Neue US-Strategie: China als größter Herausforderer in Asien
10. Dezember 2025
In Europa sorgt die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA, kurz NSS, für Aufsehen, da es eine grundlegende Neuausrichtung der transatlantischen Beziehungen zu Papier bringt. Für Asien wirkt die Strategie dagegen zumindest auf den ersten Blick vertraut: Sie betont weiterhin die Bedeutung eines "freien und offenen Indopazifiks" und die Zusammenarbeit mit einem "Netzwerk von Verbündeten", um Chinas wachsende Einflüsse einzudämmen.
Die NSS ist kein rechtlich bindendes Dokument. Sie ist eher ein Signal an die US-Bevölkerung und weniger als konkrete Handlungsempfehlungen. Dennoch macht sie die Neuausrichtung der US-Außenpolitik deutlich.
Die NSS 2025 zeigt eine klare Verschiebung der Sichtweise. Trumps zweite Amtszeit betrachtet die machtpolitische Rivalität zwischen den USA und China vor allem als wirtschaftlichen Wettbewerb. Es geht um Geschäftsabschlüsse, sichere Handelsrouten und die "Wahrung wirtschaftlicher Vormachtstellung".
Trotz der chaotischen US-Zollpolitik, die US-Partner in Asien verunsichert hat, argumentiert das Papier, dass wirtschaftliche Stabilität und Prosperität unter US-Führung die beste Grundlage für den Wettbewerb gegen China seien.
"Wir werden die amerikanische wirtschaftliche Beziehung zu China neu ausbalancieren, Gegenseitigkeit und Fairness priorisieren, um die wirtschaftliche Unabhängigkeit der USA wiederherzustellen", hieß es in der NSS, "unser Ziel ist es, die Basis für langfristige wirtschaftliche Stärke zu legen."
Demokratie ist nicht mehr relevant
In der ersten Sicherheitsstrategie vom US-Präsident Donald Trump während seiner ersten Amtszeit 2017 hieß es noch, China und Russland wollten "eine Welt formen, die US-Wertvorstellungen und Interessen entgegensteht". Dieser " Wettbewerb der Großmächte" um Ideologie wird nun in der neuen Auflage nicht mehr erwähnt. Auch die Darstellung Chinas als systemischer Rivale, der eine alternative Weltordnung anstrebe und seine Macht auf Kosten der Souveränität anderer ausbaue, fehlt im neuen 29-seitigen Dokument.
Die USA wollten "keine demokratischen oder gesellschaftlichen Veränderungen" in anderen Ländern erzwingen, sondern "gute und friedliche Handelsbeziehungen" pflegen. "Der überproportionale Einfluss größerer, reicherer und stärkerer Nationen ist eine zeitlose Realität der internationalen Beziehungen."
"Die Förderung demokratischer Werte als außenpolitische Agenda ist eindeutig Vergangenheit", schreibt Emily Harding vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington. "Peking wird die deutliche Aussage lieben, dass die USA Nichteinmischung in seine inneren Angelegenheiten bevorzugen und die Souveränität der Staaten respektieren."
Taiwan als zentrales Asien-Thema
Der Dauerzankapfel zwischen China und den USA ist die Frage um die selbst verwaltende Insel Taiwan. Peking betrachtet sie als eine abtrünnige Provinz und will mit jedem Preis die Wiedervereinigung. Die USA bekennen sich zwar zur Ein-China-Politik und erkennen die chinesische Regierung in Peking als alleinige Regierung Chinas an, sind aber per Gesetz verpflichtet, Taiwan in Schutz zu nehmen.
Die neue Sicherheitsstrategie widmet Taiwan viel Raum, denn Taiwan sei in wirtschaftlicher Sicht eine "schwimmende Halbleiterfabrik". Deswegen habe die Abschreckung im Taiwan-Konflikt, idealerweise durch militärische Überlegenheit, Priorität. "Wir halten an unserer langjährigen Politik fest, keine einseitige Veränderung des Status quo in der Taiwanstraße zu unterstützen."
Obwohl die USA keine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan pflegen, sind sie der wichtigste Sicherheitsgarant der Insel. Experten bemängeln, dass die neue Strategie abgeschwächt klinge. Statt "sich dagegenstellen" ("oppose") heißt es nun "nicht unterstützen" ("do not support") bei einseitigen Änderungen.
Taiwans Verteidigungsminister Koo Li-hsiung begrüßte die NSS als "energische Förderung einer kollektiven Abschreckung im Indopazifik". Peking forderte die USA dagegen auf, "die Taiwan-Frage mit äußerster Vorsicht zu behandeln und die separatistischen Kräfte der 'Taiwan-Unabhängigkeit' nicht weiter zu ermutigen".
US-Partner sollen mehr für Verteidigung ausgeben
Angesichts der strategisch wichtigen Lage Taiwans an den Schifffahrtsrouten, die "erhebliche Auswirkungen auf die US-Wirtschaft" hätten, warnt die NSS vor einem "potenziell feindlichen Akteur", der dort "ein Mautsystem einführen" oder die Wasserstraße "nach Belieben schließen und öffnen" könnte.
Hier fordert die Strategie die US-Verbündeten in Asien auf, "mehr Geld für die Verteidigung zur Verfügung zu stellen und vor allem mehr für die kollektive Verteidigung zu tun". Japan und Südkorea sollen ihre Ausgaben und Verteidigungsfähigkeiten erhöhen, um "Gegner abzuschrecken und die erste Inselkette zu schützen". Dieser militärische Begriff umfasst in der US-Verteidigung den westlichen Rand des Pazifiks. Japan, Taiwan und die Philippinen dienen als die erste Barriere gegen Chinas Marine im Pazifik.
Nordkorea spielt keine Rolle, Indien nur in der Wirtschaft
Die Bedrohung durch Nordkoreas Atomwaffen- und Raketenprogramme bleibt dagegen unerwähnt. Auch eine Beschreibung der Rolle der Philippinen als wichtiger strategischer Partner fehlt, obwohl der Inselstaat und die USA seit Jahrzehnten in einem Verteidigungspakt verbunden sind.
Indien taucht nur im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Kooperationen auf. Durch bessere Handelsbeziehungen wollten die USA Neu-Delhi dazu bewegen, zur Sicherheit im Indopazifik beizutragen. Indien ist heute Mitglied des US-geführten sicherheitspolitischen Formats "Quad". Andere Mitglieder sind Japan und Australien.
Widersprüchlich wirkt dabei die Forderung, bestehende Bündnissysteme zu Wirtschaftsverbänden zu konsolidieren. Zusätzlich soll die "privatwirtschaftlich geführte wirtschaftliche Zusammenarbeit" gestärkt werden. US-Präsident Trump ist dadurch bekannt, dass er multilaterale Foren wie APEC ablehnt.
"Die US-Regierung um Präsident Trump glaubt offensichtlich, dass ein wirtschaftlicher Vorsprung der Schlüssel zur Abschreckung von Konflikten im Indopazifik ist", sagt Huong Le Thu von der International Crisis Group im DW-Interview.
Die meisten asiatischen US-Verbündeten seien "zwiegespalten", da das Papier keine großen Überraschungen enthalte, so Huong. David Sacks vom Council on Foreign Relations kritisierte die Strategie als "zu chinazentriert".
"Andere Länder in der Region sind wichtig, den USA dabei zu helfen, den wirtschaftlichen Wettbewerb mit China zu gewinnen und einen Konflikt mit Peking zu verhindern", schreibt er. "Die Philippinen werden nicht einmal erwähnt, ebenso wenig die Pazifikinseln oder die meisten Länder Südostasiens. Eine Strategie, die auf US-Stärken setzt, würde die Verbündeten ins Zentrum stellen und China dann in eine breitere Indopazifik-Strategie einbetten."
Trump möchte Einfluss Chinas vor seiner Haustür schwächen
Dennoch bleibt China im Fokus dieses Strategiepapiers. Die USA wollen eine strategische Neuausrichtung auf die westliche Hemisphäre und "außereuropäische Wettbewerber" einzudämmen. Es betont, dass die USA ihre Macht nutzen müssten, um Allianzen in Lateinamerika zu schmieden und "gegnerische Einflüsse von außen zurückzufahren, von der Kontrolle über Militärstützpunkte, Häfen und kritische Infrastruktur bis hin zum Erwerb strategischer Vermögenswerte".
US-Präsident Trump sei zwar mit solchen Positionen gewählt worden, sagt Experte Harding vom CSIS, "doch die heutigen eigennützigen Entscheidungen könnten zu einer weitaus einsameren, schwächeren und zersplitterten Zukunft führen."
Das Papier mache eine langjährige Realität des Wettbewerbs zwischen den USA und China deutlich, schreibt Alexander B. Gray, Senior Fellow der GeoStrategy Initiative beim Atlantic Council. "Peking versucht, die USA von der Wahrung des Status quo im Indopazifik abzulenken, indem es feindliche Aktivitäten in der westlichen Hemisphäre verfolgt."
Aus dem Englischen adaptiert von Florian Weigand