Uganda: Mit genmanipulierten Mücken gegen Malaria
30. Mai 2025
Laborassistentin Angela Nakamura zieht sich die blauen Plastikhandschuhe über. Dann greift sie in eine Box, die rundherum mit einem Moskitonetz umwickelt ist. Darin summt es: Hunderte Stechmücken schwirren umher. Sie suchen nach Blut. "Bevor ich anfangen kann, muss ich sicherstellen, dass ich die Sicherheitsregeln einhalte", erklärt die ugandischen Insektenforscherin: "Dazu gehören beispielsweise Handschuhe und Laborkittel, um mögliche Mückenstiche zu vermeiden."
Der Grund: In den Hochsicherheitslaboren hinter den versiegelten Türen und Fenstern im Virusinstitut in Uganda erforschen Wissenschaftlerinnen und Wisenschaftler genetisch manipulierte Anopheles-Mücken - jene Moskitos, die Parasiten in sich haben können, die die gefährliche Infektionskrankheit Malaria übertragen.
Im Herzen des Hochsicherheitslabors: Wo Mücken zur Forschung werden
"Damit sie Eier legen, müssen wir die erwachsenen Mücken zunächst für drei Tage mit Blut füttern", erklärt Nakamura. Dafür verabreicht sie den Moskitos menschliches Blut aus der Blutbank, das auf genau 37 Grad Körpertemperatur aufgewärmt ist. "Am nächsten Tag, an dem wir Eier aus den Mücken erwarten, stellen wir unsere Eierablageschalen auf", so Nakamura.
Malaria, auch Sumpffieber genannt, zählt in den Tropen zu einer der tödlichsten Krankheiten, vor allem für Kleinkinder. Fast jede Minute stirbt daran weltweit ein Kind unter fünf Jahren. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden jährlich rund 263 Millionen Menschen positiv getestet, 94 Prozent davon in Afrika. Sie gilt damit als die häufigste Infektionskrankheit der Welt. Und sie breitet sich im Zuge des Klimawandels und der damit einhergehenden Temperaturerhöhung - auch in Europa und Nordamerika - immer weiter aus.
Doch das wollen die Forschenden stoppen. Die Weltgemeinschaft hat sich als Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 Malaria völlig auszurotten. Um diesem Ziel näher zu kommen, probiert Ugandas renommiertes Forschungsinstitut, an dem auch Viren wie Ebola oder Zika erforscht werden, ganz neue Ansätze aus. Die Idee ist, mittels ausgefeilter Genmanipulation an der Stechmücke direkt anzusetzen - und diese in Zukunft komplett auszurotten.
Warum nur die weiblichen Mücken zur Gefahr werden
Während Laborassistentin Nakaruma die Türen des Hochsicherheitslabors verriegelt, studiert im Vorzimmer Doktor Jonathan Kayondo an seinem Schreibtisch Mikroskop-Aufnahmen von Moskitolarven. Kayondo ist Chef der Abteilung für Insektenforschung an Ugandas Virusinstitut und leitet ein 40-köpfiges Forschungsteam, das Teil eines weltweiten Konsortiums ist. In dem sogenannten "Target Malaria"-Projekt sind insgesamt über 200 Forscher tätig, darunter auch in den USA, Großbritannien, Italien und Burkina Faso.
"Indem wir ein Gen gezielt beeinflussen, können wir die Zahl der männlichen Tiere steigern", erklärt der Insektenforscher den Ansatz. Wenn über Generationen hinweg mehr männliche als weibliche Larven schlüpfen, so Kayondo, "dann unterbricht dies letztendlich die Malariaübertragung, da es die weiblichen Mücken sind, die zustechen und die Krankheit übertragen."
Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Bislang wurden nur in den Laboren der Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention (CDC) in den USA die Genstränge verändert und die Folgen untersucht. Die ersten genmanipulierten Stechmücken wurden nun als Larven in Hochsicherheitsboxen nach Uganda geflogen, um sie dort in naher Zukunft in freier Wildbahn testen zu können.
"Die Gen-Modifikation ist wahrscheinlich der einfachste Teil", so Kayondo. Doch sobald diese Genveränderung vorgenommen wurde, müssen die Mücken eine Reihe von Sicherheitsstudien bestehen. "Wir wollen sichergehen, dass die Genmanipulation die Malariaübertragung beeinflussen kann, aber nicht zu anderen Effekten führt", so Kayondo, "wie beispielsweise zu einer besseren Übertragung anderer Krankheiten."
Malaria: Eine dunkle Geschichte
Der kleine Mann im etwas zu großen Anzug zeigt aus dem Fenster. Das afrikaweit führende Vireninstitut, das in der Kolonialzeit von den Briten gegründet wurde, liegt auf einer Anhöhe mit Blick über den Victoriasee. Dort draußen, auf den zahlreichen Inseln des Ssese-Archipels, benannt nach der Tsetse-Fliege, hat bereits 1906 der damals noch junge deutsche Tropenmediziner und frisch gekürte Nobelpreisträger Robert Koch im Auftrag der deutschen Kolonialherren die Schlafkrankheit erforscht. Sie wird von der Tsetse-Fliege übertragen und hatte zu jener Zeit eine Viertelmillion Menschen in Deutsch-Ostafrika dahingerafft. Um Medikamente zu testen, hatten deutsche Forscher auf den Ssese-Inseln Konzentrationslager eingerichtet, wo sie totkranke Afrikaner zusammenpferchten und ihnen Chemikalien einflößten, die zum Teil giftig waren.
Auf diesen Inseln will Kayondo in den kommenden Jahren nun auch die genmanipulierten Moskitos aussetzen, um sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu testen. "In der finalen Studie müssen wir die Wirksamkeit durch Feldversuche nachweisen", erklärt er. "Wir planen derzeit noch den Ablauf der Studie. Vorausgesetzt, die Feldversuche werden genehmigt, sollten wir in vielleicht zwei oder drei Jahren bereit sein", so Kayondo.
Im Kampf gegen Malaria: Ein Rennen gegen die Uhr
Die Vereinten Nationen (UN) hatten 2016 Ziele für die nachhaltige Entwicklung des Planeten ausformuliert. Darin ist auch eine Reduktion der globalen Malariafälle von mindestens 90 Prozent bis 2030 angedacht.
Wissenschaftler wie Kayondo wissen: Der Kampf gegen die Malaria ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn als Folge des Klimawandels und der steigenden Temperaturen breitet sich die Fieberkrankheit weltweit immer mehr aus. Zunehmend werden Malariamücken auch in den USA und Europa entdeckt, so wie in Griechenland, Spanien und Portugal. Bereits 2023 gaben die CDC eine Warnung heraus, nachdem sechs Menschen in Florida und Texas an Malaria erkrankten.
Um das Ziel bis 2030 zu erreichen, seieninnovative Ansätze wie dieser extrem wichtig, so Scott Filler, Senior-Krankheitskoordinator beim Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria . "Aus der Geschichte wissen wir, dass wir das biologische Wettrüsten verlieren können, wenn wir weiterhin nur Malaria behandeln", so Filler. "Denn die Parasiten entwickeln stetig neue Resistenzen gegen die gängigen Behandlungsmethoden." Doch die Forschung in Uganda könnte zeigen, dass die größte Hoffnung im Kampf gegen Malaria im kleinsten Lebewesen stecken könnte.