Naturparadies an Polens Grenze zu Belarus in Gefahr
30. November 2025
Die prächtigen, jahrhundertealten Bäume entlang der polnisch-belarussischen Grenze leuchten in einem Kaleidoskop warmer Farben von Gelb und Orange bis zu Gold. Saftige Moosflächen ziehen sich über den Boden des Bialowieza-Urwalds, der hier schon seit dem Ende der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren steht.
"Dieser Ort ist wahrhaft einzigartig", sagt Mateusz Szymura, der hier in der Gegend aufwuchs und nun die Abteilung für Naturschutz des polnischen Nationalparks Bialowieza leitet. "Seine Schönheit ist mit nichts zu bezahlen."
Doch der Urwald mit seiner Fläche von rund 140.000 Hektar, der zum UNESCO-Weltnaturerbe zählt und Wisenten, Luchsen, Sperlingskäuzen und 10.000 verschiedenen Pilzarten eine Heimat bietet, steht im Mittelpunkt einer geopolitischen Auseinandersetzung.
Im Juli 2022 schloss Polen den Bau eines 186 Kilometer langen Zauns an seiner Grenze zu Belarus ab, um Migranten davon abzuhalten, die Grenze zu überqueren. Dieser Zaun durchtrennt nun den Urwald, der sich auf beiden Seiten der Grenze erstreckt.
Die fünfeinhalb Meter hohe Metallbarriere ist mit Stacheldraht und Sicherheitskameras bewehrt und soll verhindern, dass Migranten - meist aus dem Nahen Osten und zunehmend auch vom Horn von Afrika - von Belarus aus über Polen in die Europäische Union gelangen.
Katarzyna Zdanowicz, Sprecherin der polnischen Grenzpolizei, erzählt der DW, dass bis zu 3000 Grenzwächter und Soldaten entlang dieser sogenannten "grünen Grenze" patrouillieren, um Asylsuchende am Grenzübertritt zu hindern. Laut ihren Angaben verzeichneten die Behörden 2024 etwa 30.000 Versuche, die Grenze zu überqueren.
Beobachtern zufolge benutzt der pro-russische belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko Migranten in einem "hybriden Krieg" als Druckmittel, um sich gegen europäische Sanktionen zur Wehr zu setzen.
Die Biodiversität leidet
Die Errichtung eines Grenzzauns durch den Urwald Bialowieza, durch den sich zuvor nur wenige Menschen bewegten, "stellt ein erhebliches Trauma dar", sagt Katarzyna Nowak, Wissenschaftlerin am Institut für Säugetierforschung an der Polnischen Akademie der Wissenschaften. "Den Urwald gab es, bevor es Menschen gab. Teile des Waldes sind über Jahrhunderte unberührt geblieben. Bis heute."
Ein Jahr nach Fertigstellung des Zauns startete Nowak mit einem Team, das sich aus Dutzenden polnischer und internationaler Wissenschaftler zusammensetzt, eine unabhängige, über 18 Monate angelegte Studie, um die Auswirkungen auf die Tiere und Pflanzen des Urwalds zu erforschen.
Mithilfe von Methoden wie Kamerafallen, Erkennung von Tonmustern, Temperatur- und Lichtmessern und dem Verfolgen von Spuren im Schnee konnten die Forschenden feststellen, dass der Grenzzaun zahlreiche Tierarten gefährdet. In ihrem im März veröffentlichten Bericht stellten die Forschenden fest, dass Zaun und Stacheldraht Verletzungen verursachten und Arten wie Hirsche, Elche und Wölfe daran hinderten, Gebiete auf der anderen Seite des Zauns aufzusuchen. Europäische Luchse auf polnischem Gebiet, die nicht in der Lage sind, im größeren belarussischen Teil des Urwalds zu jagen oder Jungtiere aufzuziehen, seien in Gefahr, auszusterben, warnt Nowak.
Zwar wurden in die Barriere Passagen für den Wildwechsel eingebaut, diese wurden jedoch nicht geöffnet, weil die Behörden fürchten, dass diese auch von Migranten genutzt werden könnten, um die EU zu erreichen.
Grenzzaun verursacht Veränderung des Ökosystems
Wie die Wissenschaftler beobachten konnten, halten sich in der Nähe der Grenze weniger Tiere auf als in anderen Bereichen des Urwalds. Laute Geräusche, zum Beispiel durch Fahrzeugmotoren oder Warnschüsse, hatten Auswirkungen auf die Vogelpopulation entlang der Grenze.
Auch Veränderungen des uralten Ökosystems im Urwald Bialowieza waren zu beobachten. So wurden dreizehn neue Pflanzenarten mit "Invasionspotential" entdeckt. Diese seien vermutlich während des Baus eingeschleppt worden, als viele Fahrzeuge im Urwald verkehrten, meint Nowak.
Im Oktober stufte die Internationale Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) den Erhaltungszustand von Bialowieza als "kritisch" ein. Laut der Naturschutzorganisation führen die Grenze und die damit zusammenhängenden Sicherheitsmaßnahmen zu einer gesteigerten Fragmentierung der Habitate und setzen Tier- und Pflanzenwelt unter Druck.
Zahl befestigter Grenzen steigt
Der Grenzzaun durch den Urwald ist nur ein Beispiel für die zunehmende Militarisierung internationaler Grenzen. Forschungen zufolge gibt es weltweit gegenwärtig mehr als 60 Grenzmauern und weitere militarisierte Grenzen. 1989, als die Berliner Mauer fiel, waren es nur sechs.
Diese Grenzen wirken sich in der Regel auch auf die Flora und Fauna vor Ort aus. An der Grenze zwischen Mexiko und den USA werden Weißwedelhirsche, amerikanische Schwarzbären und Pumas durch mehr als 1000 Kilometer Mauern und Barrieren daran gehindert, sich frei zu bewegen.
Wissenschaftler beklagen, dass nicht genügend bekannt ist über die Auswirkungen des polnischen Grenzzauns, der noch fünf weitere von der EU geschützte Gebiete durchschneidet. Das liegt auch daran, dass die polnische Regierung dem Bau zustimmte, ohne eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen.
Seit dem vergangenen Jahr überwacht der Nationalpark die Auswirkungen des Grenzzauns auf die Wildtiere vor Ort. Der DW schreibt er auf Anfrage "die Zahl der durch den Zaun verletzten Säugetiere ist sehr gering, Todesfälle gibt es äußerst selten".
Doch Michal Zmihorski, der Leiter des Instituts für Säugetierforschung, gibt eines zu bedenken: "Das Wichtigste sind gute Daten, aber davon haben wir nicht genug." Die Regierung müsste die Überwachungsarbeit, die er und sein Team mithilfe einer privaten Finanzierung leisten, eigentlich bezahlen, meint er.
Polens Ministerium für Klima und Umwelt geht auf den Vorwurf Zmihorskis nicht ein, stellt aber in einer Erklärung fest, dass es die Aufgabe der Parkbehörden sei, "präventive Maßnahmen" umzusetzen. Daten zu Vorfällen in Zusammenhang mit Tieren würden im Zweiwochentakt an das Ministerium übermittelt. Auf eine Bitte, solche Daten zur Verfügung zu stellen, ging die Behörde jedoch nicht ein.
Hat Naturschutz-Diplomatie eine Chance?
Dem Nationalpark zufolge wurden etwa 4000 Soldaten über den "außerordentlichen Wert" des Urwalds aufgeklärt, doch das Institut hält diese Bemühungen für nicht ausreichend. Soldaten und Grenzwächter seien dabei beobachtet worden, wie sie im Wald Müll wegwarfen, streunende Katzen fütterten oder den Wald während ihrer Freizeit für sportliche Aktivitäten nutzten.
Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Instituts für Säugetierforschung fordern außerdem die Möglichkeit, direkt an den Grenzposten Proben zu sammeln. Angesichts des gesteigerten menschlichen Kontakts mit den Wildtieren möchten sie das Risiko zoonotischer Krankheiten untersuchen. Im Wald leben etwa auch Marderhunde, die das Coronavirus in sich tragen.
Zmihorski hofft, dass "Naturschutz-Diplomatie", also grenzübergreifende Naturschutzbemühungen zur Verbesserung diplomatischer Beziehungen, dabei helfen könnte, Brücken zu Belarus zu bauen und den Bialowieza-Urwald besser zu schützen. Polen aber hat mittlerweile seinen Wissenschaftlern die Zusammenarbeit mit belarussischen Kollegen untersagt. Ein IUCN-Sprecher betonte, dass Länder "dringend" gemeinsam handeln müssten. Sowohl die IUCN als auch die UNESCO haben angeboten, zu vermitteln.
"Irgendwann könnte der Zaun verschwinden", hofft Zmihorski. "Es ist möglich. Aber es hängt alles an den geopolitischen Umständen." Stünden Migranten sichere, legale Wege zur Verfügung, um nach Europa zu gelangen, argumentieren humanitäre Organisationen, dann müssten sie sich keinen Weg durch den Urwald suchen.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.