Nepal gilt als eines der Länder Asiens mit der größten Pressefreiheit. Experten sind nun besorgt, dass ein neu geplantes Social-Media-Gesetz der Regierung weitreichende Kontrolle über Online-Inhalte geben könnte.
Gegen das Soziale-Medien-Gesetz regt sich Protest in NepalBild: Subaas Shrestha/NurPhoto/picture alliance
Anzeige
Nepals Verfassung garantiert die Pressefreiheit. Der Himalaya-Staat belegte im Jahr 2024 im Weltpressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen (RSF) den 74. Platz von 180. Im Vergleich zu anderen asiatischen Ländern wie China (Platz 172) und Indien (Platz 159) gilt Nepal als eines der freiesten Länder des Kontinents.
Ein neuer Gesetzentwurf zur Regulierung sozialer Medien hat jedoch Bedenken hinsichtlich seiner möglichen Auswirkungen auf die Meinungsfreiheit geweckt. Kritiker argumentieren, dass die vagen Bestimmungen politische Meinungsverschiedenheiten unterdrücken und verfassungsrechtlich geschützte Rechte verletzen könnten.
Die Regierung behauptet, dass der Gesetzentwurf "Anstand und Transparenz im Internet" fördern soll. Der Entwurf schreibt die Registrierung von Social-Media-Konten für Unternehmen vor und erteilt den Behörden die Befugnis, "anstößige" oder "irreführende" Inhalte zu entfernen.
Nepal: Wenn Mama mit die Schulbank drückt
In Nepal können nur 57 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Auch Parwati Sunar verließ früh die Schule und bekam mit 16 ihr erstes Kind. Jetzt will sie ihre Ausbildung nachholen - in derselben Schule wie ihr Sohn.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Zwei-Zimmer-Wohnung
Die 27 jährige Parwati Sunar lebt in einem Haus mit Blechdach, das zwei Zimmer hat und aus unverputzen Ziegelsteinen besteht. Die Unterkunft teilt sie sich mit ihren Söhnen Resham (11) und Arjun (7) und ihrer Schwiegermutter. Ihr Ehemann arbeitet als Hilfsarbeiter in der südindischen Stadt Chennai.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Frei-Bad mit Pumpe
Da ihr Haus weder fließendes Wasser noch eine Toilette besitzt, gehört es zum täglichen Ritual der Familie, sich morgens vor dem Haus an der Wasserpumpe zu waschen. Ihre Notdurft verrichten sie auf einem angrenzenden Feld.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Gemeinsamer Schulweg
Nach dem Ankleiden und einer einfachen Mahlzeit aus Reis und Linsen macht sich Sunar gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn Resham (re.) auf den Weg zur Schule. Sie benötigen ungefähr 20 Minuten für den Weg. Resham hat kein Problem damit, gemeinsam mit seiner Mutter zur Schule zu gehen: "Wir unterhalten uns auf dem Weg und lernen aus unseren Gesprächen", sagt der Elfjährige gegenüber Reuters.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Die Klassenälteste
Sunar geht in die siebte Klasse der Dorfschule von Punarbas im Südwesten von Nepal. Es mache Spaß, mit ihr in eine Klasse zu gehen, sagt der 14-jährige Bijay. "Didi ist sehr nett", fügt er hinzu, wobei er den nepalesischen Begriff für eine ältere Schwester verwendet. "Ich helfe ihr beim Lernen und sie hilft mir".
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Großes Sitzfleisch auf der Schulbank
"Sie macht das toll", sagt Shruti, die in die zehnte Klasse geht, über Sunar. "Ich denke, mehr Frauen sollten es ihr gleichtun." Offiziellen Angaben zufolge besuchen 94,4 Prozent der Mädchen in Nepal die Grundschule, aber fast die Hälfte von ihnen brechen die Schule wieder ab, weil sie zum Einkommen der Familie beitragen müssen. Sunar aber will durchhalten.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Bits and bikes
Nach der Schule legen Sunar und ihr Sohn Resham die Schuluniform ab, springen auf ihr Fahrrad und fahren gemeinsam zum New World Vision Computer Institute, wo sie einen Computerkurs besuchen - als Vorbereitung auf einen möglichen zukünftigen Bürojob.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Neustart ins Arbeitsleben
"Ich genieße das Lernen und bin stolz darauf", sagt Sunar. Heute bereut die 27-Jährige es, als Teenagerin die Schule abgebrochen zu haben. Nun hat sie ihren Job als Hausmädchen im benachbarten Indien bewusst aufgegeben und möchte ihre verpasste Ausbildung nachholen - Computerkenntnisse inklusive.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Fernbeziehung per Mobiltelefon
Sunars Mann arbeitet als Hilfsarbeiter im über 2000 Kilometer entfernten Chennai in Südindien. Er unterstützt die Familie, aber sie sehen sich selten. Oft sind Videoanrufe die einzige Möglichkeit, den Kontakt zu halten. Die Familie gehört der Gemeinschaft der Dalit an - der untersten hinduistischen Kaste der "Unberührbaren".
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
Und was kommt nach Schulschluss?
Sunar sitzt abends vor ihrem kleinen Ziegelhaus in Punarbas. Was nach der Schule kommt? Sunar weiß es noch nicht. Im Moment sei ihr einziger Gedanke, die Schule abzuschließen. Aber sie hofft, dass sie nicht die Einzige ist, sondern weitere Frauen im ländlichen Nepal ihrem Beispiel folgen und ihre abgebrochene Schulbildung wieder aufnehmen.
Bild: Navesh Chitrakar/REUTERS
9 Bilder1 | 9
Der Gesetzentwurf, der "den Betrieb, die Nutzung und die Regulierung sozialer Medien überwachen" soll, schlägt vor, Social-Media-Plattformen zu verbieten, die sich nicht in Nepal registrieren.
Er sieht hohe Geldstrafen und bis zu fünf Jahre Haft für die Verbreitung falscher Informationen vor und kriminalisiert sogar das Posten in sozialen Medien anonym oder unter falscher Identität.
Was schlägt der Gesetzentwurf vor?
Der Gesetzesentwurf verlangt von allen in Nepal aktiven Social-Media-Plattformen wie Facebook und X, eine Betriebsgenehmigung einzuholen, um im Land tätig sein zu können.
Ebenso werden Beschränkungen für die Nutzung sozialer Medien festgelegt, die Aktivitäten verbieten, die den nationalen Interessen schaden, darunter Cybermobbing, Erpressung, Hacking und Datenschutzverletzungen.
Außerdem wird das Posten grafischer Inhalte, diffamierender Bemerkungen, Trollen mit beleidigenden Wörtern, Bildern oder audiovisuellen Inhalten, die den Ruf einer Person schädigen sollen, sowie Hassreden untersagt.
Menschenrechtsaktivisten erkennen zwar die Notwendigkeit einer gewissen Regulierung an, argumentieren jedoch, dass solche Maßnahmen besser durch Selbstregulierung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit statt durch staatliche Kontrolle umgesetzt werden sollten.
Nepal: Rätsel Flugzeugabstürze
12:36
This browser does not support the video element.
"Der Gesetzentwurf sollte sich darauf konzentrieren, ein unterstützendes Umfeld für Selbstregulierung und die Förderung digitaler Kompetenz zu schaffen, anstatt strenge staatliche Kontrollen aufzuerlegen", sagte Rukamanee Maharjan, Assistenzprofessorin am Nepal Law Campus, gegenüber der DW.
"Leider ist der Gesetzentwurf aus einer Verbrechens- und Strafperspektive verfasst und kriminalisiert Handlungen wie das Verbreiten von Gerüchten, die Verwendung von Pseudonymen oder das Erstellen von Social-Media-Konten ohne vorherige Genehmigung der Regierung", fügte sie hinzu.
Sie befürchtet, dass der Gesetzentwurf zu Selbstzensur unter Intellektuellen führen und diejenigen überproportional treffen könnte, die im digitalen Bereich unerfahren sind und versehentlich irreführende Inhalte teilen.
Sie betonte weiter: "Sexuelle und geschlechtliche Minderheiten wie die LGBTQ+-Community verlassen sich oft auf anonyme Namen, um ihre Sorgen und Erfahrungen zu teilen. Dieser Gesetzentwurf könnte ihre Stimme unterdrücken, indem er Anonymität mit vagen Definitionen und übermäßiger staatlicher Kontrolle kriminalisiert."
Anzeige
Kritik einschränken?
Viele Kritiker vermuten, dass der Gesetzentwurf darauf abzielt, abweichende Meinungen zum Schweigen zu bringen und die öffentliche Kritik einzudämmen, die aufgrund der schlechten Leistung der Regierung trotz ihrer starken Parlamentsmehrheit zunimmt.
Während Influencer in den sozialen Medien den Hashtag #BolnaDeSarkar (Lasst uns sprechen, Regierung) gestartet haben, schweigen die großen politische Parteien und Mainstream-Nachrichtenmedien weitgehend.
Nepal: Wie der Klimawandel die Tradition der Honigjäger bedroht
Der Klimawandel bedroht weltweit die Bienenpopulation und somit die Honigernte. Besonders deutlich wird die Entwicklung in Nepal bei den Honigjägern des Himalaja.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
In schwindelnden Höhnen
Aita Prasad Gurung baumelt an einer Felswand nahe der Gemeinde Taap im zentralnepalesischen Bezirk Lamjung. Er schneidet vorsichtig mit einer Klinge, die an einer langen Stange befestigt ist, durch eine große Honigwabe. Doch die Tradition der Honigjäger, wie sie genannt werden, ist in Gefahr.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Wildbienen auf dem Rückzug
Untersuchungen zeigen, dass der Klimawandel die Populationen der Bienen und Blüten auf der ganzen Welt verändert. In Nepal wird es deutlich: Seit Generationen durchkämmen Mitglieder der Gurung-Gemeinde, ein Volk tibetischer Abstammung, die steilen Himalaya-Felsen nach Honig. Die Ausbeute wird von Jahr zu Jahr geringer.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Kollegen genau im Blick
Zum Schutz vor den Kliffhonigbienen tragen die Männer der Gruppe einen Bakhu - eine Art Schal oder Poncho, den die Frauen im Dorf aus Schafwolle herstellen. Einer der Männer sagt. "Vergangenes Jahr gab es etwa 35 Bienenstöcke. Jetzt haben wir kaum noch 15." Wo vor zehn Jahren noch etwa 600 Kilogramm Honig geerntet wurden, kommt man heute nur noch auf 100 Kilo.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Handarbeit von Anfang an
Ganz ungefährlich ist der Job nicht. Bambus wird in lange, dünne Streifen geschnitten und zu Hängeleitern verarbeitet, auf denen sich die Honigjäger in gefährliche Höhen hängen. "Es besteht eine große Sturzgefahr", sagt Aita. Die Jäger sind sich auch bewusst, welchen Schaden sie bei den Bienen mit der Ernte anrichten: Immerhin verlieren die Tiere dabei ihr Heim samt Vorräten und Nachwuchs.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Opfergabe und Schuldbewusstsein
Vor jedem Jagdausflug führen die Jäger deswegen ein fast einstündiges Ritual durch. Sie bitten darin um göttlichen Segen und entschuldigen sich dafür, dass sie den Bienen etwas nehmen müssen. Zur Wiedergutmachung opfern sie beispielsweise einen Hahn und geben auch Eier oder Reis als Gaben.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Bienen vertreiben
Durch Rauch, der durch das Verbrennen von Blättern und kleinen Ästen erzeugt wird, sollen die Bienen von ihrer Wabe (links) vertrieben werden. Auch die Honigjäger, die schon länger dabei sind, können empfindlich auf die Stiche der Felsenbienen reagieren, die in Panik Gebrauch von ihrem Stachel machen.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Berufsrisiko
Den 18-jährigen Bashanta Gurung hat es erwischt. Durch Bienenstiche hat sein Kreislauf schlapp gemacht und die Männer bringen ihn an einen sicheren Ort. Berufsrisiko. Zwar schützen sich die Honigjäger notdürftig mit Netzhüten oder auch einfach nur mit grobmaschigen Plastiksäcken über dem Kopf, über eine vollständige Imkerausrüstung verfügen sie aber nicht.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
Fragiles Leben
Neben den Honigjägern macht vor allem das Klima den Bienen zu schaffen. Wetterkapriolen haben in den vergangenen zehn Jahren die Blütezeit in ganz Nepal unterbrochen. "Honigbienen sind sehr empfindlich und anfällig für hohe und niedrige Temperaturen, sie sterben ziemlich leicht" sagt Sundar Tiwari, Professor für Entomologie an der Land- und Forstwirtschaftsuniversität (AFU) in Chitwan.
Bild: Navesh Chitrakar/Reuters
8 Bilder1 | 8
Taranath Dahal, Vorsitzender des Freedom Forum Nepal, sagte der DW, dass Oppositionsparteien keinen Grund hätten, sich gegen den Gesetzentwurf auszusprechen, da sie während ihrer Amtszeit ähnliche Maßnahmen durchgesetzt hätten.
Die Mainstream-Medien könnten laut Dahal auch das Gefühl haben, dass ihr Publikum und ihre Einnahmen aufgrund der weit verbreiteten Nutzung sozialer Medien zurückgegangen seien.
"Ich glaube, sie werden aber auch die größeren Auswirkungen verstehen, die dazu führen, dass jede internetbasierte Kommunikation - einschließlich des Journalismus - mit Strafmaßnahmen reguliert werden", sagte Dahal, der auch ehemaliger Vorsitzender der Federation of Nepali Journalists ist.
"Wird der Gesetzentwurf angenommen, wird er abweichende Meinungen unterdrücken und politische Gegner ins Visier nehmen", befürchtet Dahal. Der Gesetzentwurf widerspreche damit zentralen Verfassungsgrundsätzen, darunter den der Presse- und Meinungsfreiheit.
"Von seiner vagen Definition sozialer Medien bis hin zu seinen weitreichenden Bestimmungen ist der Gesetzentwurf zutiefst fehlerhaft. Er geht die Regulierung aus einer strafrechtlichen Perspektive an, anstatt sie als zivilrechtliche Angelegenheit zu behandeln", kritisierte Dahal.
Was passiert als nächstes?
Die Regierung unter Premierminister KP Sharma Oli besteht weiterhin darauf, das Gesetz voranzutreiben. Nepals Informationsminister Prithvi Subba Gurung hat den Vorschlag verteidigt und die Notwendigkeit angeführt, Cybermobbing und andere Online-Vergehen einzudämmen.
"Es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn jemand die nationale Einheit, Souveränität oder soziale Harmonie durch soziale Medien bedroht", sagte er. "Bei diesem Gesetz geht es nicht darum, die Meinungsfreiheit einzuschränken, sondern darum, Chaos, Anarchie und Unanständigkeit im Internet zu regulieren."
Sobald die Rastriya Sabha (Nationalversammlung, das Oberhaus) das Gesetz genehmigt, können die Gesetzgeber Änderungen vorschlagen. Anschließend wird das Gesetz zur weiteren Beratung an die Pratinidhi Sabha (Unterhaus oder Repräsentantenhaus) geschickt, bevor es zur Überprüfung an die Rastriya Sabha zurückgeschickt wird. Danach wird es an das Büro des Präsidenten weitergeleitet, wo es in Kraft gesetzt wird.