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Neben Affenversuchen auch Menschenversuche?

28. Januar 2018

Der wegen Versuchen an Affen in die Kritik geratene Auto-Forschungsverband EUGT hat offenbar auch ein umstrittenes Experiment mit Menschen finanziert. Probanden sollen Stickstoffdioxid ausgesetzt worden sein.

Ein Doppelauspuff stößt qualmend Abgase aus
Bild: picture-alliance/dpa/M. Führer

Abgastests an Menschen

01:21

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Im Abgasskandal soll es Diesel-Schadstofftests nicht nur mit Affen, sondern auch mit Menschen
gegeben haben. Das geht aus einem Report der Vereinigung EUGT hervor, über den "Stuttgarter Zeitung" und "Süddeutsche Zeitung" berichten. Den Berichten zufolge soll die von den Konzernen VW, Daimler und BMW gegründete Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) eine "Kurzzeit-Inhalationsstudie mit Stickstoffdioxid (NO2) bei gesunden Menschen gefördert" haben.

Dies stehe in einem als Tätigkeitsbericht für die Jahre 2012 bis 2015 herausgegebenen Report. Dabei seien an einem Institut des Universitätsklinikums Aachen 25 junge, gesunde Personen untersucht worden, nachdem sie jeweils über mehrere Stunden Stickstoffdioxid (NO2) in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hätten. Autoabgase gelten als wichtigste Quelle für den Luftschadstoff NO2. Nach Einschätzung der EUGT habe die Studie ergeben, dass keine Wirkung festgestellt werden konnte, hieß es.

Der Institutsleiter Thomas Kraus sagte, dass die Versuche keinerlei Verbindung mit dem Abgasskandal hätten. Die Studie von 2013 - lange vor dem VW-Dieselskandal - habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst, erklärte er am Montag. Weil der Grenzwert herabgesetzt worden sei und es keine Studien zu Menschen gegeben habe, seien 25 gesunde Menschen Belastungen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastungen am Arbeitsplatz lägen. Die Ethikkommission habe die Studie als vertretbar bewertet. Kraus sagte weiter, dass die EUGT die Studie gefördert habe, die Forscher jedoch "in keinster Weise" beeinflusst habe.

Die EUGT wurde laut VW 2007 als unabhängiges Forschungsinstitut gegründet und im Sommer 2017 aufgelöst. Neben Volkswagen waren Daimler, BMW und Bosch an der Finanzierung beteiligt.

Autobauer distanzieren sich

Volkswagen-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch kündigte am Montag eine umfassende Aufklärung an. Die Vorgänge seien überhaupt nicht nachvollziehbar, erklärte er. Das Kontrollgremium des Wolfsburger Autokonzerns werde sich daher zeitnah mit diesem Thema beschäftigen. Er werde alles dafür tun, dass der Vorgang umfassend untersucht werde. "Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen."

VW-Konzernchef Matthias Müller nannte die Tests inakzeptabel und kündigte "alle nötigen Konsequenzen" an. "Die damals von der EUGT in den USA praktizierten Methoden waren falsch, sie waren unethisch und abstoßend. Mit Interessensvertretung oder wissenschaftlicher Aufklärung hatte das nichts, gar nichts zu tun", sagte Müller am Montagabend: "Mir tut es leid, dass Volkswagen als einer der Träger der EUGT an diesen Vorgängen beteiligt war. Es gibt Dinge, die tut man schlicht nicht."  

Der Daimler-Konzern erklärte der "Stuttgarter Zeitung" gegenüber, man verurteile die Versuche "auf das Schärfste" und distanziere sich von der EUGT. Deren Vorgehen widerspreche den Werten und ethischen Prinzipien des Unternehmens. Auch wenn Daimler keinen Einfluss auf den Versuchsaufbau gehabt habe, habe man eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Auch BMW distanzierte sich von den Versuchen.

Scharfe Kritik aus der Politik

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die umstrittenen Diesel-Schadstofftests scharf verurteilt und Aufklärung eingefordert. "Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Den Aufsichtsräten der Auftraggeber der Tests komme nun eine besondere Verantwortung zu, kritische Fragen auch zur Zielsetzung der Tests zu beantworten. "Die Autokonzerne haben die Schadstoffemissionen zu begrenzen. Sie haben Grenzwerte einzuhalten und sie haben nicht mithilfe von Affen oder sogar Menschen die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen", so Seibert.

Scharfe Kritik an den Versuchen kam auch vom geschäftsführenden Bundesverkehrsminister Christian Schmidt. Der Sprecher des Verkehrsministeriums sagte: "Der Minister hat keinerlei Verständnis für solche Tests zum Schaden von Tieren und Menschen, die nicht der Wissenschaft dienen, sondern ausschließlich PR-Zwecken". Der Minister forderte die beteiligten Unternehmen auf, umgehend und detailliert Stellung zu nehmen. Die Untersuchungskommission des Ministeriums zum Abgasskandal solle in einer Sondersitzung prüfen, ob es weitere Fälle gibt. "Solche Tierversuche und Tests mit Menschen müssen ein sofortiges Ende haben", so der Sprecher. 

Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks reagierte "entsetzt" auf die Versuche der Autobranche an Menschen und Affen. Was bislang bekannt sei, sei "abscheulich", erklärte sie am Montag in Berlin. Die Hintergründe zu diesem Skandal gehörten jetzt schnell auf den Tisch. Neben der Autoindustrie müsse auch die Wissenschaft ihre Verantwortung dafür aufklären. Stickoxide seien gesundheitsschädlich für den Menschen. Dies sei hinreichend belegt, erklärte Hendricks.

"Dass eine ganze Branche anscheinend versucht hat, sich mit dreisten und unseriösen Methoden wissenschaftlicher Fakten zu entledigen, macht das Ganze noch ungeheuerlicher." Wer so etwas mache, "hat nicht verstanden, was auf der Tagesordnung steht: sich endlich der vollen Verantwortung im Dieselskandal zu stellen", sagte die Ministerin. 

VW-Entschuldigung für Tierversuche

Die EUGT war zuletzt wegen eines Abgas-Experiments mit Affen in den USA in die Kritik geraten, für das sich VW inzwischen entschuldigt hat. "Wir sind der Überzeugung, dass die damals gewählte wissenschaftliche Methodik falsch war. Es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten", teilte der Konzern mit. Volkswagen distanziere sich klar von allen Formen der Tierquälerei. "Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner."

VW-Großaktionär Niedersachsen teilte mit, die Vertreter des Landes im Aufsichtsrat drängten auf vollständige Aufklärung der Geschehnisse aus dem Jahr 2014, von denen sie durch die Medien erfahren hätten. Außerdem müsse sichergestellt werden, dass nie wieder vergleichbare Studien in Auftrag gegeben werden. "Zehn Affen stundenlang mutwillig Autoabgase einatmen zu lassen, um zu beweisen, dass die Schadstoffbelastung angeblich abgenommen habe, ist widerlich und absurd", sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Sie müssen herhalten für Tierversuche in der ForschungBild: picture-alliance/dpa/F. Gentsch

Die Tierversuche sollten beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank Abgasreinigung erheblich abgenommen hat und  Dieselfahrzeuge keine Gesundheitsschäden verursachen. Stickstoffdioxid ist ein ätzendes Reizgas, es schädigt laut Umweltbundesamt das Schleimhautgewebe im gesamten Atemtrakt und reizt die Augen. Zudem steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Schadstoffversuche mit Affen seien kein Einzelfall, heißt es von der Tierschutzorganisation "Ärzte gegen Tierversuche". "Toxikologische Versuche an Affen sind leider gängig, auch in Deutschland", sagte Vizevorsitzende Corina Gericke. Allein 2016 seien in Deutschland 1789 Affen für Versuche mit giftigen Substanzen genutzt worden, so eine Statistik des Landwirtschaftsministeriums. Im vergangenen Jahr seien 1328 Affen oral oder über Inhalation 28 Tage lang schädliche Substanzen verabreicht worden. "Danach werden sie meistens getötet, um die Organe zu untersuchen", sagte Gericke. Ihre Organisation fordert eine Gesetzesänderung, um solche "unethischen Versuche an allen Tieren" zu verbieten.

qu/iw/se (rtr, dpa, afp, epd)

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