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Politik

Von der heimlichen zur richtigen Chefin

Friedel Taube | Stephanie Höppner
21. April 2018

Andrea Nahles könnte als erste Frau an der SPD-Spitze bald Geschichte schreiben. Sie soll die Partei neu aufstellen - und könnte sie womöglich weiter nach links führen. Ein Porträt kurz vor der Wahl.

Deutschland Koalitionsvertrag in Berlin | SPD Schulz & Nahles
Bild: Reuters/H. Hanschke

"Bätschi", kann man da wohl nur sagen. Wenn Andrea Nahles an diesem Sonntag auf einem Sonderparteitag zur SPD-Vorsitzenden gewählt werden sollte, hätte sie es allen gezeigt. Und das beileibe nicht nur, weil sie nach 153 Jahren die erste Frau auf diesem Posten werden könnte. Neben ihr kandidiert auch die Flensburger Oberbürgermeisterin, Simone Lange. Nahles gilt jedoch als klare Favoritin. "Bätschi, die SPD wird gebraucht", das waren ihre Worte im Herbst nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen zwischen Union, Grünen und FDP. Die Worte läuteten turbulente Zeiten für die deutsche Politik und insbesondere für die SPD ein. Und dass am Ende dieser ereignisreichen Zeit  Andrea Nahles sehr wahrscheinlich an die SPD-Spitze kommt, ist alles andere als Zufall.

Die heimliche Chefin wurde sie spätestens am 21. Januar auf dem Parteitag in Bonn. Dort hielt sie die bisher meistbeachtete Rede ihrer politischen Karriere. Beobachter waren sich einig: Während der eigentliche damalige Vorsitzende Martin Schulz am Pult enttäuschte, war es Nahles, die die Mitglieder mitriss und auf "GroKo"-Kurs brachte. Mit markigen Worten, wie sie typisch für die Rheinland-Pfälzerin sind. Verhandeln wolle sie, "bis es quietscht", denn wenn man die "GroKo", die große Koalition mit der Union, nicht hinbekäme, würden die Bürger der SPD "den Vogel zeigen". Sie zeigte klare Kante gegen den SPD-Nachwuchs, der mit Kevin Kühnert an der Spitze ein "Nein" zu Koalitionsverhandlungen durchsetzen wollte. Typisch für Nahles: Immer wieder appelliert sie an die Sozialdemokraten, selbstbewusst aufzutreten - denn nur dann könnten sie ihre Inhalte gut verkaufen.

Sozialdemokratin durch und durch

1970 wird Andrea Nahles in der Eifel geboren, ein Arbeiterkind. Der Vater ist Maurer, muss tagtäglich "auf den Bau", wie sie später berichtet, "hatte Schulter, Knie, Rücken kaputt". Allein ihre Herkunft verleiht ihr Glaubwürdigkeit. Aus ihren Wurzeln erklärt sich wohl auch ihr Profil. Nahles zählt seit jeher zur Partei-Linken. Und sie gilt als Macherin: Da es in ihrem Heimatort Weiler keinen SPD-Ortsverein gibt, gründet sie im Alter von 18 Jahren kurzerhand einen. Der Parteibasis steht sie bis heute nah. 1995 wird Nahles Chefin der Jusos, steht thematisch dem später zur "Linken" abgewanderten SPD-Politiker Oskar Lafontaine deutlich näher als Gerhard Schröder, der 1998 Kanzler wird. Dessen Agenda 2010 kritisiert die Nachwuchspolitikerin regelmäßig. Ihrer Parteikarriere tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Sie wird Vorstandsmitglied der Fraktion und 2009 Generalsekretärin. Immer streitbar, nie die Konfrontation scheuend.

Andrea Nahles auf dem SPD-Parteitag im Januar in BonnBild: Reuters/W. Rattay

Als sie 2013 Ministerin für Arbeit und Soziales in der großen Koalition wird, gelingt es ihr, ihr linkes Profil zu schärfen. Mindestlohn, Rente mit 63 - für Beobachter durchaus bemerkenswert, welche sozialdemokratischen Herzensangelegenheiten sie der Union abtrotzt. Dafür erhält sie Respekt, auch außerhalb der eigenen Partei. Schon bald genießt sie bei Unions-Kollegen den Ruf, zuverlässig zu sein. Innerhalb der SPD beweist Nahles, dass sie nicht nur "Allrounderin" ist, sondern auch in einem Fachressort glänzen kann.

Diplomatische Ausfälle

Dass auch diplomatische Ausfälle zur Profilschärfung beitragen können, zeigt Andrea Nahles unter anderem im September 2017. Als kurz nach der Bundestagswahl alle in der SPD davon ausgehen, demnächst als größte Oppositionspartei im Bundestag einer Jamaika-Koalition gegenüberzustehen, wird Nahles zur Fraktionschefin gewählt. Und was antwortet die auf die Frage, was sie nach ihrer - vermeintlich - letzten Kabinettssitzung mit den Unionskollegen empfindet? "Ein bisschen wehmütig - aber ab morgen kriegen sie auf die Fresse", sagte Nahles. Dass die SPD sich jetzt doch seit Mitte März in einer großen Koalition mit der Union wiederfindet, entbehrt für viele auch angesichts dieses Zitats nicht einer gewissen Ironie.

Trotz aller erworbenen Kompetenz gilt Nahles bei der Bevölkerung nicht als übermäßig beliebt. Nicht jedem gefällt ihr Auftreten. Ihre Intonation des Pippi-Langstrumpf-Liedes im Bundestag 2013 dürfte heute noch bei vielen Bürgern Ohrenschmerzen hervorrufen - oder eben Bewunderung, weil sie unangepasst ist und sich nicht scheut anzuecken. Das Image der Nervensäge hängt ihr an - was für eine Partei- und Fraktionschefin allerdings nicht das schlechteste Profil sein mag. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap für die ARD vom April, trauen ihr jedoch 47 Prozent der Befragten nicht zu, die SPD wieder zu einen. Nur jeder Dritte glaubt, dass sie die SPD wieder stärken könnte. 

Der dringend benötigte Neuanfang der Partei liegt womöglich bald in ihren Händen. Teil des Neuanfangs könnte eine noch stärkere Orientierung nach links sein - auch im Hinblick auf die nächste Bundestagswahl, die spätestens 2021 stattfindet. "Hausfrau oder Bundeskanzlerin" soll Andrea Nahles angegeben haben, als sie für ihre Abiturzeitung nach ihrem Berufswunsch gefragt wurde. Wenn mit ihr an der Spitze ein Neustart der SPD gelingt, könnte sich das mit der Hausfrau dann vielleicht endgültig erledigt haben. Sie selber gibt sich zuversichtlich: "Ich glaube, ich kann das, und ich kann das auch im Team mit anderen zu was Gutem machen", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. 

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