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KonflikteNahost

Neue Eskalation in Nahost nach US-Vergeltungsangriffen?

Uta Steinwehr
5. Februar 2024

Gut eine Woche haben sich die USA Zeit gelassen, um militärisch auf den Tod von drei US-Soldaten in Jordanien zu reagieren. Zugleich kündigts die US-Regierung weitere Vergeltung an. Im Visier: Der Iran und seine Milizen.

Menschen in Armee-Uniform stehen neben einer Metallbox, die mit einer US-Fahne bedeckt ist.
Drei US-Soldaten starben bei einem Drohnenangriff Ende Januar in Jordanien - hier kommen ihre Särge in den USA anBild: Roberto Schmidt/AFP

Welche Ziele wurden angegriffen?

Die USA hatten in der Nacht zum Samstag mehrere Ziele im Irak und Syrien bombardiert. Die US-Regierung erklärte, es seien mehr als 85 Ziele angegriffen worden. Darunter seien Kommandozentralen und Geheimdienststandorte gewesen sowie Waffenlager von den Al-Kuds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden und mit ihnen verbundene Milizen. Nach Angaben aus Syrien und dem Irak starben dabei 45 Menschen.

Einen Tag später, in der Nacht zum Sonntag, griffen die USA erneut an, dieses Mal zusammen mit Großbritannien. Diese Angriffe richteten sich gegen mehrere Ziele der Huthi-Miliz im Jemen. Auch sie wird vom Iran unterstützt. Getroffen wurden laut US-Verteidigungsministeriums unter anderem Waffenlager, Raketensysteme und Abschussvorrichtungen.

Was war der Auslöser?

Die Angriffe auf die Ziele in Syrien und im Irak sind für die USA Vergeltung für eine tödliche Attacke eine Woche zuvor. Am 28. Januar war eine Drohne in einen Stützpunkt in Jordanien eingeschlagen, wobei drei US-Soldaten getötet und mehr als 40 weitere verletzt wurden.

Washington machte den vom Iran unterstützten Islamischen Widerstand im Irak dafür verantwortlich - und damit auch den Iran selbst. Der Iran und die USA sind seit Jahrzehnten verfeindet. Seit 1980 gibt es offiziell keine diplomatischen Beziehungen.

Die Schifffahrtsroute durch das Rote Meer ist gefährlich geworden - hier brennt ein Öltanker, nachdem er von jemenitischen Huthi-Rebellen beschossen wurdeBild: Indian Navy/AP/dpa/picture alliance

Die Angriffe gegen die Huthi-Miliz im Jemen wiederum sind eine Reaktion der USA auf Attacken, die die Miliz seit Wochen auf Handelsschiffe im Roten Meer verübt. Diese wirken sich auf den globalen Handel aus.

Der Weg über das Rote Meer zwischen der arabischen Halbinsel und Afrika ist eine der wichtigsten Seerouten weltweit. Inzwischen nutzen einige Reedereien lieber den längeren Weg um die Südspitze Afrikas. Das dauert laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft bis zu 20 Tage länger, womit die Kosten für den Transport steigen.

Was könnte folgen?

Bei den Angriffen vom Wochenende wird es nicht bleiben. US-Präsident Joe Biden erklärte, sie seien nur der Beginn "unserer Antwort". Sie werde "zu Zeitpunkten und an Orten weitergehen, über die wir entscheiden werden". Bidens Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan betonte: "Es wird weitere Schritte geben: einige bekannte, einige vielleicht bisher nicht dagewesene."

Mehr als 85 Ziele in Syrien und - wie hier - im Irak hat das US-Militär nach eigenen Angaben am Wochenende angegriffenBild: Stringer /REUTERS

Wie die Amerikaner weiter reagieren, dürfte auch davon abhängen, was der Iran und dessen verbündete Milizen als Nächstes tun. Ein Sprecher der Huthi sagte bereits, die Angriffe würden "nicht ohne Antwort und Konsequenzen bleiben".

An diesem Montag gab es einen weiteren Drohnenangriff auf einen US-Stützpunkt in Syrien, bei dem US-Verbündete getötet wurden. Die pro-iranische Gruppe Islamischer Widerstand im Irak bekannte sich zu dem Angriff.

Ray Takeyh vom in den USA ansässigen Council on Foreign Relations denkt, dass die USA auch wirtschaftliche Strafen verhängen können. Diese seien jedoch weniger effektiv. "Die Vereinigten Staaten können Maßnahmen gegen iranische Ziele außerhalb des Irans ergreifen, zum Beispiel gegen iranische Marineschiffe oder Militärpersonal in anderen Ländern wie Irak und Syrien. Die wirksamste Reaktion dürfte jedoch ein direkter Angriff auf militärische Ziele im Iran selbst sein", schätzt der Experte für den Iran und US-Außenpolitik in einem Artikel für den Think Tank ein. Damit würden die USA jedoch eine weitere Eskalation provozieren.

Der Nationale Sicherheitsberater Sullivan lehnte es ab, sich dazu zu äußern, ob die Vereinigten Staaten Standorte im Iran angreifen könnten. Immerhin betonte Sullivan: "Ich würde es nicht als unbefristeten Militäreinsatz bezeichnen."

Könnte der Konflikt außer Kontrolle geraten?

Ja, die Gefahr besteht. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell warnte vor einer Eskalation im Nahen Osten. Die Region sei "ein Kessel, der explodieren kann".

Auch wenn sie sich drohen - sowohl der Iran als auch die USA scheinen im Moment nicht auf eine direkte militärische Konfrontation aus zu sein. "Ich glaube nicht, dass wir einen größeren Krieg im Nahen Osten brauchen", sagte US-Präsident Biden in einer Pressekonferenz. "Das ist nicht mein Ziel."

Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Nasser Kanani, sagte am Montag, der Iran versuche nicht, die Spannungen und Krisen in der Region zu verschärfen. Sollten die USA iranisches Territorium angreifen, werde der Iran allerdings darauf reagieren. Und diese Antwort werde "bei den Aggressoren zu Reue" führen.

Wie US-Präsident Joe Biden auf die Angriffe reagiert, ist für ihn auch wichtig im Wahlkampf der Präsidentschaftswahl im NovemberBild: picture alliance / CNP/AdMedia

Mahjoob Zweiri, Direktor des Zentrums für Golfstudien an der Universität Katar, erwartet, dass der Iran den Status quo beibehalten will. "Sie halten den Feind hinter den Grenzen, weit weg. Sie sind nicht an einer direkten militärischen Konfrontation interessiert, die zu Angriffen auf ihre Städte oder ihre Heimat führen könnte", sagte er gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Die jüngsten Angriffe sind jedoch nur eine Reihe von vielen: Nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums griffen pro-iranische Gruppen zwischen Mitte Oktober und Ende Januar mehr als 160 Mal US-Stützpunkte im Irak und Syrien an. Das US-Militär reagierte mehrfach. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Spirale nun aufhört. Und sie könnte leicht eskalieren, sollten noch mehr US-Soldaten getötet werden.

Was außerdem eine Rolle spielt: Der US-Präsident steht in den USA unter Druck. Er ist bereits im Wahlkampf für die Präsidentschaftswahl im November. Bidens politischen Gegner, die Republikaner, könnten die Situation für sich ausnutzen, schätzt Mario Del Pero, Professor für internationale Politik an der Universität SciencePo in Paris, die Lage ein. "Sie stellen Biden als schwach und ineffektiv dar, wenn er sich zur Zurückhaltung entschließt, oder als rücksichtslos und inkompetent, wenn er versehentlich eine Eskalation auslöst", sagt Del Pero dem italienischen Think Tank ISPI.

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