vermächtnis auch von künftigen Generationen weitergetragen werden - in dem Bewusstsein, dass jedes Zeugenwort eine Brücke zur Menschlichkeit ist."
Mitarbeit: Josephine Mahachi
Hinweis: Dieser Nachruf basiert teilweise auf einem Porträt vom 25.07.2024.