Rechte Jugend in Berlin: Gewalt im Schatten der Metropole
10. Mai 2026
Anne hat keine Angst. Aber sie ist vorsichtig. Denn Anne wehrt sich gegen rechte und rassistische Gewalt in der deutschen Hauptstadt Berlin - und wird deswegen selbst von Rechtsextremisten angefeindet. Ihren richtigen Namen nennen wir daher nicht.
Anne ist 30 Jahre alt und beobachtet im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf die extrem rechte Szene: rechte Gewalt, Propaganda, Alltagsrassismus. "Man hat hier Neonazis, die auf der Straße eine Hegemonie darstellen wollen, die Straßendominanz symbolisieren wollen, die versuchen mit Aufklebern oder mit Graffiti zu zeigen: 'Wir sind hier und das ist unser Kiez'", erzählt Anne der DW bei einem Rundgang durch den Stadtteil.
Überall in den verschiedenen Berliner Stadtvierteln gibt es junge Menschen, die wie Anne rechte und rassistische Vorfälle registrieren: Sie wollen das Ausmaß der Gefahr sichtbar machen. Und sie wollen den Betroffenen eine Stimme geben. "Es gibt Menschen, die bedroht werden, weil sie pinkfarbene Haare haben", erzählt Anne, "oder weil sie eine Jacke getragen haben, die von einer vermeintlich linken Marke ist. Wir hatten hier mehrere neonazistisch motivierte Raubüberfälle."
Marzahn-Hellersdorf: Europas größte Plattenbausiedlung
Marzahn-Hellersdorf ist eine eigene Welt in der deutschen Hauptstadt. Der riesige Stadtteil ist voller Kontraste. Hier befindet sich Europas größtes Plattenbauviertel, es ist ein sozialer Brennpunkt, in dem jedes vierte Kind offiziell als arm gemeldet ist. Gleichzeitig ist der Stadtteil voller Natur und Grün - und attraktiv für Familien: Marzahn-Hellersdorf hat nicht nur den Plattenbau, sondern auch Deutschlands größte Ein- und Mehrfamilienhaussiedlung.
Mit der U-Bahn fährt man von Hellersdorf in nur 20 Minuten bis in die Berliner Stadtmitte - zum Alexanderplatz mit seinem riesigen Fernsehturm - einem der touristischen Hotspots der Stadt. Aber für viele Menschen ist die schillernde Innenstadt weit weg: "Es gibt viele junge Leute, die den Bezirk nie verlassen", erzählt Anne. "Das ist auch eine krasse Realität, dass so ein Kiez das ganze Leben bedeuten kann."
Seit Jahren versuchen junge Neonazis in Berlin Fuß zu fassen - vor allem auch in Marzahn-Hellersdorf. Ganz vorne dabei sind zwei der Gruppierungen, gegen die am 6. Mai 2026 in Deutschland Razzien erfolgten: "Deutsche Jugend voran" und "Jung und Stark". In der Regel verbreiten sie ihren Hass auf queere Menschen, auf Migranten oder auf politische Gegner in den Sozialen Medien. Aber hier in Marzahn-Hellersdorf zeigen sie sich auch auf der Straße: so wie bei einem Angriff auf einen "Christopher Street Day" der LGBTQ-Community. Die Polizei meldete damals: Zwei der Neonazis waren jünger als vierzehn Jahre.
'Heil Hitler' und Nazi-Aufkleber
Die Gewalt und der Hass im Stadtteil sind nicht immer unmittelbar sichtbar: Viele Straßenzüge sind schön bepflanzt, mit vielen Blumen und Bäumen. Alles ist ordentlich, ruhig und sauber. Aber sie sind doch Teil des Alltags. Bei unseren Recherchen fährt ein Mann auf dem Fahrrad am Reporter vorbei: "Heil Hitler", ruft er beiläufig. Ein paar hundert Meter weiter klebt an einer viel befahrenen Straße an einem Laternenmast ein Aufkleber: "Deutschland den Deutschen" steht darauf, mit dem Logo einer neonazistischen Kleinstpartei.
Bei Anne sammeln sich die Stimmen der Betroffenen von Hass und Gewalt: "Mich haben schon Leute angerufen und gesagt: 'Ich versteck mich gerade - Ich bin vor einer Gruppe von zehn Jugendlichen weggerannt!“ Jugendliche wurden brutal zusammengeschlagen. "Das ist eine immense, zunehmende Gewalt, die spürbar ist für die Leute. Und man überlegt sich dreimal, wie man sich anzieht, wenn man jung und gegen Nazis ist."
Dass Gewalt und Hass sich ausbreiten, beobachtet auch der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Gordon Lemm. Der Sozialdemokrat kommt aus dem Stadtteil und ist hier aufgewachsen. Er erzählt im DW-Gespräch: Im Visier stehen seit einiger Zeit vor allem queere Menschen: "Es gibt hier nicht wie in anderen Berliner Stadtteilen queere Cafés, die ganz normal zum Stadtbild dazugehören. Wir haben hier im Stadtteil weniger Safer-Places. Mir wird rückgespiegelt, dass sich queere Jugendliche immer weniger trauen, queer erkennbar zu sein."
Lemm beobachtet unter jungen Menschen einen Werte-Backlash: "Frauen sollen diesen Vorstellungen nach wieder eine traditionelle Rolle einnehmen und Männer sollen die Ernährer sein." Befeuert werde dieser Backlash auch durch die gewachsene gesellschaftliche Unsicherheit, sagt er im DW-Interview. "Ich nehme in meinem Stadtteil eine Form der Härte wahr: die Menschen sind für sich und wollen nicht auffallen, wollen nicht angesprochen oder blöd angeguckt werden. Da gibt es so eine Art Schutzmauer, die viele auch mit ihrem Äußeren zeigen: möglichst kurze Haare und eine Kleidung, die eine gewisse Stärke nach außen zeigt, weil man nicht Opfer sein möchte. Das sehe ich auch in Marzahn-Hellersdorf wieder stärker werden."
Alltagsrassismus gegen Migranten
Zu spüren bekommen diese Härte zuerst Menschen wie Farzaneh. Sie ist wie Anne dreißig Jahre alt und wohnt ebenfalls in Hellersdorf. Farzaneh trägt ein lockeres Kopftuch. Ihre Familie ist in Afghanistan geboren, sie selbst im Iran. Sie leben seit vielen Jahren in Hellersdorf. Sie hat Anne kennengelernt, als sie den alltäglichen Rassismus an das 'Berliner Register' gemeldet hat. "Im Haus meiner Familie wurde meine Mutter von einer älteren Frau beleidigt: Jedes Mal wenn sie meine Mutter gesehen hat, sagte sie 'Arschloch' oder andere Beleidigungen." Farzaneh lacht viel, wenn sie der DW von ihrem Alltag erzählt. Von den bösen Blicken, die sie im Supermarkt, in der U-Bahn, auf der Straße treffen. So fängt für sie Rassismus an. Aber sie wehrt sich. "Ich bin nicht schwach, nur weil ich eine Frau bin. Ich kann mich schützen."
Und trotz allem liebt sie Berlin. "Als ich letztens für längere Zeit in Südtirol war, habe ich das multikulturelle Berlin vermisst." Sie lebt gern in Deutschland und will sich nach vielen Jahren, nach Abitur und Studium, jetzt einbürgern lassen. "Das Gute in Deutschland ist: Man kann sich wenigstens bei der Antidiskriminierungsstelle melden. Im Iran gibt es das nicht. Wenigstens kann man sich wehren."
Wehren will sich auch Barbara Jungnickel. Einmal die Woche öffnet sie mitten in Hellersdorf ihren umgebauten Bauwagen: 'Café auf Rädern' nennt sie ihren Begegnungsort. Sie lädt die Nachbarschaft zu Kaffee und Keksen ein. Jungnickel ist Gemeindepädagogin der evangelischen Kirchengemeinde im Ort.
Sie will mit den Menschen ins Gespräch kommen. Mit allen Menschen. "Ich steuere die Gespräche nicht in irgendeine bestimmte Richtung, das will ich nicht", erzählt sie der DW. Angefangen hat sie mit dem Café im Jahr 2013, als eine Unterkunft für Geflüchtete im Stadtteil eröffnet wurde. "Da sind aus ganz Deutschland Rechte angereist, um hier durch die Straßen zu ziehen und ‘Nein zum Heim‘ zu brüllen. Und da waren wir als Kirchengemeinde erschrocken, wie viele Nachbarn denen einfach hinterherrennen und mit schreien."
Das Café ist ein bescheidener Ort, um Hass und Hetze etwas entgegenzusetzen. Es ist aber ein Beweis dafür, dass jeder einzelne Mensch einen Unterschied machen kann, etwas bewegen kann für ein Miteinander in einer oft anonymen Großstadt. Barbara Jungnickel, Anne, Farzaneh, der stellvertretende Bürgermeister Gordon Lemm - sie alle wollen die Stadt nicht einer aggressiven Minderheit an Menschenhassern überlassen. Sie wehren sich gegen einen besorgniserregenden Trend in Deutschland.