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"Es gibt eine stille Revolution"

Frejus Quenum
14. November 2020

Die aktuellen Spannungen in afrikanischen Ländern werden die Demokratisierung nicht aufhalten, sagt Ibrahim Mayaki, Chef des AU-Programms für wirtschaftliche Entwicklung NEPAD, im DW-Interview.

Ibrahim Mayaki
Bild: NEPAD

DW: Herr Mayaki, 2020 ist in Afrika ein Wahljahr. Einige Wahlen haben bereits stattgefunden, andere stehen vor der Tür. Aber in Westafrika - Guinea, Côte d'Ivoire, Mali - und im ostafrikanischen Tansania bedeuten Wahlen vermehrt Spannungen, sogar Tote. Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?

Ibrahim Mayaki: Es gibt einen Fahrplan der Demokratisierung. Der ist voller Hindernisse. Aber der Weg der Demokratisierung ist unvermeidlich. Ich glaube, dass es die jungen Menschen sind, die wirklich die Macht auf diesem Kontinent haben. Und diese jungen Menschen unter 25 Jahren machen 75% der Bevölkerung aus. Es findet eine stille Revolution statt, die nicht wirklich sichtbar ist. Aber sobald diese jungen Menschen, die über ein beträchtliches Gewicht bei den Wahlen verfügen, sich ihrer Macht bewusstwerden und sich organisieren, werden sie das Afrika von morgen anführen.

Der Rohstoff, auf dem die Entwicklung des Kontinents basieren soll, ist Bildung. Doch Schulen werden von verschiedenen Seiten angegriffen: von religiös motivierten Terroristen etwa, aber auch von Separatisten. Das sehen wir etwa in Kamerun, wo eine Schule im Südwesten angegriffen und Schüler massakriert wurden. Beunruhigt Sie das?

Ja, das tut es. Leider haben einige Staaten bestimmte Gebiete ihres Territoriums vernachlässigt - und diese Staaten sind sich dessen auch bewusst. Sie haben ein Vakuum geschaffen, und dieses Vakuum haben Terroristen eingenommen. Es ist zwingend notwendig, dass wir Aktionen wie die im Kamerun verurteilen. Bildung muss erhalten bleiben. Noch einmal: Afrika wird sehr bald von den jungen Menschen von heute geführt werden. Und diese jungen Menschen brauchen natürlich eine gute Bildung.

Bei allen Punkten, die Sie optimistisch sein lassen: Bedrückt es Sie, nach zehn Jahren an der Spitze der NEPAD zu sehen, wie die Politik weiter nach dem Prinzip Versuch und Irrtum agiert?

Ich bin kein Politiker, ich leite eine technische Institution. Ich sehe aber einen sehr klaren Zusammenhang: In allen Ländern, in denen die Regierungsführung effektiv, partizipativ, konsultativ ist und es klare Strategien gibt, wächst die Wirtschaft. Die Infrastruktur, der Bildungs- und Gesundheitssektor funktionieren viel besser.

Ibrahim Mayaki: "In den nächsten 20 Jahren gilt es, jedes Jahr 20 Millionen Arbeitsplätze schaffen"Bild: Getty Images/AFP/S. Kambou

Stichwort Wirtschaft: Vor einem Jahr hat die Afrikanische Union in Niamey mit viel Tamtam die Afrikanische Freihandelszone AfCFTA ins Leben gerufen. Die Staaten möchten miteinander mehr Handel treiben, denn bisher finden nur 15 Prozent des Handels innerhalb des afrikanischen. Aber die Umsetzung stockt. Glauben Sie, dass diese Initiative Wirklichkeit werden wird?

Ich denke schon. Die optimale Entwicklungsebene auf dem afrikanischen Kontext ist die regionale Ebene. In den nächsten 20 Jahren gilt es, jedes Jahr 20 Millionen Arbeitsplätze schaffen. Wie kann uns das gelingen ohne einen strukturierten Industrialisierungsprozess? Dabei gibt eine regionale Dimension. Wenn man sich die Europäische Union anschaut, spielt die Verbindung von Frankreich und Deutschland eine erhebliche Rolle, um die Europäische Union voranzubringen. Um diesen Handel in der Afrikanischen Union in Gang zu setzen, werden grundlegende Akteure wie diese benötigt. 

Deutschland ruft seine Unternehmen auf, auf den afrikanischen Markt zu gehen. Ist das mit den Prinzipien der afrikanischen kontinentalen Freihandelszone vereinbar?

Auf jeden Fall! Auch China hat seinerzeit enorm von ausländischen Investoren profitiert um den verarbeitenden Sektor auszubauen und technologische Fortschritte zu machen.

Eben dieses China ist in Afrika in vielen Ländern präsent. Und diese Präsenz beunruhigt Europa. Teilen Sie diese Besorgnis?

Mir geht es vor allem darum, dass wir in unseren Beziehungen mit China auf einer Win-win-Strategie bestehen und dass wir unsere afrikanischen Interessen verteidigen.

Sehen Sie diesen Trend, gerade angesichts der wachsenden Verschuldung?

Ja, es stimmt, dass unsere Verschuldung gegenüber China zugenommen hat, aber wir haben eine langfristige Vision des gegenseitigen Profits. Wir sind uns unserer Interessen bewusst. Und in unseren Beziehungen zu China verfolgen wir eine Win-Win-Strategie.

Das Interview führte Fréjus Quenum.

Dr. Ibrahim Mayaki ist seit 2009 Exekutivdirektor der Neuen Partnerschaft für die afrikanische Entwicklung (NEPAD), eines Programms der Afrikanischen Union für wirtschaftliche Entwicklung. Zuvor war er unter anderem Premierminister des Niger.

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