1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

"Schöne" Kunst des Nationalsozialismus

2. November 2011

Nackte Körper, heile Welt: Archaisch und überlegen sollte die Kunst im Hitler-Deutschland auf den Betrachter wirken. Doch wiedergefundene Bilder der Kunstausstellungen zeigen, wie banal die Nazi-Kunst tatsächlich war.

Dokumentation von Raum 9 der GDK 1940 Foto: ZIK München
Bild: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek

Bizarres, Verzerrtes, Abstraktes – das suchte man in der "Großen Deutschen Kunstausstellung" der Nationalsozialisten vergeblich. Werke von Meistern der Moderne wie Otto Dix, Ernst Barlach, Franz Marc, Karl Schmidt-Rottluff oder Oskar Schlemmer hatten sie schon unmittelbar nach der Machtübernahme als "entartet" diffamiert und aus den Museen entfernt. Als im Juli 1937 die berüchtigte Ausstellung "Entartete Kunst" erstmals in München gezeigt wurde, startete im Haus der Deutschen Kunst parallel dazu die erste "Große Deutsche Kunstausstellung", die dem Besucher laut Katalog "nur das Vollkommenste, Fertigste und Beste zeigen kann, was deutsche Kunst zu vollbringen vermag".

Zufällige Entdeckung

Ivo Saligers Bilder "Die Rast der Diana" und "Urteil des Paris"Bild: picture-alliance/ZB

Diese nationalsozialistischen Kunstschauen wurden bis 1944 fotografisch genauestens dokumentiert. Die Fotosammlungen gerieten nach dem Krieg in Vergessenheit und dämmerten Jahrzehnte lang im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZIK) vor sich hin. "Deren Existenz war nicht bekannt, man hielt nicht für möglich, dass davon Fotodokumentationen existierten", sagt Christian Fuhrmeister vom ZIK. "Erst ab 2004 haben wir die Alben wiederentdeckt." Schnell fanden er und seine Kollegen heraus, dass es sich bei den Fotos um die "Große Deutsche Kunstausstellung" handelte, und so entstand die Idee, ein Forschungsprojekt daraus zu machen.

Heroen und Stillleben

Bis heute gelten vor allem die protzig-heroischen Männer- und Frauenplastiken Arno Brekers als Inbegriff der nationalsozialistischen Ästhetik; auch viele andere Gemälde, Zeichnungen und Drucke verherrlichten die braune Ideologie.

"Kalenberger Bauernfamilie" von Alfred WisselBild: Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte man in den Ausstellungen zudem Bilder mit marschierenden oder kämpfenden Soldaten sehen, sagt Christian Fuhrmeister: "Diese Arbeiten gab es, aber das waren zehn oder dreißig Bilder von 1800. Hauptsächlich waren Themen vertreten, die für den bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Kunstgeschmack seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vorherrschend waren". Dazu gehörten vor allem Landschaftsbilder, Stillleben oder Tierdarstellungen.

Idealbild des Systems

Daneben, so Fuhrmeister, befanden sich in den großen Räumen zahllose Vitrinen mit Kunstgewerbe, kleinen Figuren, Kinderköpfen und Schäferhunden aus Porzellan sowie anderen Objekten, die heute nur als Nippes oder Kitsch bezeichnet werden können. Zwar wurden die ausgestellten Kunstwerke auch verkauft, doch viel blieb für das normale Publikum meist nicht übrig. "Insbesondere die Funktionärs-Elite hat Käufe getätigt. Hitler selber war mit riesigem Abstand der größte Käufer und hat sieben Millionen Reichsmark ausgegeben, um zeitgenössische Werke auf der Kunstausstellung zu erwerben." Diese Kunst konnte dem einstigen Postkartenmaler Hitler nur gefallen – denn darin spiegelte sich sein höchst eingeschränktes künstlerisches "Selbstverständnis" ideal wider.

Besucherandrang 1940Bild: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek

Auseinandersetzung mit NS-Kunst

Eines zeigen die Alben über die "Große Deutsche Kunstausstellung" sehr deutlich: Nicht die muskelbepackten oder drallen blonden und blauäugigen deutschen Jungmannen- und Frauenbildnisse dominierten die Kunstausstellung, sondern zahllose geradezu grotesk banal bis biedermeierlich wirkende Arbeiten. Hitlers 'schöne' Kunstästhetik entpuppt sich rasch als plumpe rückwärtsgewandte kleinbürgerliche Kunst des eher schlechten Geschmacks. Zugleich werfen die jetzt veröffentlichten Bilder der Kunstausstellung für Christian Fuhrmeister neue Fragen hinsichtlich der Bewertung der NS-Kunst auf; beispielsweise ob Landschaftsgemälde politisch sein können und was eine Gebirgslandschaft von einer 'Blut-und-Boden'- oder Heimatmalerei unterscheidet. Den Anstoß zu neuen Antworten darauf hat das Forschungsprojekt geliefert.

Autor: Klaus Gehrke

Redaktion: Aya Bach