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Nazi-Kollaboration in Griechenland: Neues Interesse am bisherigen Tabu-Thema

Zweiter Weltkrieg | 12.10.2018 |

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Als Hitlers Armee kommt

Zäsur in der Geschichte Griechenlands. Im April 1941 eroberte die deutsche Wehrmacht das Land. Der deutsche Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch (Mitte, li.), bis 1941 Oberbefehlshaber des Heeres, besichtigt hier die Akropolis in Athen. Erst im Oktober 1944 kam der Rückzug. Längst nicht alle Griechen waren Gegner der Nazis. Doch gehen wir zunächst weiter zurück in der Historie...

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Bayerischer Prinz wird erster "Griechischer" König

Im Jahr 1453 fiel Konstantinopel (heute Istanbul), die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, an die Osmanen. Damit geriet Griechenland unter eine jahrhundertelange osmanische Herrschaft. Der Befreiungskampf der Griechen begann 1821 auf dem Peloponnes. Der griechische Staat wurde 1830 gegründet. Otto von Wittelsbach, zweiter Sohn des bayerischen Königs Ludwig I., wurde König (1832-1862).

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Bittere Niederlage

Im Ersten Weltkrieg hat sich Griechenland der Entente (den Alliierten) angeschlossen. 1919 versuchte man mit Billigung der Siegermächte, die türkische Niederlage zu nutzen, um auch Ostthrakien und das damals von Griechen bewohnte Gebiet um Izmir unter griechische Kontrolle zu bringen. 1922 endete der Griechisch-Türkische Krieg mit der Niederlage Griechenlands.

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Türkisch-griechischer Bevölkerungsaustausch

Im Vertrag von Lausanne 1923 wurde ein radikaler Bevölkerungsaustausch vereinbart. 1,5 Millionen Griechen verließen die Türkei Richtung Griechenland. Umgekehrt verließen 500.000 Türken Griechenland und gingen in die Türkei. Nach dem Ersten Weltkrieg begannen auch in Griechenland soziale Unruhen. In der Zeit von 1924 bis 1936 herrschte große politische Instabilität.

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Einmarsch der Wehrmacht

Am 4. August 1936 suspendierte General Ioannis Metaxas Parlament und Verfassung und installierte ein autoritäres Regime, das bis April 1941 herrschte. Der Diktator lehnte am 28. Oktober 1940 ein italienisches Ultimatum zur Kapitulation ab. Nachdem Italien im darauf folgenden Krieg geschlagen und zurückgedrängt wurde, marschierte im April 1941 die deutsche Wehrmacht in Griechenland ein.

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Deutsches Schreckensregiment

Im Oktober 1944 musste sich die Wehrmacht aus Griechenland zurückziehen. Allein von Juni 1943 bis Juni 1944 töteten die deutschen Besatzer nach eigenen Berichten mehr als 20.000 mutmaßliche Partisanen, nahmen weitere fast 26.000 gefangen und erschossen annähernd 5.000 Geiseln. Insgesamt 81 Prozent der griechischen Juden wurden in den Vernichtungslagern Auschwitz und Treblinka ermordet.

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Bürgerkrieg in Griechenland

Beinahe nahtlos schloss sich an den Zweiten Weltkrieg der griechische Bürgerkrieg an - von März 1946 bis Oktober 1949. Es war die Fortsetzung eines Konflikts zwischen der griechischen Volksfront und den griechischen Konservativen und Monarchisten, der bereits seit 1943 schwelte. Die Folgen waren katastrophal. Allein unter der Zivilbevölkerung gab es fast 57.000 Tote.

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Putsch des Militärs

Nach dem Bürgerkrieg halfen hauptsächlich die Amerikaner den Griechen beim Wiederaufbau. Politisch herrschte in den folgenden Jahren große Instabilität. Am 21. April 1967 kam es zum Putsch rechtsextremer Offiziere, die in Griechenland eine Militärdiktatur errichteten. Politiker, Gewerkschafter und Intellektuelle wurden zu Tausenden verhaftet, auf Gefängnisinseln interniert und gefoltert.

Geschichtliche Turbulenzen in Griechenland
Rückkehr zur Demokratie

Nach sieben Jahren Diktatur erklärte die Junta im Juli 1974 ihren Rücktritt. Der ehemalige Premier Karamanlis wurde als Übergangspremier vereidigt. Innerhalb eines Jahres fanden freie Wahlen statt, eine neue Verfassung wurde in Kraft gesetzt und die Junta-Offiziere verhaftet. Griechenland ist seit 1981 EU-Mitglied und seit 2001 Mitglied in der Eurozone. Doch das ist eine andere Geschichte.

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Viele Griechen haben im Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert. Darüber wurde in Griechenland lange geschwiegen. Das ändert sich gerade, sagt der Historiker Stratos Dordanas im DW-Interview.

Vor 74 Jahren, am 12. Oktober 1944, zog sich die Deutsche Wehrmacht aus Athen zurück. Von 1941 bis 1944 hatte die Wehrmacht Griechenland besetzt. Längst nicht alle Griechen verurteilten das militärische Vorgehen Nazideutschlands. Zahlreiche griechische Männer arbeiteten - auch aus politischen Gründen - mit den Besatzern zusammen.

Die Untersuchung des Kollaborationsphänomens in Griechenland war - wie in anderen europäischen Ländern auch - jahrzehntelang ein "Tabuthema", diese Ansicht vertritt Stratos Dordanas, Forscher für Neuere europäische und balkanische Geschichte an der Universität von Makedonien im DW-Interview.

DW: Professor Dordanas, was waren die Konsequenzen des Zweiten Weltkriegs für Griechenland?

Dordanas: In den vergangenen Jahren sind bedeutende wissenschaftliche Studien, die zur nüchternen Deutung der Ereignisse beigetragen haben, veröffentlicht worden. Dennoch stellt sich nach wie vor die Frage, ob die griechische Gesellschaft inzwischen in der Lage ist, diesen unangenehmen Aspekt ihrer Geschichte emotionslos zu betrachten, in dem Versuch, ihn zu akzeptieren und anschließend aus der Geschichte zu lernen.

Wie wichtig war die Rolle des Widerstands in Griechenland?

Sehr wichtig. Die ELAS (Griechische Volksbefreiungsarmee) war die bedeutendste griechische Guerillaorganisation, die dem direkten Einfluss der Kommunistischen Partei (KKE) unterstand. Von Anfang an sahen sich die Achsenmächte und vor allem die deutschen Truppen mit einem der am schwierigsten zu lösenden Probleme des Zweiten Weltkriegs konfrontiert, nämlich dem Partisanenkrieg.

Prof. Stratos Dordanas

In unmittelbarem Zusammenhang damit aber auch mit der Frage, welche Haltung sie gegenüber der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten einnehmen sollten. In diesem Rahmen war das vorrangige Ziel die Erstickung des Widerstands an der Front im Inland, bevor dieser größere Ausmaße annehmen und sich zu einer unkontrollierbaren Bedrohung entwickeln konnte.

Wie war dieser Widerstand organisiert?

Die Partisanen nutzten Dörfer als Basis für ihren Nachschub, zur Tarnung für Hinterhalte, als Fluchtweg, als Informationsquelle und zur Rekrutierung von Männern, Führern und Boten. Die Besatzungstruppen versuchten dieses Band zwischen den Partisanen und der Zivilbevölkerung auf drastische Weise zu zerschneiden. Die Ausweitung der Widerstandsfront machte in den Jahren 1943 und 1944 das ganze Land zum Feld militärischer Operationen. Die klare Linie, die die Bewaffneten von der Zivilbevölkerung unterschied, wurde nahezu bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Jeder Zivilist war ein potentieller Feind und das Prinzip der Kollektivhaftung wurde angewandt.

Wie verbreitet war die Kollaboration mit den Nazis und wie genau haben die Griechen kollaboriert?

Heute sind wir ganz sicher, dass viele Griechen während des Krieges mit der deutschen Wehrmacht und der SS kollaboriert haben. Zu Mitgliedern der Sicherheitsbataillone wurden griechische Männer aus ganz unterschiedlichen Motiven. Für einige von ihnen bedeutete der Griff zu den Waffen - respektive die Übernahme der nationalsozialistischen Ideologie - ein neues Abenteuer.

Xenofon Josmas, 1947 als Kollaborateur zum Tode verurteilt, wurde 1952 freigelassen

Damit verbunden waren: die Einnahme von öffentlichen Ämtern und Ministerposten, die Chance, von der Verteilung der Kriegsbeute und des jüdischen Vermögens zu profitieren oder unverhofft eine Überlebenschance unter den schwierigen Bedingungen der Besatzungszeit zu bekommen. Für andere stellte die Kollaboration die einzige Möglichkeit dar, ihr Leben, ihre Familie und ihre Dörfer vor den Angriffen der ELAS zu schützen.

Gibt es für all das einen gemeinsamen Nenner?

Der gemeinsame Nenner all dieser unterschiedlichen Ausgangspunkte für Kollaboration war der Antikommunismus. Der kennzeichnete die Militärs, die Ideologen des Nationalsozialismus sowie die Taten ihrer Anhänger. Während des untersuchten Zeitraums wurde der Antikommunismus eines bedeutenden Teils der griechischen Bevölkerung durch eine intensive Slawophobie - und insbesondere Bulgarophobie - verstärkt. Das führte dazu, dass bei einer noch größeren Anzahl von Griechen patriotische Reflexe gegenüber der bestehenden Gefahr einer Abtrennung Makedoniens zugunsten des mit Deutschland verbündeten Bulgarien ausgelöst wurde.

Wie groß war die Zahl derer, die die Deutschen unterstützten?

Kollaborateur Ioannis Voulpiotis wurde zwei Mal angeklagt und zwei Mal (1947/1948) freigesprochen

Insgesamt gehörten über 20.000 Bewaffnete den verschiedenen Bataillonen an. Sie waren der gefürchtetste Gegner der ELAS und unterstanden dem Befehl des "Höheren SS- und Polizeiführers in Griechenland", dem Generalleutnant der Waffen-SS Walter Schimana.

Was ist mit den Kollaborateuren nach dem Ende des Krieges passiert - haben Prozesse stattgefunden?

In der Nachkriegszeit, vor allem von 1945-1950, mussten sich alle Mitglieder der Sicherheitsbataillone und die Ideologen des Nationalsozialismus, die überlebt hatten, vor Gericht verantworten. Bald jedoch wurde klar, dass der griechische Staat nicht wirklich die Absicht hatte, die Kollaborateure zu bestrafen. Sogar in den Fällen, die vor dem Sondergericht landeten, wurden die auferlegten Strafen, wie schwer sie auch waren, nach kurzer Zeit durch königliche Erlasse und den Begnadigungsausschuss widerrufen.

So öffneten sich ab Anfang der 1950er Jahre die Gefängnistore. Die früheren griechischen Anhänger der NS-Weltanschauung wurden in den antikommunistischen Staat integriert, sofern sie das nicht schon früher über die Reihen der "Nationalen Armee" und durch ihre Teilnahme am Bürgerkrieg (1946-49) erreicht hatten.

Ist das ein typisch griechisches Phänomen?

Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten stellt Griechenland bei der Frage der Bestrafung der Kollaborateure keine Ausnahme dar. Die bewaffnete Kooperation mit der deutschen Besatzungsmacht war ein europaweites Phänomen, das die Gesellschaften unmittelbar nach Kriegsende sehr schnell aus ihrem Gedächtnis streichen wollten, weil sie ihren demokratischen und inzwischen friedlichen Weg fortsetzen wollten. Das griechische Verhalten unterscheidet sich in der geringen Anzahl derer, die letztendlich verurteilt worden sind - wobei nicht vergessen werden darf, dass dem Ende der Besatzungszeit ein blutiger Bürgerkrieg gefolgt ist.

Es war fast unmöglich für mich als Journalistin, Nachfahren von Kollaborateuren zu finden, die bereit waren über ihre persönliche Geschichte zu sprechen. Warum?

Die Untersuchung des Kollaborationsphänomens in Griechenland stellte, wie in anderen europäischen Ländern auch, jahrzehntelang ein "Tabuthema" dar, das die griechische Geschichtsschreibung zu subjektiven Schlussfolgerungen verleitete und auf Berufshistoriker abschreckend wirkte.

Die ideologische Polarisierung aus der Bürgerkriegszeit stand der systematischen und vor allem wissenschaftlichen Untersuchung dieses Themas entgegen. Für seine Untersuchung war zuallererst das Verstreichen eines angemessenen Zeitraums erforderlich, da die Kollaboration während der deutschen Besatzungszeit den nationalen Zusammenhalt der einheimischen Bevölkerung gefährdet hatte.

Außerdem waren viele Griechen, die mit dem Feind kollaboriert und sich "verräterisch" betätigt hatten, auch während des Bürgerkriegs im Staatsapparat tätig. Auch heute ruft dieses Thema lebhafte Debatten und Auseinandersetzungen hervor, während sich der Mythos des einheitlichen nationalen Widerstands - anstelle der polarisierenden Vergangenheit - politisch und kulturell durchgesetzt hat.

Was ist der aktuelle Stand der geschichtlichen Aufarbeitung in Griechenland?

Zeichen der deutschen Besatzung: Das Hakenkreuz auf der Akropolis

Die in den vergangenen 15 Jahren in Griechenland auf akademischer und auf öffentlicher Ebene geführte Debatte über die 1940er-Jahre hatte Folgen: Viele Fragen, die bis dahin als Tabu galten, kamen an die Oberfläche und wurden dann einer wissenschaftlichen und sachlichen Betrachtung unterzogen. Dies geschah oft unter schwierigen Bedingungen und die Debatte verlief nicht ohne Kontroversen und Spannungen.

Auf jeden Fall trug das lebhafte Interesse am Zweiten Weltkrieg dazu bei, dass sowohl die Zeit der deutschen Besatzung als auch des nachfolgenden Bürgerkriegs in die Studienprogramme mehrerer Universitäten aufgenommen wurden. Viele internationale Tagungen wurden veranstaltet und eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien hierüber erstellt. Neue Fragen gewannen an Aktualität, alte Fragen wurden im Lichte des Zugangs zu bisher unter Verschluss gehaltenen Archiven erforscht. Dieses neu erwachte Interesse weitete sich dann auch auf das Gebiet der Public History aus, also außerhalb des akademischen Umfelds.

Das Interview führte Maria Rigoutsou.