Macht Netflix uns dümmer?
10. Februar 2026
Macht Netflix uns wirklich weniger intelligent? Ich meine damit nicht, dass man vom Fernsehen "viereckige Augen" bekommt und dass man die Stunden, die man mit dem Serienmarathon von "Bridgerton" oder "Squid Game" verbringt, besser dafür nutzen könnte, sich mit dem Werk des russischen Schriftstellers Dostojewski zu beschäftigen. Ich meine: Vereinfacht Netflix die Dialoge und Erzählungen in seinen Filmen und Serien, um sie einem Publikum anzupassen, von dem es weiß, dass es selten aufmerksam ist?
"Stranger Things": Weniger Action, mehr Geschwafel
Dieser Gedanke kam mir, als ich die letzte Staffel von "Stranger Things" sah. Die Netflix-Serie der Duffer Brothers startete 2016 als nostalgische Hommage an alles, was mit den 1980ern zu tun hat, vor allem an Stephen-King-Romane und Steven-Spielberg-Filme: "Feuerkind" trifft auf "E.T." mit einem Schuss "Dungeons and Dragons". Aber als Opfer ihres eigenen weltweiten Erfolgs ist die Serie über neun Jahre und fünf Staffeln hinweg aufgebläht und träge geworden.
Ein Großteil der anfänglichen Anziehungskraft von "Stranger Things" lag im Visuellen: die Kleidung, die Kulissen, die kitschigen, aber coolen Spezialeffekte, die epischen Kampfszenen. In der letzten Staffel sah man stattdessen Charaktere, die herumsaßen und erklärten, was sie vorhatten, während sie bereits bekannte Handlungsstränge wiederkäuten. Die Welt steht angeblich vor dem Untergang, doch Mike, Will, Nancy und Eleven scheinen immer Zeit für eine weitere Runde Erläuterungen zu haben.
Alles erzählen, nichts zeigen
"Stranger Things" ist kein Einzelfall. Wenn man sich die Netflix-Originale ansieht, fällt schnell ein Muster auf. Die Figuren beschreiben, was sie gerade tun oder fühlen. Sie erinnern daran, was kurz zuvor passiert ist. Sie erklären ihre Ziele und Beweggründe, für den Fall, dass man beim ersten - oder zweiten - Mal etwas übersehen hat.
In "Irish Wish", einer belanglosen romantischen Komödie, liefert Maddie Kelly (Lindsay Lohan) so unverblümt eine Zusammenfassung, dass es fast schon beeindruckend ist.
"Wir haben einen Tag zusammen verbracht. Ich gebe zu, es war ein wunderschöner Tag mit dramatischen Ausblicken und romantischem Regen", sagt sie, "aber das gibt dir nicht das Recht, meine Lebensentscheidungen in Frage zu stellen. Morgen heirate ich Paul Kennedy."
Ihr Liebhaber James (Ed Speleers) antwortet mit einem Satz, der wie vom Algorithmus generiert wirkt. "Gut, das wird das letzte Mal sein, dass du mich siehst, denn nachdem dieser Auftrag erledigt ist, fliege ich nach Bolivien, um eine vom Aussterben bedrohte Baum-Eidechse zu fotografieren." Die Idee lautet nicht mehr "Zeigen, nicht erzählen", sondern vielmehr "Erzählen - und noch einmal erzählen", damit der abgelenkte Zuschauer auch ja nichts verpasst. Und diese Dialoge sind kein Zufall, sondern beabsichtigt.
Geschichten für abgelenkte Zuschauer
Als Matt Damon "The Rip" drehte, seinen neuen Polizeithriller mit Ben Affleck, schlug Netflix vor, die Dialoge zu vereinfachen. Damon erzählte in einem Interview für den Podcast "The Joe Rogan Experience", die Führungskräfte von Netflix hätten erklärt, dass "es nicht schlimm wäre, wenn man die Handlung drei- oder viermal im Dialog wiederholen würde, weil die Leute während des Zuschauens an ihren Smartphones hängen".
Dieses Phänomen ist als "Second-Screen"-Nutzung bekannt, und die Algorithmen von Netflix, die sekundengenau verfolgen können, wann Zuschauer abschalten oder wegklicken, sind zu einem klaren Schluss gekommen: Das Publikum ist abgelenkt, und die Inhalte sollten dieser Ablenkung Rechnung tragen. Deshalb sind Serien und Filme so geschrieben, dass sie auch dann noch funktionieren, wenn man sie beim Online-Shoppen oder beim Scrollen durch TikTok sieht.
Die Schauspielerin und Produzentin Justine Bateman hat das als "visuelle Muzak" bezeichnet - Fernsehen als Fahrstuhlmusik.
Das ist alles nicht völlig neu. Es gab schon immer "Bügelfernsehen" - Seifenopern, Wiederholungen, Reality-Shows, die dazu gedacht sind, im Hintergrund zu laufen, während die Zuschauer etwas anderes tun. Der Unterschied besteht nun darin, dass Netflix diese Logik auf prestigeträchtige Dramen, Blockbuster-Filme und seine erfolgreichsten Serien anwendet.
Das sollte nicht überraschen. Schließlich handelt es sich um die Plattform, die ihre Marke auf dem Couch-Potato-Mantra "Netflix and chill" aufgebaut hat. Leicht verdauliche, sofort verständliche und sofort wieder vergessene Geschichten sind die Basis ihres Erfolgs.
Warum Netflix-Produktionen gleich aussehen und klingen
Und es geht nicht nur um die Dialoge. Aufmerksame Netflix-Zuschauer - mittlerweile fast schon eine vom Aussterben bedrohte Spezies - haben vielleicht bemerkt, dass viele Filme und Serien des Streamingdienstes sich in Bild und Ton auf merkwürdige Weise immer ähnlicher werden. Helle, aber kontrastarme digitale Beleuchtung. Verflachte Bilder, die auch bei Tageslicht nicht verblassen. Komprimierte Tonmischungen, die alles auf dem gleichen mittleren Niveau halten, sodass Flüstern zwar hörbar ist, Szenen jedoch an Tiefe verlieren.
Das ergibt Sinn, wenn man davon ausgeht, dass sich das Publikum nicht in einem dunklen Kino mit großer Leinwand und Surround-Sound befindet, sondern in der U-Bahn am Smartphone oder im Freien am Laptop, nur mit einem Auge zusehend, während die Sonne das Bild ausbleicht.
Was verloren geht, wenn die Aufmerksamkeit schwindet
Langsam entfernt uns das von der Vorstellung des Films als immersiver, visueller Kunstform. Es entfernt uns von Bildausschnitt, Beleuchtung und der Ausdruckskraft der Stille - den Werkzeugen des Kinos.
Dennoch ist die Entwicklung hin zu algorithmisch programmiertem Schund nicht unvermeidlich. Der größte Serienhit von Netflix im letzten Jahr war "Adolescence", ein britisches Sozialdrama in einer einzigen Einstellung, das sich dem Zuschauen auf einem zweiten Bildschirm formal verweigerte. Der erfolgreichste Originalfilm war "KPop Demon Hunters", ein Animationsfilm, der östliche und westliche Erzähltraditionen miteinander verband und Aufmerksamkeit verlangte - nicht zuletzt, indem er die Zuschauer dazu animierte, die Chart-Hits mitzusingen.
Beide funktionierten gerade deshalb, weil sie ihrem Publikum mehr abverlangten, nicht weniger. Wenn die Zuschauer nur Hintergrundgeräusche wollen, liefert Netflix diese gerne. Die eigentliche Frage ist, ob das Publikum es bemerkt - oder sich darum schert -, wenn die Plattform ganz aufhört, seine Aufmerksamkeit zu fordern.
Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel