Neuer Kampfjet: Merz und Macron sollen schlichten
28. August 2025
Es ist mit mindestens 100 Milliarden Euro das teuerste einzelne Rüstungsprojekt Europas: Das "Future Combat Air System" (FCAS) soll einen neuen europäischen Kampfjet ab dem Jahr 2040 mit Drohnenflotten vereinen, gesteuert aus einer europäischen Verteidigungs-Cloud.
"Es ist eher ein fliegendes Kampfsystem", sagt der deutsche Sicherheitsexperte Christian Mölling im DW-Interview. Das Ziel: Mehr Unabhängigkeit von den USA und dem dort produzierten Kampfjet F-35 mit Tarnkappen-Technologie.
Doch vor allem um das eigentliche Flugzeug gibt es Streit zwischen den beteiligten Firmen Dassault in Frankreich sowie Airbus in Deutschland und Spanien.
Druck vom französischen Rüstungskonzern Dassault
Der ist jetzt so stark eskaliert, dass nun die Chefs ranmüssen: Überraschend kommen der französische Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz zum Treffen des deutsch-französischen Sicherheits- und Verteidigungsrates ins südfranzösische Toulon. Das Gremium tagt zwei Mal im Jahr, meistens unbeachtet von der großen Öffentlichkeit.
Doch vor allem der Vorstandsvorsitzende des französischen Kampfjetbauers Dassault hat in den vergangenen Monaten großen Druck aufgebaut. Die Firma baut entscheidende Komponenten für die atomare Abschreckung Frankreichs, die Grundlage für die militärische Unabhängigkeit des Landes.
Im April spielte Dassault-Chef Éric Trappier vor dem Verteidigungsausschuss im französischen Parlament die nationale Karte: Manche sagten, "eine Schwächung dieser Unabhängigkeit" wie durch das FCAS-Projekt "sei nicht so schädlich", weil sie durch die gegenseitige Abhängigkeit der europäischen Partner ausgeglichen würde. Doch er glaube, so Trappier, "wenn man diesen Schritt einmal getan hat, gibt es kein Zurück mehr."
Airbus Deutschland pocht auf Produktionsanteile
Daher müsse sorgfältig abgewogen werden, "was wir unseren Verbündeten überlassen". Das ist starker Tobak für die Verfechter einer gesamteuropäischen Rüstungsindustrie. Die Politik müsse entscheiden mit wem Frankreich den Kampfjet der nächsten Generation baue.
Der europäische Luftfahrtkonzern Airbus hingegen pocht genauso auf Mitsprache. Airbus baut in Deutschland den bisherigen Kampfjet der deutschen Luftwaffe, den Eurofighter, und will sich aus dem Geschäft nicht verdrängen lassen.
"Das ist etwas, das Deutschland sehr gut macht und Deutschland möchte das behalten", sagt der Rüstungsexperte Emil Archambault vom Think Tank DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) in Berlin im DW-Interview.
Vertragsverhandlungen für zweite Projektphase: Prototyp des Kampfjets
Grund für die Eskalation des deutsch-französischen Streits im Moment ist, dass im Hintergrund Verträge für die nächste, die zweite Projektphase verhandelt werden: Es geht um den Bau des ersten Prototyps des Flugzeuges als Herz des neuen Systems. Hier will die Firma Dassault noch mehr Entscheidungsmacht als ohnehin schon.
Man könne die genaue Aufteilung ändern, so DGAP-Forscher Archambault. "So, dass Frankreich einen größeren Anteil des Flugzeugs baut" und andere Bereiche in Deutschland und Spanien dagegen stärke. "Doch das kann auch sehr kompliziert sein. Denn es geht ja nicht nur um die Hauptfirmen, sondern auch die mittelständischen Zulieferer. Da geht es um die Frage: wer macht genau was, und wer koordiniert das", sagt Archambault. In einem Werbevideo im Internet versucht zumindest Airbus den Eindruck der Technologie-Führerschaft zu vermitteln.
Politisches Signal in Toulon erwartet
Bei dem Treffen von Präsident und Kanzler in Südfrankreich erwartet Archambault aber kaum mehr als ein "politisches Signal", dass Frankreich und Deutschland das Projekt weiterbetreiben. Gespräche über Vertragsdetails könne es kaum geben, solange der dritte Partner - Spanien - nicht mit am Tisch sitze.
Doch die Zeit drängt: Bei seinem Besuch in Berlin im Juli vereinbarte der französische Präsident Macron mit Kanzler Friedrich Merz, dass ihre Verteidigungsminister schon im Herbst eine endgültige Lösung vorlegen sollen. Andernfalls ist der Beginn von Projektphase zwei im kommenden Jahr unrealistisch.
Allerdings hat der deutsche Kanzler im Moment womöglich die besseren Argumente: vor allem mehr Geld. Frankreich ist hoch verschuldet und die Regierung steht womöglich vor dem Aus, weil sie keine Mehrheit für den Haushalt bekommt.
"Das Besondere ist, dass Deutschland in der besonderen einmaligen Situation ist, eine Priorisierung zwischen kurzfristigen und langfristigen Rüstungsprojekten derzeit nicht machen zu müssen, weil wir die Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse haben", sagt Sicherheitsexperte Christian Mölling im DW-Interview.
Deutschlands schnelle Wiederaufrüstung wichtiger als Zukunftsprojekte wie FCAS?
Vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Russland und Moskaus Angriffskrieg in der Ukraine gebe es in Deutschland "eine sehr kurzfristige Rüstungsagenda, die heißt wir kaufen mehr von dem was wir schon haben und was funktioniert. Und dann sind da Zukunftsprojekte wie FCAS, die sind jetzt gerade nicht so wichtig", so Mölling. Er könne sich vorstellen, dass das Projekt FCAS verschlankt oder auch zeitlich gestreckt werde.
Möglicherweise könnte aber auch ein Perspektivwechsel helfen beim hochgekochten Streit mit dem französischen Kampfjet-Bauer Dassault.
"Auch, wenn es einige Leute nicht gerne hören", so Mölling mit Blick auf Frankreichs Stolz in der eigenen Kampfjet-Produktion: "Der Jet, also die Zelle, ist gar nicht die wichtigste Technologie" bei FCAS. Viel wichtiger seien die Drohnen, die "sogenannten Carrier" und vielleicht noch wichtiger die "Combat Cloud", also die Software, die alle Kampfsysteme miteinander verbinde.
Wichtiger als der Kampfjet: Digitale Vernetzung
Genau das zeige sich gerade bei der Verteidigung der Ukraine, wo Drohnen eine zentrale Rolle spielten, so Mölling. Denn: es seien gar nicht die Drohnen selbst, die der Ukraine bei ihrem Abwehrkampf helfen, sondern die Vernetzung aller Informationen: Bilder von Drohnen, Satelliten, Aufklärung.
"Das ist im Grunde genommen der Schlüssel, den man beherrschen muss auch und vor allem, wenn man von den Amerikanern unabhängig werden will." Und das wollen alle Beteiligten.
Er glaube deshalb, so Mölling, dass FCAS nicht vor dem Aus stehe. Präsident und Kanzler würden klar machen: "Das kann nicht sterben, also wenn die beiden da hinkommen, dann ist das erstmal auch ein Energiepush, ein klares politisches Zeichen" – für eine Zukunft von FCAS. Irgendwann.